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19.11.2025
15:29 Uhr
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Bekannt ist Curaçao als Urlaubsinsel und für seine Liköre – jetzt fahren die Fußballer des kleinen Karibikstaats erstmals zur WM. Der Einfluss der Niederlande ist überall spürbar.

Freude oder Erschöpfung? Die Spieler von Curaçao lassen sich nach dem hart erkämpften 0:0 gegen Jamaika auf den Rasen sinken. (Foto: Gilbert Bellamy/Reuters)
Zählt man seine Karriere als Spieler hinzu, ist der Trainer Dick Advocaat seit ziemlich genau 60 Jahren im Fußballgeschäft. Als Coach war er bei mehr als einem Dutzend Arbeitgebern beschäftigt, in fast genau so vielen verschiedenen Ländern, auch mal kurz und unrühmlich in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach. Sein Image ist hauptsächlich das eines sogenannten harten Hundes. Es heißt also wahrscheinlich etwas, wenn so jemand von einem Abenteuer schwärmt.
Advocaat, 78, ist aktuell der Trainer der Nationalmannschaft von Curaçao, jener als Urlaubsland und durch die gleichnamigen Liköre bekannten Insel in der Karibik, die fortan auch für ihren Fußball berühmt sein dürfte. Durch ein 0:0 in Jamaika steht Curaçao als Teilnehmer an der Weltmeisterschaft 2026 fest, der kleinste in der WM-Geschichte. Die Einwohnerzahl liegt bei knapp 156 000 Menschen. Viele davon feierten nach dem Spiel in den Bars und auf den Straßen, ausweislich eines in den sozialen Medien geteilten Videos gab es ein Feuerwerk.
42 von 48 Teilnehmern für die Fußball-WM 2026 in Nordamerika stehen bereits fest: Wer ist alles dabei? Und wer muss noch zittern?
Nun haben solche Bilder vor allem damit zu tun, dass der Weltverband Fifa die Teilnehmerzahl der WM auf 48 Teams erweitert hat, sie sind in diesem Jahr nichts Neues: Usbekistan, Jordanien und Kap Verde sind ebenfalls zum ersten Mal dabei, am letzten Spieltag der Qualifikation sicherte sich zudem Haiti die erste Teilnahme seit 1974. In den interkontinentalen Playoffs haben unter anderem Neukaledonien und Surinam noch die Möglichkeit, sich erstmals zu qualifizieren.
Die Geschichte der Fußballer von Curaçao ist trotzdem eine besondere, zum Beispiel wegen Advocaat. Er war beim letzten Spiel in Jamaika gar nicht dabei, weil er aus familiären Gründen in die niederländische Heimat gereist war. Er schickte allerdings, wie The Athletic berichtete, seinen Trainerkollegen eine Textnachricht: „Glückwunsch, unglaublich, fantastisch, so gut! Was für ein Abenteuer.“
Das Gelingen dieses Abenteuers stand während eines turbulenten Spiels in Kingston noch auf der Kippe: Die favorisierten Jamaikaner, die nun in die Playoffs müssen, trafen mehrmals Pfosten und Latte, in der Nachspielzeit bekamen sie einen Elfmeter zugesprochen, was der Videoassistent korrigierte. Auch für Jamaika war ein betagter europäischer Trainer verantwortlich, der Engländer Steve McClaren, 64, unter anderem aus eher erfolglosen Engagements beim VfL Wolfsburg und beim englischen Nationalteam bekannt. In der Pressekonferenz nach dem Spiel verkündete er seinen Rücktritt.
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Ein erfahrener Coach aus Europa, der einen Außenseiter zu einem Turnier führt, das ist kein Alleinstellungsmerkmal, aber in Curaçao zählt es unabdingbar zum Konzept. Bis 2010 gehörten die sogenannten „ABC-Inseln“, Aruba, Bonaire und Curaçao, zu den „Niederländischen Antillen“. Seitdem gilt Curaçao als autonome Nation innerhalb des Königreichs der Niederlande. Im Fußball allerdings ist der Einfluss der Niederlande hoch: Fast alle aktuellen Nationalspieler wurden dort geboren.
Thahit Chong, 25, ist der vielleicht bekannteste von vielen ziemlich unbekannten Fußballern Curaçaos, er steht beim englischen Zweitligisten Sheffield United unter Vertrag. Chong ist eine Ausnahme von der Regel: Er wurde in der Hauptstadt Willemstad geboren. Er hat allerdings auch für alle niederländischen Juniorennationalteams gespielt – und debütierte erst in diesem Jahr für sein Geburtsland.
Gegen Jamaika fehlte Chong im Kader, die Hauptrollen übernahmen andere. Im Mittelfeld etwa Kapitän Leandro Bacuna, 34, und sein Bruder Juninho, 28. Beide wurden in Groningen geboren, spielten für die niederländische U21, seit ein paar Jahren laufen sie für Curaçao auf. Beide standen mal in der Premier League unter Vertrag. Inzwischen spielen sie in der Türkei. Auch ein aus der Bundesliga bekannter Stürmer stand in Kingston auf dem Feld: Jürgen Locadia schoss für den VfL Bochum sogar mal ein Tor gegen den FC Bayern. Inzwischen ist er 32 und vereinslos. Für ihn wurde Jordi Paulina eingewechselt, der für die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund spielt.
Die Strategie, es mit Niederländern mit familiären Wurzeln in der Karibik zu versuchen, ist nicht neu. Auch auf der Trainerbank saßen schon vorher berühmte Persönlichkeiten der niederländischen Fußballgeschichte, Patrick Kluivert oder Guus Hiddink. Advocaat allerdings hat die Strategie offenbar besonders akribisch verfolgt, er war wohl besonders motiviert. Curaçaos Verbandspräsident Gilbert Martina erzählte The Athletic, dass ihm 2023 bei der Trainersuche zuvor zwei Berühmtheiten abgesagt hätten, Bert van Marwijk und Louis van Gaal. Dann habe er einen Anruf von Advocaat erhalten, der demnach am Telefon sagte: „Ich habe gehört, Curaçao sucht einen Cheftrainer? Ich bin verfügbar.“
Zwei Weltmeisterschaften hat Advocaat schon erlebt, 1994 in den USA mit den Niederlanden und 2006 in Deutschland mit Südkorea. Die Gelegenheit, es mit Curaçao zum dritten Mal zu schaffen, war günstiger als je zuvor. Abgesehen von der Erhöhung auf 48 Teilnehmer war die Konkurrenz schwächer: Die drei großen Teams der nord- und zentralamerikanischen sowie karibischen Fußballkonföderation Concacaf, also USA, Kanada und Mexiko, sind als WM-Gastgeber gesetzt. Und dann kommt in der Rangliste der besten Concacaf-Teams schon recht bald, auf Platz zwölf, die „Blaue Welle“, so wird das Team genannt. Curaçao war immerhin Karibikmeister 2017 und Gold-Cup-Viertelfinalist 2019.
Er sei „nicht hierhergekommen, um Urlaub zu machen und die Sonne zu genießen“, sagte Advocaat neulich dem niederländischen Magazin Voetbal International. Auf seine Erfolge war er schon vor der WM-Qualifikation stolz. „Als wir begonnen haben, waren 100 Leute im Stadion. Jetzt kommen immer 10 000“, sagte er. Also in etwa jeder 15. Inselbewohner.
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