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22.02.2026
16:33 Uhr
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Nie war Italien bei Winterspielen erfolgreicher als diesmal. Auch dank dreier Frauen, die sich im höheren Sportlerinnen-Alter von 35 Jahren noch einmal zu Höchstleistungen aufschwangen.

Wunder auf Skiern: Zehn Monate nach ihrem verheerenden Sturz bei den italienischen Meisterschaften gewann Federica Brignone bei den Spielen zwei Goldmedaillen. (Foto: Spada/LaPresse/IMAGO)
Ganz am Schluss, als die „Tigerinnen“ müde wurden oder schon abgereist waren, brachten andere diese italienischen Rekordspiele zu Ende. Die Skicrosser Simone Deromedis und Federico Tomasoni etwa, in Livigno: Gold und Silber! Und weil Andrea Giovannini kurz darauf beim Eisschnelllauf noch Bronze im Massenstart gewann, stand da für die italienische Olympia-Mannschaft eine ebenso runde wie beeindruckende Zahl: 30 Medaillen, zehn davon in goldener Farbe. Es waren die erfolgreichsten Winterspiele in der Geschichte Italiens.
„La terra dell’ oro“, das Land des Goldes, so titelte die Gazzetta dello Sport in ihrer Sonntagsausgabe. „Wunderspiele“ seien es gewesen, stand weiter hinten im Blatt. Viele andere im Land schlossen sich der Euphorie an, im Corriere della Sera war von den „angeli azzurri“ zu lesen, den blauen Engeln. Und im Fernsehen, beim Sender Rai, sind sie trotz der Demission des Sportchefs Paulo Petrecca nach seiner Blamage als Kommentator der Eröffnungsfeier höchst zufrieden mit den konstant hohen Einschaltquoten. Was wiederum mit den „Tigerinnen“ zu tun hat.
Drei Frauen haben diese Spiele unter der italienischen Flagge besonders geprägt. Ihre Erfolge sind der Hauptgrund für die Begeisterung, der sich das Land in den vergangenen Tagen hingab – und man kann an ihren Beispielen auch nachvollziehen, wo eine Erklärung für den aktuellen sportlichen Erfolg liegen könnte. „Una tigre“ übrigens ist in diesem Fall unbedingt als Ehrentitel zu verstehen, er wird in Italien nicht so schnell verliehen.
Das erste Gold des Gastgeberlandes gewinnt überraschend Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida – selbst die Tifosi werden von ihrem rührseligen Erfolg überrumpelt.
Da wäre zum einen Francesca Lollobrigida, die Eisschnellläuferin, die in Mailand schon am ersten Wochenende Gold gewann und danach ein Interview mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm gab. Ihre zweite Goldmedaille folgte wenige Tage später. Dass sie am Finalwochenende etwas müde wirkte und Vierte im Massenstart wurde, blieb eine Randnotiz. Da wäre zum anderen, ebenfalls in Mailand: Arianna Fontana. Gewinnerin der Goldmedaille mit der Mixed-Staffel und zweier Silbermedaillen im Shorttrack – ihr fehlte am Freitagabend nur ein besserer Finallauf, um nach der Gesamtanzahl der Medaillen mit der Norwegerin Marit Bjørgen gleichzuziehen, der erfolgreichsten Olympionikin der Geschichte.
Und dann ist da natürlich noch „Fede“, Federica Brignone, zweifache Goldmedaillengewinnerin im Super-G und Riesenslalom von Cortina, die sich nach ihrer schweren Verletzung im vergangenen März zu einem Wunder auf Skiern aufschwang.
Alle drei sind 35 Jahre alt, darin liegt womöglich der erste Grund für die italienischen Erfolge: Diese Heimspiele motivierten auch eine Generation noch mal zu Höchstleistungen, die manch einer schon abgeschrieben hatte. Mehr als 29 Jahre alt waren die italienischen Medaillengewinner im Durchschnitt, überhaupt war die ganze Mannschaft des italienischen Olympia-Komitees Coni eine der ältesten. Erfahrung darin, mit dem Druck umzugehen, machte sich bezahlt: Man konnte das bei Brignone beobachten, die im Riesenslalom fehlerfrei blieb, während ihre jungen Konkurrentinnen Zeit verloren. Oder bei Fontana, die die heiße Atmosphäre in der Shorttrack-Halle zwar wahrnahm, aber selbst eine gewisse Eiseskälte ausstrahlte.
„Es hat sich in der Halle angefühlt, als wäre das ganze Land hinter uns“, beschrieb Fontana das Gefühl, vor Heimpublikum anzutreten, sie kannte es bereits: 2006, in Turin, war sie eine der jüngsten Athletinnen in der italienischen Olympia-Mannschaft gewesen. Zu einer Zeit, in der einer der Grundsteine für den heutigen Erfolg gelegt wurde.
Mehrheitlich Frauen gewannen die italienischen Olympia-Medaillen, sechseinhalb von zehn Goldenen (wegen der Mixed-Staffel im Shorttrack), auch Lisa Vittozzi (Biathlon) und das Rodel-Duo Andrea Vötter/Marion Oberhofer sind hier zu nennen. Zufall allein ist das nicht, vielmehr Teil einer sehr gleichwertigen Förderung: Nach den Sommerspielen von 2000 gab das Coni eine Studie in Auftrag, die Athletinnen durch ihre Karrieren begleitete. Eine der Erkenntnisse: Mutter zu werden, muss bei Sportlerinnen kein Grund fürs Karriereende sein, sondern lediglich eine Ruhephase. Auf Schwangerschaften abgestimmte Trainingsprogramme sind in Italien inzwischen weitverbreitet, genauso wie verbesserte Möglichkeiten für duale Ausbildungen.
Gerade Sportlerinnen, die statistisch gesehen häufiger in der Jugend ihre Karrieren beenden, profitieren von einer Regierungsinitiative, die es Schülern erleichtert, Lernpläne und Schulzeiten an Wettkampfkalender anzupassen. „Unsere Kinder müssen keine Wahl mehr treffen“, sagte Diana Bianchedi, ehemalige olympische Florettfechterin und heute Vizepräsidentin des Coni, der Agentur Reuters. Sie selbst hatte ihre Karriere einst im Alter von 15 Jahren beendet und erst später ein Comeback gegeben. Die „Tigerinnen“ mit der mamma Lollobrigida in ihrer Mitte sind auch eine Errungenschaft dieser Konzepte. Und die Konzepte können mindestens ein Teil des Sport-Aufschwungs in Italien erklären: Nicht nur der Fußball, der gesamte Breitensport ist hier inzwischen keine Neben-, sondern eine Hauptsache.
Den italienischen Erfolg allein über Mentalität oder Konzepte zu erklären, greift aber zu kurz. Dass Nationen bei Spielen vor der Haustür bessere Leistungen erbringen, ist längst statistisch belegt. In London 2012 etwa waren die Briten historisch erfolgreich, in Peking 2022 die chinesischen Wintersportler, in Sotschi 2014 die Russen. Nicht auf jeden dieser Heimtriumphe folgte eine so detaillierte Aufarbeitung des Dopingapparats im Hintergrund wie nach 2014. Ein Mindestmaß an Skepsis sollte im Sport daher jede statistische Auffälligkeit begleiten, selbst diese italienischen Wunderspiele. Die – auch das nicht zu vergessen – mit Dopingvorwürfen gegen die Biathletin Rebecca Passler begannen, die letztlich auch nach einem Sportgerichtsurteil zu ihren Gunsten nicht in Antholz antrat.
Um den Heimvorteil zu erklären, kann man auf vereinfachte Qualifikationskriterien schauen: Heimische Athletinnen und Athleten sind von strengen Normen in vielen Fällen ausgenommen. Viel gewichtiger allerdings sind die finanziellen Bedingungen. Es waren Rekord-, wenn nicht Wunderspiele, auch was die Investments anging. Das italienische Innenministerium unterstützte den Sport nicht nur mit einer neuen Bobbahn in Cortina für knapp 190 Millionen Euro, sondern auch mit einem Ausbau vieler anderer Sport- und Trainingsstätten.
Und das Coni trug seinen Teil dazu bei: Italienische Sportlerinnen und Sportler hatten bei den Heimspielen auch eine gewaltige finanzielle Motivation. Egal, ob Einzel- oder Teammedaillen, jeder Athlet mit einer Auszeichnung in der Hand durfte mit Rekordsummen rechnen. 180 000 Euro für Gold, 90 000 für Silber und 60 000 für Bronze erhielten die Italienerinnen und Italiener, deutlich mehr als etwa in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz. Auch die Entlohnung der Triumphe passt insofern zur Titelseite der wichtigsten Sportzeitung im „Land des Goldes“.
„Freude, Stolz, eine kleine Prise Ernüchterung“: So bewertet der DOSB die deutsche Olympia-Bilanz. Der erkennbare Abschwung wird nicht klar als solcher benannt – manche Probleme gären seit Jahren.
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