SZ 16.02.2026
23:07 Uhr

(+) Bobpilotin Laura Nolte: Gold verloren, Silber gewonnen


Bis zum vierten Lauf im Monoschlitten führt Laura Nolte – dann entreißt ihr die Grande Dame des Bobsports, Elana Meyers Taylor, mit 41 Jahren um 0,04 Sekunden den Olympiasieg. Aber Noltes große Chance im Zweierbob kommt erst noch.

(+) Bobpilotin Laura Nolte: Gold verloren, Silber gewonnen
Vier Hundertstelsekunden zurück: Laura Nolte verpasst knapp den Olympiasieg. (Foto: Julian Finney/Getty Images)

Monobob ist „kein Wettkampf für Herzschwache“, sagt Bundestrainer René Spies. Das Olympiafinale auf der Bahn von Cortina war ein Wettkampf, der nicht nur bei den Zuschauern kurz den Puls hochtreiben konnte. In drei Läufen lag Laura Nolte aus Unna, 27 Jahre, in Führung. Nach dem letzten hielt sie die Hand hoch und zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen Zentimeterabstand an: Um vier Hundertstelsekunden hatte sie Gold verloren und Silber gewonnen. Es war eine „Enttäuschung, der man auch Raum gegen muss“, sagte sie danach.

Vor vier Jahren in Peking war Nolte Olympiasiegerin im Zweierbob, aber im Soloschlitten noch selbstverschuldet aus den Medaillenrängen gerutscht. Diesmal war es die Brillanz der mittlerweile 41-jährigen Elana Meyers Taylor, einer fünfmaligen Weltmeisterin aus den USA und Koryphäe ihres Sports, die sie um eine Winzigkeit abfing. Und auch Kaillie Armbruster Humphries, ebenfalls schon 40, die Dritte wurde, bewies ein weiteres Mal, dass sie Nerven wie Lenkseile hat.

Der Monobob ist das Metier der Frauen. Und die Aufgabe ist mehr als tückisch: Das Gefährt wiegt 163 Kilogramm. Es muss per Muskelkraft in Bewegung und in Schwung gebracht werden – auf zwei schnellen Beinen, allein, ohne die Hilfe von Anschiebern wie in den Zweier- und Viererwettbewerben in Anspruch nehmen zu können. Es gibt Gründe, warum die Pilotinnen den Sommer mit Schnellkraft- und Sprinttraining verbringen. Bevor sich Laura Nolte im Alter von 17 Jahren erstmals in dem Gerät auf Glatteis begab, ist sie in Dortmund Leichtathletin gewesen.

„Im Monobob kann alles passieren“, sagt Nolte. Das gilt besonders für den neuen Eiskanal von Cortina d’Ampezzo, dessen oberer Teil höchste Ansprüche stellt. Nach der ersten S-Kurve folgt ein enges Hufeisen, bevor es ab Kurve vier auf einen Abschnitt geht, der nicht grundlos „Labirinti“ heißt. „Weil man weniger Speed und Gewicht auf der Hinterachse hat, rutscht der Bob manchmal schneller“, hatte Nolte bei den ersten Testläufen im Herbst erkannt. Je leichter ein Bob, desto größer die Probleme, fand auch Johannes Lochner, der die schweren Männer-Mannschaftsschlitten steuert: Für die Kolleginnen sei es besonders schwer.

Entscheidend ist das Fahrgefühl, weil der Monobob ein Einheitsschlitten ist. Von allen Disziplinen im Eiskanal gilt dieser Wettbewerb, was die Ressourcenverteilung betrifft, deshalb als länderübergreifend am egalitärsten. Das Material ist für alle gleich – für die Jamaikanerin Mica Moore ebenso wie für Nolte –, sieht man von einigen Details und der Behandlung der Kufen ab. Auf die Kunst des Lenkens kommt es an.

116 Entscheidungen stehen bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina an. Der Medaillenspiegel mit allen Olympiasiegern und den deutschen Medaillen im Überblick.

Nach den ersten beiden Läufen am Sonntag war Nolte zufrieden gewesen, abgesehen von einigen Kleinigkeiten: „Jeder macht hier Fehler, man muss halt die wenigsten machen.“ Sie hielt ihre Teamrivalin Lisa Buckwitz, 31, aus Berlin in Schach, die zunächst eine falsche Kufenwahl trafe, sich aber noch auf Platz vier verbesserte.

Und zunächst blieben auch die US-Amerikanerinnen Elana Meyers Taylor und Kaillie Armbruster Humphries auf Distanz. Im dritten Lauf am Montagabend fuhr Nolte dann erneut Bahnrekord – den Meyers Taylor allerdings umgehend brach, Armbruster-Humphries kam auf dieselbe Zeit. Der Vorsprung Noltes schmolz von 22 auf 15 Hundertstelsekunden. Im vierten Lauf  touchierte sie die Bande, verlor dadurch die letzten Sekundenbruchteile und musste die Tränen unterdrücken: „In Peking war ich noch nicht da, wo ich jetzt bin“, sagte sie, sie hat in der Zwischenzeit zweimal den WM-Titel im Monobob erobert, und das Cortina-Gold war zum Greifen nah.

Es siegten Erfahrung und Routin: Meyers Taylor fand die schnellste Linie und sicherte sich bei ihren fünften Winterspielen das erste Olympiagold ihrer langen Karriere. Im Ziel schloss sie ihre beiden Kinder in die Arme. Auch Armbruster Humphries ist Mutter eines anderthalb Jahre alten Sohns. Sie wurde 2010 und 2014 Olympiasiegerin im Zweierbob für den kanadischen Verband, den sie 2018 nach einer juristischen Auseinandersetzung und Mobbing-Vorwürfen gegen Trainer verließ, um sich dem Team USA anzuschließen. In Peking 2022 sicherte sie sich Gold bei der Olympiapremiere im Monobob. Erst im Januar hat sie ihr erstes Weltcuprennen seit drei Jahren gewonnen: „Die jungen Mädchen lassen uns am Start alt aussehen“, hat sie gesagt, „also muss ich im Fahren auf Touren kommen.“

Elana Meyers Taylor und Kaillie Armbruster Humphries galten lange als die Avantgardistinnen im Bobsport, einem Metier, das bei Olympischen Spielen bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Männern vorbehalten war. Als der Weltverband IBSF 2014 den Viererbob-Wettbewerb der Männer auch für gemischte Teams öffnete, waren sie die ersten Frauen, die in den großen Schlitten sprangen.

International durchgesetzt wurde dann für Frauen im Winter 2020/21 allerdings das Solo-Gefährt, zunächst zu Unrecht als „Anfängerbob“ verunglimpft. Die Diskussionen sind längst verebbt. Laura Nolte hat nun auch hier ihr Gefühl für Bahn, Bob und Geschwindigkeit bewiesen. Und ihre Lieblingsdisziplin, der Zweierbob, in dem sie mit Deborah Levi 2022 Gold gewann, geht erst am Freitag los.

In Livigno, einem von sechs Olympia-Orten, gibt es Kritik an den Spielen, die Touristenläden sind leer. Aber junge Fans aus aller Welt haben ihren Spaß. Unterwegs mit Grantelnden und Feiernden.

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