SZ 22.12.2025
13:55 Uhr

(+) Bundesliga-Schlusslicht Mainz 05: Krisenerfahrung bedeutet keine Rettungsgarantie


Im Stile seiner Vorgänger Svensson und Henriksen soll der pragmatische Trainer Urs Fischer Mainz mit einer Aufholjagd in der Bundesliga halten. Das gruselige 0:0 gegen St. Pauli zeigt: Ein neuer Torjäger wird dafür dringend benötigt.

(+) Bundesliga-Schlusslicht Mainz 05: Krisenerfahrung bedeutet keine Rettungsgarantie

Abschalten über die Feiertage? Besinnlich Weihnachten feiern? Christian Heidel schüttelte bei solchen Gedanken am vierten Advent sofort den Kopf. Er wolle nicht leugnen, sagte der Sportvorstand des FSV Mainz 05, dass „auch ich an Heiligabend und am ersten Weihnachtstag mal kurz an was anderes denke. Die zwei Tage nimmt sich der Fußball raus, das werde ich auch machen“. Ansonsten aber sei Arbeit angesagt, betonte Heidel. Denn mal wieder schrillen in Mainz, an einem wirtschaftlich gesunden Standort des Bundesliga-Mittelstandes, vor dem Jahreswechsel sportlich die Alarmglocken.

Nach der Nullnummer im Kellerduell am Sonntag mit dem Drittletzten St. Pauli überwintern die Nullfünfer mit mickrigen acht Punkten als Schlusslicht. Was Hoffnung macht: Der Macher Heidel, 62, kennt das alles schon. Der gebürtige Mainzer wäre vor Weihnachten 2020 nicht zu seinem Heimatverein zurückgekehrt, wenn sich nicht damals der ganze Verein im freien Fall befunden hätte. Insofern war Heidel am Sonntag wichtig zu betonen: „Man kann das überhaupt nicht vergleichen!“ In der aktuellen Krise habe man, anders als 2020, „Ruhe im Klub und eine stabile Mannschaft“. Damals habe man „komplett alles getauscht und auf den Kopf gestellt. Das ist jetzt überhaupt nicht notwendig.“ Zudem habe Mainz seit dem Erstliga-Aufstieg 2009 bereits „fünf, sechs schwierige Abstiegskämpfe gemeistert“, rief Heidel in Erinnerung: „Wenn du lieber fast alle Spiele gewinnen willst, musst du zu Bayern München gehen.“

Der 1. FSV Mainz 05 kommt im wichtigen Spiel gegen St. Pauli nur zu einem torlosen Unentschieden. In der Rückrunde muss eine Aufholjagd her.

Der hemdsärmelige Heidel ist andererseits zu lange im Geschäft, um aus der Erfahrung mit Krisenlagen eine Gewährleistung abzuleiten: „Jeder erzählt mir: Ihr schafft das! Das ist auch unser Anspruch, aber es gibt keine Garantie. Wir sind wieder Jäger – aber wir müssen ganz schön jagen.“ Wie vor fünf Jahren, als der von ihm zurückgeholte und mit nur sechs Punkten gestartete Trainer Bo Svensson in der Rückrunde eine sagenhafte Aufholjagd hinlegte, die sich unter Bo Henriksen 2024 in ähnlicher Weise wiederholte, als Mainz nach 21 Spieltagen mit zwölf Zählern auf einem Abstiegsplatz rangierte.

Vom besonnenen Schweizer Urs Fischer wird nun erwartet, in die Fußstapfen der beiden dänischen Retter zu treten. Getreu seinem Naturell erinnerte auch Fischer, 59, vorsichtshalber daran, dass sich aus der Historie kein Automatismus ergebe. Heidel lobte, alles, was der neue Trainer mache, habe „Hand und Fuß“.  Allerdings ignoriert Fischers pragmatischer Ansatz gerne, dass die Bundesliga eigentlich ein Unterhaltungsbetrieb ist. So entstand am Sonntag dann auch ein Kellerduell fürs Gruselkabinett.

„Ich hatte das Gefühl, dass St. Pauli hier gar nicht gewinnen wollte“, mutmaßte 05-Nationalspieler Nadiem Amiri, der darunter litt, als Stürmer und nicht als Spielmacher agieren zu müssen. Auch die Mainzer leisteten sich eine extreme Fehlerquote im Angriffsdrittel. „Wir hatten 13 Torschüsse, aber nur einer kam aufs Tor“, benannte Fischer das Hauptmanko, erst in der Nachspielzeit prüfte seine Elf den Gästetorwart Nikola Vasilj zum ersten und einzigen Mal. Die Mainzer hätten ebenso statt ihres Ersatzkeepers Daniel Batz die viel zitierte „Oma ins Tor“ stellen können. St.-Pauli-Trainer Alexander Blessin gab zu bedenken, es sei klar gewesen, dass es „ein chancenarmes Spiel“ werden würde. Ein Punkt für beide war für solch eine Minusleistung jedenfalls die höchstmögliche vorweihnachtliche Belohnung.

Fischer wollte seine Mainzer nicht zu sehr kritisieren, zumal zuvor beim FC Bayern (2:2) und in der Conference League gegen Samsunspor (2:0) ein Höchstmaß an Effektivität zu besichtigen gewesen war. In seinen ersten vier Spielen ohne Niederlage ist es Fischer gelungen, das Gefüge zu stabilisieren. Bei Union Berlin diente einst ein eisernes Fundament als Grundlage für Fischers erfolgreiche Arbeit. Auch in Mainz gebe es eine Basis, man sei „keine Baustelle“, erklärte Heidel: „Es ist ein Riesenvorteil, dass in dieser Mannschaft alles in Ordnung ist.“ Trotzdem braucht es im Januar neue Impulse vom Transfermarkt. Er werde nicht verraten, auf welcher Position nachgelegt werden müsse, so Heidel, denn: „Dann steigen die Preise gleich mal um 50 Prozent.“ Allerdings liegt auf der Hand, dass ein Torjäger auf der Mainzer Wunschliste steht.

Heidel nervt der Vorwurf, nach dem Wechsel von Jonathan Burkardt zu Eintracht Frankfurt zu viel Vertrauen in Talent Nelson Weiper gesetzt zu haben: „Der Junge ist 20 Jahre alt, das wird immer wieder vergessen.“ Vergleiche mit dem A-Nationalspieler Burkardt, der als gereifter Kapitän mit 25 Jahren in der Vorsaison 18 Tore beigesteuert hatte, seien nicht zielführend: „Ich weigere mich zu sagen: Wir stehen da, weil wir keinen Mittelstürmer haben, der zehn Tore geschossen hat. Wir hatten die Hoffnung, dass Nelly (Weiper) in diese Position reinkommt. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber natürlich müssen wir in der Offensive noch mal genau hingucken“, kündigte Heidel an. Ein stürmender Hoffnungsträger käme idealerweise schon bis zum Trainingsstart am 2. Januar. Kurz danach geht es zwischen 10. und 17. Januar in einer englischen Woche nacheinander gegen Union Berlin, Heidenheim und Köln. Drei Gegner, die immer noch dieselbe Kragenweite sein müssten.

Trainer Kompany hat seine Bayern zu einem Perpetuum mobile ausgebaut, das ohne Strom, Benzin oder neun Spieler funktioniert. Doch für die Konkurrenz gibt es noch furchterregendere Nachrichten.

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