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09.02.2026
17:13 Uhr
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Mehrere Grafikerinnen und Grafiker erheben Vorwürfe gegen den Künstler. Die Stadt stellt sich nach einer Prüfung hinter ihn. Warum der Einsatz von künstlicher Intelligenz auch für sie ganz schön peinlich wäre.

Fragt man die künstliche Intelligenz (KI) Gemini, dann ist der Fall klar: „Nein, das offizielle Plakatmotiv für das Oktoberfest 2026 wurde nicht mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt.“ Könne ja gar nicht sein, meint die KI, immerhin habe der Entwurf von Florian Huber, der am Freitag der Öffentlichkeit präsentiert wurde, ja beim diesjährigen Wettbewerb gewonnen. Nur: Was die KI sagt, ist das eine.
Es gibt Grafikerinnen und Grafiker, die sich in E-Mails an die Süddeutsche Zeitung und in sozialen Netzwerken gegenteilig äußern. „Der Entwurf ist zu großen Teilen, wenn nicht zu 100 Prozent KI-generiert“, sagt zum Beispiel der Münchner Grafiker Simon Marchner in einem Video, das er auf Instagram veröffentlicht hat. Damit stellen sich gleich mehrere Fragen: War tatsächlich KI am Werk? Wenn ja, ist das überhaupt ein Regelverstoß? Und: Was bedeutet die Diskussion für einen städtischen Wettbewerb, der auf mehr als 70 Jahre zurückblickt?
Zunächst einmal zu den Vorwürfen. Die klingen im Kern alle ähnlich: verzogene Proportionen, diffuse Strukturen, verschwommene Farbflächen. All das, sagt zum Beispiel Marchner, sei „typisch für generative KI“. Das sehen übrigens auch ein paar andere KIs so, die man neben Gemini noch befragt. Wenn also generative KI zum Einsatz gekommen sei, obwohl das laut Teilnahmebedingungen doch verboten sei, so Marchner, dann sei das ein „Schlag ins Gesicht für alle Künstlerinnen und Künstler, die versuchen, mit fairen Mitteln ihrer Leidenschaft nachzugehen“.
Der Siegerentwurf stammt in diesem Jahr von dem Grafiker Florian Huber. Überraschend ist aber vor allem, welcher Münchner Stadtrat Platz zwei belegt hat.
Auch Maria Dick, die den Wettbewerb 2021 für sich entschieden hatte, dieses Jahr aber nicht teilnahm, schreibt in einer E-Mail: „Es wäre eine Schande, sollte wirklich ein KI-generiertes Motiv gewonnen haben, zumal das Preisgeld im hohen vierstelligen Bereich liegt. Und es wäre eine große Peinlichkeit für die Stadt München.“
Was Dick noch sagt: Eine Kollegin, Julia Sandner, habe sich bereits Mitte Januar, als das Publikumsvoting noch lief, in einer E-Mail an die Stadt gewandt, weil sie in vier Fällen den Verdacht hatte, da könne KI im Einsatz gewesen sein, darunter auch der heutige Siegerentwurf von Huber. In der E-Mail, die der SZ vorliegt, macht Sandner unter anderem auf Folgendes aufmerksam: „Am verdächtigsten finde ich die Tatsache, dass die Gondeln vom Riesenrad plötzlich aufhören.“ In einer Antwort vom Referat für Arbeit und Wirtschaft heißt es lediglich: „Wir werden der Sache nachgehen.“
Zeit also, beim zuständigen Referat nachzufragen. „Der Künstler des Wiesnplakats (...) hat alle seine einzelnen Arbeitsschritte und die verwendeten Bildbearbeitungsprogramme transparent offengelegt. Sie haben keine Hinweise auf den Einsatz eines KI-Bildgenerators erkennen lassen.“ Und: Alle Einsendungen seien von einem „Grafik-Team“ auf den Einsatz von KI geprüft worden. „Ein Motiv wurde disqualifiziert, weil sich ein Vorwurf der unerlaubten KI-Nutzung erhärtet hat.“ Der Entwurf von Huber war es ganz offensichtlich nicht.
Seit 2024 heißt es in den Teilnahmebedingungen: „Sämtliche künstlerischen oder grafisch üblichen Arbeitstechniken sind möglich. Als Arbeitstechnik gilt ausdrücklich nicht der Einsatz von KI-Bildgeneratoren.“ Künstliche Intelligenz wird also nicht in Gänze ausgeschlossen. Das sei, teilt das Wirtschaftsreferat auf Nachfrage mit, auch gar nicht möglich, „da mittlerweile die verbreiteten Bildbearbeitungsprogramme auf KI basieren“. Das beantwortet damit zwar nicht die Frage, ob der Siegerentwurf nun mittels KI entstanden ist, zumindest aber dürfte klar sein: Egal, was die Kritiker sagen, das Wirtschaftsreferat ist sich keines Fehlers bewusst.
Der Gewinner von Freitag fühlt sich am Montagmorgen wohl nicht mehr als solcher – da hilft es wenig, dass die Stadt sich schützend vor ihn stellt. Am Telefon antwortet er einsilbig, wirkt ehrlich überrascht von den Vorwürfen. Die Frage, ob er, um diese zu entkräften, seine Arbeitsschritte offenlegen könne, beantwortet er zunächst mit Ja. Später teilt das Wirtschaftsreferat mit, das werde Florian Huber nicht tun.
Die Entscheidung dürfte die Vorwürfe der Kritikerinnen und Kritiker weiter befeuern. Denn sie erklären unisono: Wenn Huber nichts zu verbergen hätte, dann könnte er doch einfach seine Arbeitsschritte offenlegen. Das Stichwort lautet „offene Ebenen“. Gemeint sind editierbare Ebenen innerhalb einer Grafik-Datei. Die Frage, die sich Menschen wie die Künstlerin Maria Dick stellen, bleibt also: Will die Stadt nicht nur ihren Gewinner vor einer Blamage schützen, sondern auch sich selbst? Denn, das gibt Dominikus Baur, Professor für Generative Design and Creative AI an der Hochschule München, zu bedenken: „KI-generierte Outputs fallen nicht unter das Urheberrecht.“ Und ein Wiesnmotiv, an dem die Stadt keine Rechte hat, das wäre ganz schön peinlich.
Auch Experte Baur bestätigt: Ohne die Originaldatei lässt sich nicht belegen, ob nun KI im Spiel war oder nicht – und in welchem Maße sowieso nicht. Die SZ-Grafikabteilung geht noch weiter: Theoretisch könnte die Grafik auch erst mit KI erstellt und dann in den verschiedenen Ebenen nachträglich bearbeitet worden sein. Das herauszufinden ist im Prinzip unmöglich. Damit bleibt nur die Suche nach Indizien, der Blick auf den Entwurf, mit dem Huber 2021 Platz drei belegt hat, und auf seine Homepage. Einen einheitlichen Stil sucht man vergeblich.
Allerdings gibt Baur zu bedenken: Egal, ob nun KI oder nicht, offensichtlich habe das Plakat der Jury, der unter anderem Wiesnchef Christian Scharpf (SPD) angehört, ja wohl gefallen. Und nicht nur der: Im Publikumsvoting hat es das Motiv auf Platz zwei geschafft, in den Kommentarspalten im Netz liest man Dinge wie „Mein absoluter Favorit“, „Mir gefällt’s“ oder „Sehr schön und passend“. „Ich find’s gut von der Komposition“, sagt außerdem Roland Hefter, der es mit seinem Entwurf auf Platz zwei geschafft hat.
In der heutigen Zeit sei es „unrealistisch“, den Einsatz von KI komplett auszuschließen, findet Experte Baur. Und wie sinnvoll ist das, wenn das Ergebnis noch dazu ankommt? „Ich beneide die Leute nicht, die diesen Wettbewerb veranstalten.“ Ist es also womöglich an der Zeit, den Wettbewerb ganz grundsätzlich zu hinterfragen?
Die Frage, was das für Florian Huber und sein Wiesnmotiv bedeutet, bleibt vorerst offen. Die Zweifel sind gesät, Stellungnahme der Stadt hin oder her. Da bleibt dem Gewinner, wie Hefter es formuliert, nur zu wünschen, „dass die Vorwürfe ausgeräumt werden“.
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