SZ 22.12.2025
12:40 Uhr

(+) Darts-WM: Verfrüht in den Weihnachtsurlaub


Mitfavorit Gerwyn Price scheitert krachend, ein Engländer beweint seinen zweiten positiven Dopingtest, ein Deutscher verkündet den Boykott gegen einen TV-Sender: Geschichten von der Darts-WM.

(+) Darts-WM: Verfrüht in den Weihnachtsurlaub

Im Ally Pally in London, wo rund um den Jahreswechsel die Weltmeisterschaft der Pfeilewerfer ausgetragen wird, wurde Gerwyn Price jahrelang mit Schimpf und Schande empfangen. Ausgebuht und angegiftet wurde der Waliser mit den muskelbepackten Armen, was mit der ein oder anderen persönlichen Verfehlung zu tun hatte. Einmal hat der frühere Rugbyprofi Price den Schotten Gary Anderson, einen sehr beliebten Spieler, auf der Bühne derart arrogant angeprollt, dass sein Image über Jahre von diesem Auftritt geprägt war. Da kann der Darts-Aficionado nachtragend sein. „Ich habe den Ally Pally gehasst“, sagte Price.

Und ausgerechnet jetzt, da sich die Gunst des Publikums gedreht hat, der Weltmeister des Jahres 2021 so freundlich mit Applaus empfangen wurde wie in all den Jahren nicht, dass sich Price laut eigener Aussage „die Haare im Nacken aufstellten“ – da verabschiedet er sich in Runde zwei. Ziemlich blamabel gegen den reichlich unbekannten Niederländer Wesley Plaisier (Weltranglistenplatz 92). Keinen einzigen Satz hat Price, 40, am Sonntagabend gewonnen, 0:3 hieß es am Ende. Hinterher hat der frühere Weltranglistenerste zerknirscht ins Publikum gewinkt und bei Instagram kundgetan, er sei „am Boden zerstört“.

Das Dartboard erobert wieder den Alexandra Palace in London. Vom 11. Dezember an wird der neue Weltmeister gesucht. Mit dabei: acht Deutsche. Wann sie gegen wen spielen.

Price’ frühes Aus ist sportlich das größte Ding dieser nun bereits eine Woche währenden Titelkämpfe. Die Favoriten hatten sich bislang schadlos gehalten, bis Price am massigen Niederländer Plaisier zerschellte – und diesem den schönsten Tag seiner Karriere bescherte. „Ich will nicht die große Überraschung sein, nicht einer der Topgesetzten, die rausgehen“, hatte Price gesagt. Genau das ist jetzt passiert. Statt um den zweiten WM-Titel seiner Karriere zu ringen, hat er freie Festtage mit seiner Frau und den beiden Töchtern vor sich. Für Dartsprofis ist das nur ein schwacher Trost.

Auch ansonsten geben sich die Protagonisten Mühe, diese auf 128 Starter aufgeblähte WM mit kleinen Geschichten zu versorgen, die davon ablenken, dass sich sportlich in den ersten beiden Runden meist wenig Spektakuläres ereignet hat. So wurde der Brite Dominic Taylor, ein junger Kerl von 27 Jahren, nach einem positiv ausgefallenen Dopingtest vom Turniergeschehen und allen weiteren Dartsevents ausgeschlossen, sein Zweitrundengegner Jonny Clayton mit einem Freilos versehen. Für Taylor war es nicht das erste Vergehen, schon vor einem Jahr war er vor der WM positiv getestet worden, was den Fall nur noch brisanter macht.

Ziemlich offen breitete Taylor hernach der britischen Öffentlichkeit sein Herz aus. Offiziell wurde nicht bekannt, um welche Substanz es sich handelte. Er habe diese während der Turniere nie konsumiert, sagte Taylor. Sein Leben sei aber von privaten Schicksalsschlägen derart geprägt gewesen, dass er zu Substanzen gegriffen habe, um sich zu betäuben und klarzukommen.

Taylor, zuletzt die Nummer 65 der Weltrangliste, droht nun eine lange Sperre. Der 27-Jährige entschuldigte sich bei allen, die ihm in den Sinn kamen: bei seiner Familie, seinen Sponsoren, seinen Freunden. „Ich werde mir die Hilfe holen, die ich brauche“, verkündete Taylor: „Es tut mir leid.“ Seine Kollegen gingen weniger milde mit ihm um. „Das ist vielleicht der größte Idiot, der je im Darts herumgelaufen ist“, sagte Ex-Profi Vincent van de Voort in einem Podcast.

Und auch Deutschlands derzeit bester Spieler, der Hesse Martin Schindler, trägt ein kleines Scharmützel aus. Kurioserweise mit dem TV-Sender Sport1, der deutlich mehr als andere Kanäle in jedem Jahr von der großen Darts-Sause mit einem Reporterteam berichtet. Und der Schindler, der problemlos in Runde drei eingezogen ist, eigentlich gern so groß wie nur irgend möglich vermarkten würde.

Doch Schindlers Lager ist verstimmt, wegen eines Vorfalls im Sommer 2025, als der Spieler und sein Management mit der Präsentation eines Interviews nicht einverstanden gewesen sind. Schindlers Manager Ioannis Selachoglou sagte, man habe „entschieden, Sport1 aktuell und für den weiteren WM-Verlauf keine Interviews zu geben“. Dies ist „eine Folge der Berichterstattung des Senders“ und daraus, „wie diese von der Medienabteilung verkauft wurde“. Selachoglou stellte klar, dass man mit den Sport1-Mitarbeitern vor Ort, den Moderatorinnen und Kommentatoren, „überhaupt gar kein Problem“ habe. Es solle bitte nicht der Eindruck entstehen, man wolle jemanden „bestrafen“.

Ein Interview bekommt der Sender bis auf Weiteres trotzdem nicht. Über Weihnachten fährt Schindler jetzt ohnehin nach Hause. Er steht erst am 26. Dezember wieder am Oche, Gegner in der dritten Runde ist dann Ryan Searle. Da nutzt Schindler die Gelegenheit, die Festtage mit der Familie und seiner kleinen Tochter zu begehen. Im Gegensatz zu Gerwyn Price fliegt er danach zurück nach London. Für Price hat der Weihnachtsurlaub schon begonnen.

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