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23.11.2025
12:18 Uhr
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Über Ali Chamenei, Irans Obersten Führer, weiß man wenig, auch wenn er seit 1989 regiert. Jetzt ist eine erste Biografie in deutscher Sprache erschienen. Über den Protagonisten erfährt man darin nicht viel Neues, dafür aber Details aus der Geschichte der Islamischen Republik.

Als er zum Obersten Führer der Islamischen Republik gewählt wurde, machte Ali Chamenei sich klein. „Bis zur völligen Selbstverachtung“, so beschreibt es Ali Sadrzadeh, ein früherer ARD-Journalist, der sich vorgenommen hat, das Leben dieses Mannes nachzuzeichnen, der Iran bis heute regiert. Es ist der erste solche Versuch in deutscher Sprache.
Die Szene, die Sadrzadeh im Buch erwähnt, findet man auf Youtube verewigt: Es ist die Sitzung des Expertenrats, der im Juni 1989 den Nachfolger von Ruhollah Chomeini bestimmen sollte, des verstorbenen Ayatollah. Die Islamische Republik, von Chomeini gegründet, dieses eigenartige Konstrukt aus Klerikern und gewählten Politikern, gibt es da erst seit zehn Jahren.
Wer würde Chomeini beerben können, den Übervater? Ali Chamenei, damals Staatspräsident, war schon auf dem Papier ungeeignet, er erfüllte nicht die theologischen Voraussetzungen. Die politischen schon eher, schreibt sein Biograf Sadrzadeh: Obwohl sich Chamenei sicher gewesen sei, dass die Wahl auf ihn hinauslaufe, habe er sich demonstrativ bescheiden gezeigt, so Sadrzadeh – so schwach, dass die anderen im Machtgefüge dachten, sie könnten ihn kontrollieren.
Zu Sadrzadehs Stärken gehört, dass er dem deutschen Publikum einen islamisch-schiitischen Begriff wie Taghiyeh vorstellt, die „Verstellung“: Man darf, ja soll lügen, wenn es dem Islam dient. Ein Land, das ihn zum Führer wähle, sagte Chamenei in der Versammlung, damals 1989, sei „zu beweinen“. Vermutlich ist es bis heute der eine Satz Chameneis geblieben, den eine breite Mehrheit in Iran unterschreiben würde.
Heute unterschätzt Chamenei niemand mehr. Er hielt sich nicht nur an der Macht, länger als fast jeder andere Autokrat auf der Welt. Er schnitt das System der Islamischen Republik ganz auf sich zu – neben ihm und seinem Apparat, vor allem den Revolutionsgarden, sind die übrigen Institutionen so gut wie bedeutungslos geworden: der Staatspräsident, die Minister, das Parlament. Sie alle entscheiden nichts, was Chamenei nicht will.
Wie er das geschafft hat? Wie es kommt, dass er auch mit 86 Jahren noch sein Land kontrolliert, trotz aller Krisen auch in der jüngsten Zeit – den Protesten, den Sanktionen, des Krieges gegen Israel? Im Juni dieses Jahr verlor Iran die Lufthoheit über der eigenen Hauptstadt an die israelische Luftwaffe, der Oberste Führer verschwand in einem Bunker. Danach regierte er weiter.
Auch Ali Sadrzadeh findet keine schlüssige Erklärung dafür. Er sucht sie und schildert, wie Chamenei sich als junger Mann als Kanzelprediger einen Namen machte. Er erzählt von dessen Liebe zur Poesie, die in Iran eine große politische Bedeutung hat. Spannend ist zu lesen, wie Chamenei in seiner Jugend zwischen den Welten pendelte, zwischen der Poesie und klerikalen Kreisen. Den Dichtern war er wegen seiner Frömmigkeit fremd, den Frommen wegen seiner Liebe zu Gedichten. Bis heute lädt Chamenei zu Dichterlesungen in seinen Palast, bei ihnen trifft sich die Elite des Regimes.
Zu den besten Teilen von Sadrzadehs Buch gehören die Passagen, in denen er von den Lyrikabenden des Teheraner Goethe-Instituts im Herbst 1977 erzählt, die ein Vorspiel zur Revolution zwei Jahre später waren. Wie diese Islamische Republik entstand, wer sie in ihren frühen Jahren prägte, darüber kann man in dem Buch viel lernen. Sadrzadeh schildert, wie es die Islamische Republik in den Achtzigerjahren schaffte, den Hass von Muslimen weltweit auf Salman Rushdie zu schüren, ohne dass sie dessen „Satanische Verse“ hätten lesen müssen. Das hilft zu verstehen, wie gut das Regime auch heute noch im Führen von Propagandakriegen ist, etwa gegen Israel.
Weniger lernt man bei Sadrzadeh darüber, wer Ali Chamenei ist. Der Autor räumt das gleich zu Beginn des Buchs selbst ein: Man weiß schlicht zu wenig über den iranischen Machthaber, und was man weiß, entstammt meistens der Erzählung des Regimes – also von Chamenei selbst.
An manchen Stellen neigt Sadrzadeh zu einfachen Erklärungen. Wieder und wieder erwähnt er Chameneis „pathologischen Israelhass“. Der ist sicher zentral für dessen Ideologie, erklärt aber nicht, dass sein Regime sich Israel gegenüber nach dem 7. Oktober eher passiv verhielt. Dass Chamenei einerseits vom Israelhass getrieben ist, andererseits aber oft eher vorsichtig agiert, fast zaudernd, könnte ja ein Grund dafür sein, dass er sich so lange an der Macht gehalten hat.
In Wahrheit ist nicht die Zerstörung Israels das oberste Ziel des greisen Obersten Führers, sondern das Überleben seiner Islamischen Republik. Ali Sadrzadeh zeichnet nach, wie auch deshalb das Verhältnis zu Russland immer enger wurde, und wie Chamenei sich bei Wladimir Putin geradezu anbiederte. Wobei sich nicht erschließt, was Sadrzadeh andeutet: dass die damalige Sowjetunion sogar an der Erstürmung der US-Botschaft in Teheran beteiligt gewesen sein soll. Das ist die eine steile These zu viel, für die man doch gern einen Beleg erfahren hätte.
Sadrzadehs Buch ist ein bisschen Biografie, ein bisschen die Geschichte Irans im 20. Jahrhundert. Eigentlich ist es der gesammelte Erfahrungsschatz des Autors, das Fazit eines langen iranisch-deutschen Journalistenlebens.
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