SZ 19.11.2025
18:27 Uhr

(+) Deutsch-brasilianische Beziehungen: Des Kanzlers Wort, mal wieder


Friedrich Merz reiste einmal quer über den Atlantik, um den Klimagipfel in Belém zu beehren. Wieder daheim, hat er mit wenigen Worten den guten Eindruck zerstört. Die Scherben kehren nun andere auf.

(+) Deutsch-brasilianische Beziehungen: Des Kanzlers Wort, mal wieder

Als Diplomat ist André Aranha Corrêa do Lago eigentlich kein Freund allzu scharfer Töne, und gemessen daran ist er jetzt schon ziemlich deutlich. So viel Gutes höre er derzeit über Belém, sagt Corrêa do Lago, der Präsident der Klimakonferenz COP 30, bei einer Pressekonferenz. Mit denen, die das nicht zu schätzen wüssten, müsse man sich nicht weiter befassen. „Wir stehen darüber.“ Denen, das ist in dem Fall nur einer, do Lago spricht den Namen nicht aus: Friedrich Merz.

Zwei Wochen ist es her, da reiste der Kanzler selbst nach Belém, er blieb dort aber keine 24 Stunden. Eine Woche ist es her, da sprach Merz bei einem Handelskongress in Berlin, unter anderem über die Schönheit Deutschlands. Auf dem Heimflug von Belém, so erzählte er dort, habe er die mitreisenden Journalisten gefragt, wer denn lieber dort geblieben wäre. „Da hat keiner die Hand gehoben“, erzählte Merz. „Die waren alle froh, dass wir vor allen Dingen von diesem Ort, an dem wir da waren, in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind.“

Und seit ein paar Tagen sind diese Sätze nun auch nach Brasilien gesickert, mitten hinein in eine Klimakonferenz, bei der Umweltminister Carsten Schneider (SPD) versucht, Deutschland als Partner für den Klimaschutz zu präsentieren. „Ich finde das ein ganz großartiges Land“, sagt Schneider nun bei jeder Gelegenheit, „unglaublich gastfreundlich und liebenswert.“ Doch die Worte des Kanzlers schlagen den deutschen Verhandlern derzeit ins Gesicht wie ein strammer Wind.

Während die Weltgemeinschaft in Belém um minimalste Klimaziele ringt, kann Fernando Galvão Bezerra aus seiner Cessna dem Regenwald von oben beim Sterben zusehen. Ein Flug über menschengemachte Abgründe.

In Brasilien selbst ist das Echo verheerend. In sozialen Medien ist von „Fremdenfeindlichkeit“ und „Respektlosigkeit“ die Rede. „Konservativ, pragmatisch und Millionär: Wer ist der deutsche Kanzler, der sagte, die deutsche Delegation sei froh, Brasilien zu verlassen?“ lautete der Titel eines Porträts beim Portal O Globo. Der Gouverneur von Rio de Janeiro, Eduardo Paes, bezeichnete Merz als „Hitlers Sohn“ und „Nazi“ – löschte den Beitrag aber später wieder. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva empfahl Merz, einmal in einer Bar in Belém tanzen zu gehen oder das dortige Essen und die Gastfreundschaft zu genießen. Immerhin Letzteres hatte Merz bei seinem Abstecher gemacht. Aber der Schaden ist da.

Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil war am Rande seines China-Besuchs nach dem jüngsten Renten-Streit bemüht, keinen weiteren Koalitionskonflikt heraufzubeschwören. Angesprochen auf die Äußerungen des Kanzlers und die Reaktion Lulas sagte Klingbeil in Shanghai: „Ich bin immer dafür, dass Politiker auch mal frei reden dürfen.“ Er glaube, dass das insgesamt ein sehr guter Besuch gewesen sei, den der Bundeskanzler in Belém hatte. „Aber ich habe auch wahrgenommen, dass es diese Irritation gibt.“

Die SPD pflegt seit Jahren enge Beziehungen zu Lula und seiner Arbeiterpartei. Der frühere Vorsitzende Martin Schulz besuchte ihn sogar im Gefängnis in Curitiba, als er dort wegen Korruptionsvorwürfen einsaß. Auch Solidarität mit dem globalen Süden ist den Sozialdemokraten seit jeher ein Anliegen, auch Klingbeil. Entsprechend frustriert fallen nun einige Reaktionen in der SPD aus. Der Kanzler habe sich nicht richtig im Griff, agiere arrogant, heißt es.

Des Kanzlers Wort zu Belém folgt auf eine Reihe umstrittener Aussagen von Merz. Mal sprach er von „kleinen Paschas“ und meinte die Söhne von Migranten, mal lobte er Israel dafür, dass es in Iran für den Westen die Drecksarbeit mache. Zuletzt hatten seine Äußerungen zu Folgen der Migration für das „Stadtbild“ Empörung ausgelöst. Und auch im Äußeren hatte Merz zuletzt Partner geprellt. So fühlte sich schon Kolumbien brüskiert vom Kanzler, weil er sehr kurzfristig seine Teilnahme am EU-Lateinamerika-Gipfel in Santa Marta absagte. Hierhin hätte er von Belém aus reisen sollen.

Derweil bemüht sich Regierungssprecher Stefan Kornelius, den Worten des Kanzlers die Spitze zu nehmen. Auch Merz selbst hätte gerne mehr Zeit gehabt, um die Gegend besser kennenzulernen, sagte er. Die Beziehungen seien weiterhin „exzellent“. Entschuldigen wolle sich der Kanzler aber nicht.

Schneider wiederum traf Lula am Mittwoch am Rande der Konferenz. Er habe ihm persönlich die Grüße des Kanzlers überbracht, sagt er anschließend. Belém sei der beste Austragungsort, den man sich denken könne. Im Übrigen habe er den Rat des Präsidenten befolgt und in den vergangenen Tagen mit vielen Menschen gesprochen. „Was ich nicht gemacht habe, ist tanzen.“ Dazu reiche sein Talent nicht.

Nach ihrem Protest gegen die Weltklimakonferenz ist es an der Zeit, über die Indigenen in Brasiliens Regenwald nicht nur zu reden – sondern ihnen auch mal zuzuhören. Was denken die Yanomami über die Weißen?

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