SZ 18.02.2026
17:19 Uhr

(+) Biathlon-Staffel der Frauen: Und täglich grüßt die Strafrunde


Das deutsche Frauenquartett verpasst im olympischen Staffelrennen von Antholz die Bronzemedaille. Franziska Preuß wird abermals zur tragischen Figur.

(+) Biathlon-Staffel der Frauen: Und täglich grüßt die Strafrunde

Die Antholzer Biathlonarena wirkt dieser Tage wie ein Filmsetting. Die Kameras senden Livebilder in die Welt hinaus, und doch wirkt es seit Anbeginn dieser olympischen Tage, als mogle jemand die immer gleiche Filmrolle ins Bild. Stets dann, wenn eine der besten ihres Faches auf die Bühne tritt. Man hätte der Biathletin Franziska Preuß wahrhaftig alles gewünscht, nur nicht, dass ihr bei diesen, ihren letzten Olympischen Spielen plötzlich wiederkehrend missglückt, was diese Frau ihr halbes Leben lang ausgezeichnet hat.

Am Mittwoch erinnerte die Szenerie bei aller sportlichen Tragik an den strapaziösen Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, der ziemlich genau ein Jahr vor Franziska Preuß' Geburt erstmals in den Kinos lief. Der Wetteransager Phil Connors, gespielt von Bill Murray, befindet sich in einer nicht enden wollenden Wiederholungsschleife. Und irgendwie wirkt der Realfilm, in dem Preuß sich gerade befindet, durchaus ähnlich.

Die kaum bekannte Lora Hristova holt überraschend Olympiabronze – und muss sich Franziska Preuß erst vorstellen. Hinter dem historischen Erfolg steht der Felix Magath des Biathlons: Wolfgang Pichler.

Es passierte tatsächlich wieder, wieder am Schießstand, wieder im Stehen, diesmal in der Biathlon-Variante Frauen-Staffellauf. Preuß hatte im Liegendschießen fünfmal getroffen, wie im Vorbeigehen räumte sie die winzigen Knöpfe ab, schnell und präzise war das. Preuß lag nun in Führung, die deutsche Frauenstaffel befand sich auf Goldkurs – ehe das für Preuß zuletzt so verflixte Stehendschießen auf dem Programm stand. Mit dem ersten Fehlschuss begann das Zittern auf den Rängen – und das innere Zittern der 31-jährigen Ruhpoldingerin, die sich trotz dreier Nachladepatronen abermals eine schmerzhafte Strafrunde einhandelte. Die Medaille rückte plötzlich in die Ferne.

In der Mixed-Staffel war Preuß mit Team Deutschland vor zehn Tagen trotz dieses baugleichen Malheurs noch glimpflich und samt Bronzemedaille davon gekommen. In den drei olympischen Individualrennen – Einzel, Sprint und Verfolgung – kosteten Preuß die finalen Stehendschießeinlagen wohl mehrere Medaillen. Nun, an diesem Mittwoch, zerbarst die nächste Hoffnung auf die zweite deutsche Teammedaille bei diesen olympischen Biathlon-Wettkämpfen von Antholz: Platz vier blieb am Ende dieses Staffelrennens, wie tags zuvor für das Quartett der Männer. Wie sich die Dinge wiederholen.

Wie kommt man raus aus einer nicht enden wollenden Strafrunde? Veränderung sollte helfen, das war der Plan. Dieses Register hatten Preuß und die Trainer des deutschen Skiverbands diesmal gezogen. Statt wie sonst als fest gesetzte Schlussläuferin ins Rennen zu gehen, einigte man sich diesmal auf die Position zwei, um Preuß die größtmögliche Drucksituation zu ersparen, wie DSV-Sportdirektor Felix Bitterling erklärt hatte. Und es sah danach aus, als könnte diese Strategie aufgehen.

Die 20-jährige Julia Tannheimer eröffnete fürs deutsche Frauenquartett und übergab samt zweier versenkter Nachladepatronen in der ersten Verfolgergruppe hinter Team Schweden auf Preuß. Der Rest ist bekannt, und man muss Preuß nicht verteidigen. Aber sollte vielleicht verstehen, was Biathlon, diese Kombination aus Ausdauer, Schnellkraft und Präzisionsschießen, so kompliziert macht. Man sollte selbst ausprobieren, mit außerordentlich hohem Puls nach 2,5 Kilometern Vollbelastung in Sekunden die Hand sowie die Atmung zu beruhigen. Das Ganze dann unter den Augen von knapp 20 000 im Stadion und an der Strecke – und einem Millionenpublikum am TV. Es ist eine hohe Kunst, und auch für langjährige Vollprofis besteht die ständige Gefahr für Kunstfehler.

Eine Garantie gibt es im Biathlon nie, das macht diese olympische Disziplin so faszinierend und spannend. Mit einer Strafrunde und gehörig Rückstand im Gepäck übergab Preuß nun auf ihre Teamkollegin Janina Hettich-Walz, die noch vier weitere Nachlader brauchte, ehe Vanessa Voigt, diesmal als Schlussläuferin, das Rennen erneut ohne Fehler am Schießstand ins Ziel brachte. 21,5 Sekunden fehlten am Ende zur erhofften Medaille, zwei bis drei Nachlader zu viel waren es, oder eben eine Strafrunde. Gold holten die favorisierten Französinnen (eine Strafrunde, sechs Nachlader), auch das ist eine wiederkehrende Geschichte, nur eben mit stetem Happy End. Schweden (1+7/+51,3 Sekunden) sicherte sich Silber, Bronze ging an Norwegen (0+7/+1:07,6 Minuten).

Franziska Preuß verließ wortlos das Stadion. Sie musste nicht sprechen, um erahnen zu lassen, was in ihr vorging. Fast wollte man ihr die nicht so lange zurückliegenden Erfolge hinterherrufen, ihren Weltmeistertitel aus Lenzerheide, ihren Gesamtweltcupsieg vergangenen Winter, die Wahl zu Deutschlands Sportlerin des Jahres 2025. Dass seit der Aufnahme der Frauenwettbewerbe ins olympische Biathlonprogramm 1992 immer mindestens eine Staffel, die der Männer oder der Frauen, eine Medaille gewonnen hatte? Diese Statistik hätte man ihr erspart.

„So wie ich sie kenne, wird sie sich schütteln und wird noch mal alles zusammenkratzen, um am Samstag eine Reaktion zu zeigen“, sagte DSV-Sportchef Bitterling noch über Preuß. „Aufgeben gibt’s nicht“, erklärte Voigt. Am Samstag besteht für Voigt und Preuß die letzte Medaillenchance dieser Spiele. Auch das sei erwähnt: Der Murmeltierfilm endet damit, dass Phil Connors der Dauerschleife entkommt.

Franziska Preuß hat das erfolgreichste Jahr ihrer Biathlonkarriere hinter sich. Vor dem Weltcup in Ruhpolding spricht Deutschlands Sportlerin des Jahres über ihre Heimat, ihre Einsamkeit – und erzählt, was sie als Zimmergenossin von Laura Dahlmeier gelernt hat.

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