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04.12.2025
17:00 Uhr
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Nur einen Tag nach der Vergabe der EM 2029 an Deutschland knallt es im deutschen Fußball: Die Profiklubs beschließen, den neuen Ligaverband ohne den DFB zu gründen. Klubvertreter sind vom Verband „enttäuscht“.

Ungemein erleichtert wirkte Bernd Neuendorf, als er am frühen Mittwochabend in Nyon in der Zentrale von Europas Fußball-Union (Uefa) auf die Bühne trat. Da konnte sich der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes als Sieger fühlen, weil der Kampf um die Ausrichtung der Frauen-EM 2029 erfolgreich gewesen war – und das sogar unerwartet souverän. Deutschland 15, Schweden/Dänemark 2, Polen 0, das war das amtliche Ergebnis. Der Vorstand der Uefa hatte sich wohl nahezu geschlossen dafür entschieden, dem zentralen inhaltlichen Argument der DFB-Werber zu folgen: einer EM in großen Stadien von München bis Dortmund – und insbesondere der Aussicht auf ein finanziell erfolgreiches Turnier.
Doch noch ehe die Party der deutschen Delegation am Genfer See richtig losgehen konnte, hatte in der Heimat schon eine Gruppe Partycrasher getagt. In Frankfurt trafen sich Abgesandte der 14 Klubs, mit denen zusammen der DFB die Frauen-Bundesliga (FBL) ganz neu aufstellen und aufziehen wollte. Diese Runde kam zu einem noch deutlicheren Ergebnis als der Uefa-Rat in Nyon: Mit 14:0 Stimmen votierte sie dafür, dass der DFB an der neuen Frauen-Bundesliga nicht beteiligt werden soll. Stattdessen wollen die Klubs am 10. Dezember die Gründung im Alleingang durchziehen.
Erst am Donnerstagmittag, unter Rücksichtnahme auf die Partystimmung im Kreis um Neuendorf, machten sie die Sache dann publik. Die 14 Klubs hätten die Absicht, signifikant in den Frauenfußball zu investieren und ihn auf ein neues professionelles Niveau zu heben. „Ob der angestoßene Prozess, an dem zuletzt auch der Deutsche Fußball-Bund mitgewirkt hat, zukünftig gemeinsam mit diesem fortgesetzt wird, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch offen“, hieß es maximal distanziert.
Das ist ein enormer Tiefschlag für den DFB und seinen Präsidenten, er reicht weit über den Frauenfußball hinaus. Denn die Widerständler in dieser Sache haben klangvolle Namen und gewaltigen Einfluss. Inzwischen sind unter den 14 Mannschaften aus der Frauen-Bundesliga gleich elf Vereine, die auch einen Männer-Bundesligisten stellen: vom FC Bayern über Eintracht Frankfurt bis zum VfL Wolfsburg. Dort mischt die Chefetage persönlich mit bei den Debatten um die Zukunft der Frauen-Liga, über die sie jetzt die alleinige Hoheit haben möchten – Vorstandsbosse wie Jan-Christian Dreesen (FC Bayern) oder Axel Hellmann (Eintracht Frankfurt) inklusive.
Dabei hatte DFB-Chef Neuendorf noch bei seiner Wiederwahl Anfang November in höchsten Tönen die Einheit des Fußballs beschworen und eine neue Harmonie zwischen Profis und Amateuren gepriesen. Das wirkte schon damals trügerisch, angesichts der weithin vernehmbaren Kritik an Neuendorfs Führungsstil, aber auch ob des konträren Abstimmungsverhaltens zwischen Profis und Amateuren in einer Personalfrage. Jetzt aber hängt der Haussegen im deutschen Fußball ganz offiziell schief. Einen so deutlich vollzogenen Bruch gab es noch selten, und er dürfte umfassende Konsequenzen haben.
Bisher läuft die Frauen-Bundesliga unter dem Dach des DFB. Künftig soll sie eine eigene Organisation sein, so ähnlich wie die Bundesliga der Männer (DFL). Darüber bestand schon länger Konsens zwischen dem DFB und den 14 Klubs. Nur war ein zentraler Unterschied geplant: Bei der Männer-Bundesliga hat der DFB nichts mitzureden, bei der neuen Frauen-Bundesliga war ein Joint Venture zwischen dem DFB und dem Zusammenschluss der 14 Klubs angedacht, bei dem die Anteile und auch die Posten in den maßgeblichen Gremien je zur Hälfte aufgeteilt werden sollten.
Zugleich war zuletzt schon zu beobachten gewesen, wie sehr es bei der Finalisierung des Projekts zwischen den Parteien hakte. Ursprünglich war das Ansinnen des DFB, dass der neue Ligaverband schon einige Wochen vor dem Bundestag gegründet wird. Doch daraus wurde nichts. Also beschloss der DFB Anfang November nur die grundsätzliche Ausgliederung der Frauen-Bundesliga und musste sich fürs Erste mit der Formulierung vom noch „zu gründenden Ligaverband“ behelfen.
Neuendorf setzte die Frauen-Bundesliga rund um seine Wiederwahl gleichwohl als eines seiner großen Themen. Unter anderem hob er hervor, dass der DFB rund 100 Millionen Euro investieren wolle. So mancher Klubvertreter war irritiert, dass der DFB-Präsident sich als angeblich großer Frauenförderer in Szene zu setzen versuchte. Auch wirkten die 100 Millionen gar nicht mehr so gigantisch, wenn man die Summe genauer anschaute: Erstens war sie über acht Jahre gestreckt, zweitens beinhaltete sie auch allerlei Zahlungen, die der Verband sowieso zu leisten hätte – etwa im Bereich Schiedsrichter oder für Länderspiel-Abstellungen. Und drittens sollten den Löwenanteil ohnehin die Klubs stemmen, von rund einer Milliarde Euro im selben Zeitraum ist jetzt die Rede.
Deutschland bekommt den Zuschlag für die Ausrichtung der EM 2029. Der Jubel über das erste Frauenfußballturnier im Land seit der WM 2011 ist groß – die Ziele sind es auch.
Auf Fragen zu Details agierte Neuendorf damals bereits ausweichend: Er verwies lieber auf den 10. Dezember als den Tag, an dem der Ligaverband gegründet werde und bis zu dem alles geklärt sein solle. Jetzt ist alles geklärt. Und zwar so, dass die Klubs die Sache allein durchziehen. Der DFB schaut nur noch zu.
Die Vereine machen keinen Hehl daraus, dass sie extrem sauer sind auf die Verhandlungsführer beim DFB, was auch den neuen starken Mann im Neuendorf-Verband einbeziehen dürfte: Holger Blask, seit dem Bundestag Chef der DFB-GmbH und Generalsekretär des Verbandes in Personal-Union, sein Einstieg beginnt mit einer Bruchlandung. Dabei wäre der DFB aus Sicht der Profis bei den ursprünglichen Verhandlungen – er zahlt 100 Millionen und bekommt dafür 50 Prozent – schon ziemlich gut weggekommen. Aber dann, heißt es, habe der DFB angefangen, erneut über zentrale Eckdaten zu verhandeln. Und plötzlich habe die Forderung im Raum gestanden, dass es für Entscheidungen in der paritätisch besetzten Gesellschafterversammlung eine Zwei-Drittel-Mehrheit brauche.
Die Vorhaltungen in Richtung des DFB sind deutlich. Man sei „enttäuscht davon, dass sich bereits getroffene Verabredungen mit dem Deutschen Fußball-Bund aus unserer Sicht nicht in den Vertragsmaterialien wiederfinden“, sagte Frankfurts Vorstandssprecher Hellmann. Und Bayern-Boss Dreesen erklärte: „In den Gesprächen mit dem DFB waren die wesentlichen Punkte zur Gründung einer gemeinsamen FBL GmbH bereits vereinbart, umso überraschender war für uns Klubs das Infragestellen der verhandelten Eckpunkte zum jetzigen Zeitpunkt – obwohl die Vereine im Vergleich ein Vielfaches in die Frauen-Bundesliga investieren werden.“
Der DFB teilte am Donnerstagabend mit, er habe „die Äußerungen aus der Frauen-Bundesliga mit Verwunderung zur Kenntnis genommen“. Er stehe „unverändert zu den getroffenen Zusagen und Investitionen im Zuge des geplanten Joint Ventures“. Unterschriftsreife Verträge hätten bislang nicht vorgelegen, die Verhandlungsführer der Klubs hätten „weitreichende Ergänzungen und Änderungswünsche übermittelt, auf die der DFB verhandlungsüblich reagiert hat“.
Den DFB dürfte der Vorstoß der 14 heftig getroffen haben. Bei einer Frauen-Bundesliga ohne die stolzen Verbandsleute entfällt auch deren Zugriff auf wesentliche Personalentscheidungen in der neuen Organisation, so lassen sich auch keine Posten verteilen. Auch das wiegt schwer.
Die Freude über den EM-Zuschlag für die deutschen Frauen – sie hat beim DFB gerade einmal eine Nacht gedauert.
Nach dem grundsätzlichen Ja des Deutschen Fußball-Bundes zur Ausgliederung der Frauen-Bundesliga sind noch einige Fragen offen – es geht ums Geld und um zentrale Posten.
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