SZ 27.02.2026
11:36 Uhr

(+) Chaos am Münchner Flughafen: 600 Passagiere über Nacht in Flugzeugen: Feuerwehr war in der Nähe und hätte helfen können


Die unfreiwillige Übernachtung von Passagieren in Flugzeugen am Münchner Flughafen hätte vermieden werden können. Jetzt entschuldigen sich der Airport und die Lufthansa – und nennen drei Gründe, warum es zu der Situation kam.

(+) Chaos am Münchner Flughafen: 600 Passagiere über Nacht in Flugzeugen: Feuerwehr war in der Nähe und hätte helfen können
Die unfreiwillige Übernachtung von Passagieren in Maschinen am Münchner Flughafen schlägt weiter hohe Wellen. Jetzt entschuldigen sich der Airport und die Lufthansa. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

An diesem sonnigen Freitagvormittag herrscht am Münchner Flughafen die gewohnt hektische Betriebsamkeit. Familien mit Kindern eilen zu den Gates, Geschäftsleute mit Aktentaschen reihen sich in die langen Schlangen vor den Check-in-Schaltern ein. Es ist der ganz normale Betrieb an einem der größten Airports Europas. Ganz anders als vor ziemlich genau einer Woche, als etwa 600 Fluggäste die Nacht auf Freitag in sechs Fliegern auf dem Vorfeld verbringen mussten. In dieser Nacht, sagt Thomas Hoff Andersson, Geschäftsführer Aviation und Operation des Münchner Flughafens, seien Fehler passiert, die nie hätten passieren dürfen an diesem Freitag. Es ist ein Schuldeingeständnis für einen Vorfall, der schwer an der Reputation eines zuletzt immer wieder hochdekorierten Airports nagt, der für sich selbst in Anspruch nimmt, in der Kategorie „Premium“ zu spielen, wie Andersson sagt.

Gemeinsam mit Heiko Reitz, Lufthansa-Hubmanager für den Standort München, versucht Hoff in einer eigens anberaumten Pressekonferenz im Münchner Airport Center (MAC) zu erklären, was genau in dieser Nacht schieflief. Denn fünf der sechs Maschinen, die trotz eines um eine Stunde verkürzten Nachtflugverbots nicht mehr starten konnten, waren Flieger der Kranich-Airline.

Reitz macht drei Gründe dafür aus, warum die Maschinen nicht mehr abheben konnten und die Passagiere sowie die Crewmitglieder stundenlang in den Flugzeugen ausharren mussten. Es habe in dieser Nacht, so der Lufthansa-Manager, eine „außergewöhnliche Wettersituation“ im Erdinger Moos geherrscht. Alle Maschinen hätten vor dem Start enteist werden müssen. Normalerweise dauere dieser Vorgang etwa 15 Minuten, in dieser Nacht aber hätten die Mitarbeiter hierfür doppelt so lange gebraucht. „Wir hatten einen Rückstau an Flugzeugen. Der Schneefall nahm zu und das Nachtflugverbot rückte näher“, so Reitz.

Des Weiteren seien zu wenig Busfahrer verfügbar gewesen, um die Reisenden wieder an die Terminals zurückzutransportieren. Hoff ergänzt, dass zwar die Spätschicht der Busfahrer bis 2.30 Uhr in der Nacht verlängert worden sei; dennoch habe sich später gezeigt, dass dies nicht ausgereicht habe. „Wir wissen heute, wir hätten mehr Busfahrer disponieren müssen“, so Hoff.

Als dritten Grund für das Chaos in dieser Nacht benennt Lufthansa-Manager Reitz die nicht erfolgte „Eskalation“. Soll heißen: Es wurde bei den Verantwortlichen nicht erkannt, dass eine besondere, für die Passagiere und Crewmitglieder extrem belastende Situation in den Maschinen bestand. Den einen Schuldigen aber wollen weder Hoff noch Reitz gezielt ausmachen; vielmehr sei es ein Versagen auf mehreren Ebenen sowohl beim Flughafen als auch Deutschlands größter Airline gewesen. Und eine „Verkettung mehrerer Umstände“, wie Hoff sagt.

Dennoch steht auch eine Woche nach den chaotischen Zuständen am Airport die Frage im Raum, warum den Passagieren – wenn nicht ausreichend Busfahrer vor Ort waren – keine Rettungskräfte zu Hilfe kamen, um die Reisenden und Crewmitglieder aus den Maschinen zu holen. Genau dies hatte der Bundesvorsitzende der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft, Siegfried Maier, scharf kritisiert. Aus seiner Sicht wäre dies problemlos zu organisieren gewesen.

Hoff gesteht eine Woche nach dem Desaster ein, dass genau dies hätte passieren müssen. „Die Feuerwehr hätte aktiviert werden müssen“, sagt er. Er legt auch offen, dass 49 Feuerwehrleute im Dienst und somit einsatzbereit gewesen wären – samt der für einen solchen Einsatz notwendigen Notfalltreppen.

Auch zur zurückhaltenden Kommunikation des Flughafens nach außen in den Tagen danach äußert sich der Flughafen-Manager. Sicherheit gehe immer vor Schnelligkeit, sagt Hoff. Es habe daher einige Tage benötigt, um für eine klare Untersuchung des Vorfalls zu sorgen, sich ein genaues Bild zu machen und nicht Spekulationen nachzulaufen. „Gemeinsam mit der Lufthansa.“

Wie aber wollen Flughafen und Airline verhindern, dass sich solche Vorfälle wiederholen. Die Leitzentralen am Airport müssten enger vernetzt werden, sagt Hoff. Es soll ein „Operation Center“ eingerichtet werden, in dem die derzeit noch dezentral organisierten Büros aller Beteiligten zusammengeführt werden. In der vergangenen Woche, erläutert der Flughafen-Manager, sei bereits ein „operativer Abschlusscall“ eingeführt worden, bei dem „alle zentralen Player“ auch die notwendigen Ressourcen für die Nacht besprechen. Und es müsse klare Vorgaben für eine notwendige Eskalation auf der Führungsebene geben. Also: Entscheider müssen auch entscheiden.

Zudem richtet sich Hoff noch einmal an die betroffenen Passagiere und Crewmitglieder. Der Airport und die Lufthansa übernähmen gemeinsam die Verantwortung für den Vorfall. „Wir entschuldigen uns von Herzen.“ Jeden Tag arbeiteten 37 000 Menschen im Erdinger Moos, um einen verlässlichen und sicheren Betrieb am Flughafen gewährleisten zu können. Daran wird sich der Flughafen Franz Josef Strauß künftig messen lassen müssen.

Ob das Chaos am Flughafen strafrechtlich Folgen nach sich ziehen wird, ist indes noch offen. Ein Bericht des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord zu den Vorfällen ist bei der Staatsanwaltschaft Landshut zur Prüfung eingegangen. Diesen Bericht, so das Polizeipräsidium, hatte ein unbeteiligter Dritter angeregt.

Zwei Reisende berichten von der Stimmung in einer Maschine, die wegen des Schnees nicht vom Münchner Airport abheben konnte. Die Polizei hat den Vorfall zur Prüfung an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

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