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13.02.2026
15:37 Uhr
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Die Antholzer Biathletin Rebecca Passler, vor Olympia nach einer Dopingprobe suspendiert, hat im zweiten Anlauf mit ihrer Berufung Erfolg. Eine prominente Rolle spielt dabei ein Glas Nutella.

Im Antholzer Tal kennt man sich, von Antholz-Mittertal bis Antholz-Niederrasen, beim Bäcker, im Dorfgeschäft oder im Hofladen. Und die Familie Passler, die kennen alle noch ein wenig besser. Wer sich in diesen Tagen hinauf begibt zum olympischen Biathlonstadion, passiert den Steinzgerhof der Passlers, wo gerade das polnische Team logiert, lässt dann die Einfahrt zur Passlerstraße links liegen und nähert sich der Südtirol Arena. Ein Ort, an dem dieser Tage die Spiele einer Einheimischen hätten stattfinden können. Ein Familienfest hätte es werden sollen, mit der Antholzerin Rebecca Passler in der Hauptrolle. Doch was als Wintermärchen erdacht war, wurde zu einem Doping-Krimi.
Bis Freitagvormittag musste Rebecca Passler davon ausgehen, dass sie ihre Heimspiele in Antholz komplett verpasst. Bei einer Dopingkontrolle war ihr der Wirkstoff Letrozol nachgewiesen worden, der zur Brustkrebsbehandlung eingesetzt wird, im Leistungssport aber seit 2008 als Dopingmittel eingestuft und verboten ist. Noch vor Beginn der Spiele war die 24-Jährige für sämtliche Wettkämpfe suspendiert worden. Am Freitagvormittag folgte die Wendung: Passler darf nun doch in Antholz starten. „Es waren sehr schwierige Tage“, teilte sie in einer Stellungnahme mit. „Ich habe immer an meine Unschuld geglaubt.“
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Passler hatte sich von Beginn an gegen die Sperre gewehrt. Sie hatte damit argumentiert, dass sich hier eine Verunreinigung zugetragen haben müsse, dass sie selbst keine Schuld treffe. Doch im ersten Anlauf hatte sie kein Glück: Die Ad-hoc-Kammer des Internationalen Sportgerichtshofs Cas, die normalerweise Beschwerden über Dopingsperren während der Spiele abhandelt, erklärte sich für nicht zuständig, sondern verwies an das Berufungsgericht der nationalen Anti-Doping-Behörde Nado. Und diese zweite Instanz folgte ihrem Vortrag, dass sie nichts für den Positivtest könne, sondern dass eine Kontamination oder eine versehentliche Einnahme vorliegen müsse.
Offiziell bekannt gemacht wurden die Gründe dafür bisher nicht. Schon in dem Verfahren vor dem Cas hatte Rebecca Passlers Verteidigung allerdings nahegelegt, dass eine Kontamination im familiären Umfeld erfolgt sei. Sie lebe zusammen mit ihrer Mutter, die seit Oktober 2024 an Brustkrebs erkrankt sei – und die seit Juni 2025 ein Medikament einnehme, in dem Letrozol enthalten sei. Dass ihre Mutter dieses Medikament einnehme, habe sie allerdings nicht gewusst, es habe auch nicht bei den anderen Medikamenten gestanden.
Neben Rebecca Passler steuerte auch die Mutter selbst in dem Verfahren vor dem Cas eine Einlassung als Zeugin bei. Dabei gab sie an, dass es in ihrem Haushalt normal sei, dasselbe Besteck zu benutzen; auch sei es möglich, dass sie beim Zubereiten von Mahlzeiten möglicherweise ein Utensil zum Abschmecken und zum Umrühren benutzt habe. Und schließlich verwies sie auch noch auf ein Glas Nutella, das in der Küchenvorratskammer stehe und aus dem sie mit einem Löffel esse – und aus dem die Athletin am 25. Januar 2026 beim Frühstück direkt etwas Nutella genascht habe.
Die Sportwelt hat bei Dopingfällen schon manche ungewöhnlichen Erklärungen erlebt. Zugleich sind Verunreinigungen von Medikamenten oder Nahrungsmitteln ein Dauerproblem und haben schon öfter dazu geführt, dass Dopingproben fälschlicherweise positiv ausfielen. Deswegen muss man bei manchen Stoffen ganz genau hinschauen, unter anderem auch bei Letrozol, dessen leistungssteigernder Effekt bei Frauen als tendenziell gering gilt. Der bisher prominenteste Fall mit dieser Substanz betraf die frühere French-Open-Finalistin Sara Errani. Der italienischen Tennisspielerin war im Jahr 2017 Letrozol nachgewiesen worden. Auch sie hatte damals bestritten, die Substanz bewusst eingenommen zu haben, und auf eine Nahrungsmittelverunreinigung verwiesen. In ihrem Fall war das allerdings vergebens, ihre Zwei-Monate-Sperre hatte Bestand.
Der Fall Passler ist der bisher erste und einzige bei diesen Spielen im Zusammenhang mit Doping. Wenn man Rebecca Passler etwas nachsagen darf, dann ist es eine Mischung aus Leidensfähigkeit und Hartnäckigkeit. Bis Freitagfrüh hatten selbst die kundigsten Beobachter der Szene Passlers Olympiachancen aufgegeben. Doch die Athletin gab nicht auf. Um Begegnungen mit Reportern an ihrer Haustür zu vermeiden, hatte sie sich vorübergehend zu ihrer Schwester Greta begeben, die als Hostess für die Siegerehrungen im Biathlonstadion tätig ist. Vom Wohnzimmer ihrer Schwester aus schöpfte Passler in den vergangenen zwei Wochen sämtliche Wege aus, um doch noch starten zu dürfen. Gestärkt wurde sie dabei vom italienischen Wintersportverband Fisi, der nach Gesprächen mit Passler deren Unschuld beteuert hatte – und sich nun seinerseits bestätigt fühlen darf.
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Passler startet seit Ende 2021 im Biathlon-Weltcup. In diesem Winter war es ihr erstmals gelungen, in die Weltspitze vorzudringen, mit zwei elften Plätzen im Sprint von Oberhof und im Massenstart von Annecy. Jetzt darf sie also doch noch auf Medaillenjagd gehen und die Skijägergeschichte dieser Familie erweitern, die 1988 ihre ersten olympischen Momente erlebt hat: Rebecca Passlers Onkel Hans gewann damals in Calgary zwei Bronzemedaillen. Bereits am Samstag könnte Passler im Sprintrennen antreten. Italiens Verband teilte aber mit, dass sie erst von Montag an wieder mit ihren Teamkolleginnen trainieren werde. Für die Frauen-Staffel am Mittwoch ist Passler eine ernsthafte Kandidatin. Dann könnte sie unter anderem mit Dorothea Wierer und Lisa Vittozzi um eine Medaille kämpfen.
Seit Freitag dürfte jedenfalls ein Hauch von Normalität einkehren bei der ganzen Familie Passler, von der nicht wenige oben im Stadion als Helfer vertreten sind: im Wohnzimmer von Rebecca Passler, in dem sie nun alle auf eine Medaille hoffen.
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