SZ 10.02.2026
17:04 Uhr

(+) Biathlet Johann-Olav Botn: Sein Olympiasieg für Sivert Bakken


Der Norweger Johann-Olav Botn widmet seine Goldmedaille dem verstorbenen Freund, den er vor Heiligabend leblos im Hotelzimmer gefunden hatte. Über einen emotionalen Tag in Antholz.

(+) Biathlet Johann-Olav Botn: Sein Olympiasieg für Sivert Bakken
Blick in den Himmel, als sähe Sivert Bakken von oben zu: Johan-Olav Botn. (Foto: Andrew Medichini/AP)

Der Sport ist kleiner, als man in diesen Tagen zu glauben meint. Das ließen Szenen erahnen, die sich am Dienstagnachmittag im Antholzer Biathlonstadion zutrugen. Der norwegische Skijäger Johann-Olav Botn hatte dort soeben die Ziellinie überquert, 20 Loipenkilometer olympisches Einzel lagen hinter ihm, und 20 getroffene Zielscheiben. Er hatte dieses Biathlonrennen gewonnen, Olympiagold, der größtmögliche Erfolg. Zehntausende Zuschauer jubelten ihm von der Haupttribüne zu, doch aus dem Gesicht des Olympiasiegers sprach: Schmerz. Nicht der gewöhnliche Schmerz, der in die Beine schießt, wenn man im Zielsprint um Sekunden kämpft. Sondern ein tieferes Gefühl, das keine Medaille der Welt verdrängen kann. Und so ging Botns Blick nach oben – ehe er den Arm mit dem Finger zum Gruß in den Himmel hob.

Der Biathlonsport hat finstere Zeiten hinter sich, schwarze Trauerflore prägten zuletzt die Weltcuporte der Skijäger. Im norwegischen Team ist immer noch sehr präsent, was sich am Tag vor Heiligabend in Italien am Lavazéjoch ereignet hatte. Botn hatte seinen Freund Sivert Bakken während des Trainingslagers tot im Hotelzimmer aufgefunden. Bakken, der nur 27 Jahre alt wurde, hatte zum Todeszeitpunkt eine Höhentrainingsmaske auf dem Gesicht, die Umstände sind bis heute ein Rätsel. Der Dienstag von Antholz brachte zwar kein Licht in dieses Dunkel. Vielmehr war zu erfahren, wie tiefgreifend Bakkens Tod jenen beschäftigte und beschäftigt, der seine Leiche fand.

Woran starb der Biathlet Sivert Bakken, der zum Todeszeitpunkt ein Gerät auf dem Gesicht trug, das spezielle Bedingungen simuliert? Nachforschungen beim Weltcup in Ruhpolding.

Botn würde man im wilden Trubel des Biathlonstadions fast übersehen, wenn er nicht sein Gewehr geschultert und die Medaille um den Hals baumeln hätte. Den schmal gebauten 26-Jährigen kannten bisher eher die Aficionados der Biathlonszene, erst seit diesem Winter ist er im Weltcup zu sehen, einmal hat er ein Rennen im Zirkus der Großen gewonnen; dieser Mann mit den lustigen Grübchen im Gesicht, der meist so aussieht, als gäbe es gerade etwas zu lachen. Nun aber, Minuten nach seinem Rennen, musste er sich sichtlich zusammenreißen, als er vor die Weltpresse trat, etwa ans Mikrofon des ZDF. „Ich habe auf der letzten Runde kaum mehr an mich selbst gedacht“, sagte Botn. „Meine Gedanken und meine Gefühle waren direkt nach dem letzten Schießen bei Sivert.“ Die beiden waren ja keine gewöhnlichen Teamkollegen. „Er und ich, wir haben im letzten Jahr fast jeden Tag miteinander trainiert“, erzählte Botn. „Für uns beide war das ein großer Traum, hier Olympiasieger zu werden.“

Nur ein kurzer Einblick in die Gefühlslage dieses Menschen, der aber sein emotionales Dilemma erahnen lässt. „Seit Weihnachten habe ich kaum trainiert, meine Form war nicht wirklich gut, ich musste es also am Schießstand lösen“, sagte Botn. Es reichte an diesem Tag nicht, höchst rasant 20 Loipenkilometer zu durchdringen und 19 winzige Zielscheiben zu treffen. Es benötigte die perfekte Präzision: 20 von 20 Schüssen im Ziel. Und so kam es zu diesem letzten entscheidenden Moment: Botn am Schießstand, vier Scheiben hatte er schon versenkt. Während der Franzose Eric Perrot wie ein Bulle durch die Loipe pflügte und seinen Rückstand (ein Schießfehler) Sekunde um Sekunde pulverisierte. Es war klar: Für Gold musste Botn nun auch noch diese letzte Scheibe treffen.

Die Biathletinnen und Biathleten treten bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Antholz an. In Südtirol stehen elf Wettbewerbe auf dem Programm – ein Überblick.

An dieser Stelle kommt ein zweiter, eher unauffälliger Norweger ins Spiel: Ole Einar Björndalen, sehr prominent, aber umso mehr ein auffällig stiller Zeitgenosse. Dem vielleicht berühmtesten Biathleten der Geschichte gelingt es dank Mütze und Sonnenbrille verlässlich, nahezu unerkannt durch die Biathlonstadien der Welt zu schleichen. So war das auch am Dienstag in der Südtirol Arena von Antholz, wo seine Tätigkeit als TV-Experte ihn dieses Mal hinführte. Niemand, wirklich niemand, hatte den Mann bemerkt, der sich unter seiner Haube versteckt zwischen die schreibenden Journalisten gemischt hatte. Bis, ja bis dieser Mann im großen Saal einen Juchzer von sich gab. Und dann mit einem kurzen „Sorry“ Richtung Ziel hastete.

Für Björndalens Verhältnisse war das ein emotionaler Vulkanausbruch. Auch daran war zu erkennen, wie sehr die Trauer um Bakken die norwegische Biathlonszene beschäftigt. Botn widmete seine Medaille dem Verstorbenen, und es blieb emotional, wie immer bei Olympia, aber irgendwie doch anders. Etwa als Bakkens bester Freund Tommaso Giacomel aus Italien dem Sieger in die Arme fiel, als würden sie einander auffangen. „Ich hatte das Gefühl, ich bin die komplette letzte Runde mit Sivert zusammengelaufen“, sagte Botn noch. „Ich hoffe, er hat zugesehen und war heute ein Teil von mir.“

Der Allgäuer Philipp Nawrath hatte auch an diesem Mehrkampf ums olympische Edelmetall mitgemischt, merklich gar. Die tausenden aus Deutschland angereisten Fans wähnten ihn zwischendurch auf dem Siegertreppchen, als er nach seiner vierten und letzten Einlage mit dem Kleinkalibergewehr von der Schießmatte sprang und sich aufmachte in die fünfte und letzte Runde. Der 32 Jahre alte Nawrath hatte sich die Ausgangslage geschaffen, wie Perrot die skandinavische Dominanz zu unterbrechen. Aber für Nawrath war der eine Schießfehler einer zu viel. Er hatte nun wie der Franzose 60 Extrasekunden im Gepäck – doch diesen Rucksack konnte Nawrath im Endspurt nicht mehr aufs olympische Podest hieven. 43 Sekunden fehlten dem Deutschen zum Bronzerang, den sich am Ende noch ein zweiter langjähriger Teamkollege Bakkens sicherte: der Norweger Sturla Holm Laegreid.

Seit dem Tod des Biathleten Sivert Bakken wird diskutiert: Warum trug der Norweger im Schlaf eine Höhenmaske? Welchen Zweck haben solche Geräte? Und wann sind sie gefährlich? Ein Gespräch mit Mediziner Wilhelm Bloch.

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