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03.12.2025
16:49 Uhr
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Nach dem XXL-Umbruch im Sommer spielt Bayer Leverkusen wieder einen Offensivfußball, der zur Vereinskultur passt. Die Schlüsselrolle übernimmt dabei Mittelfeldspieler Aleix Garcia.

Wiederaufbauhelfer: Aleix Garcia reicht Dortmunds Karim Adeyemi nach Leverkusens Sieg im DFB-Pokal die Hand. (Foto: Pau Barrena/Getty Images)
Bayer Leverkusens Chefcoach Kasper Hjulmand war selbstverständlich erfreut über den 1:0-Sieg seiner Mannschaft im Pokalmatch bei Borussia Dortmund, er war jedoch auch ein bisschen enttäuscht. Normalerweise, sagte er, spiele sein Mittelfeldchef Aleix García in jeder Partie mindestens 100 Pässe, aber diesmal? 69 Bälle leitete García, 28, am Dienstagabend an die Mitspieler weiter, ein Wert, für den sich ein renommierter spanischer Fußballer, zumal ein Angehöriger des Nationalteams, eigentlich schämen und in die Ecke stellen muss.
Doch die einzige Ecke, in die sich García nach dem Einsatz begab, war jener Stadionwinkel, wo die Anhängerschaft von Bayer 04 den Erfolg ihres Vereins feierte. Die Mannschaft gesellte sich gern dazu, inklusive des spanischen Mittelfeldchefs, der diesmal mehr mit der Verteidigung des Vorsprungs beschäftigt war als mit seinen geschätzten Ballkontakten und dem kultivierten Spielaufbau. Am vorigen Samstagabend, als sich die beiden Klubs bereits in der Bundesliga begegneten, hatte Aleix García standesgemäße 124 Pässe verteilt. Aber da der BVB 2:1 gewonnen hatte, gab es aus Leverkusener Sicht nichts zu feiern.
Dass diesmal die andere Partei jubeln durfte, das nahmen die mehr als 75000 heimischen Besucher – die anderen 5000 gehörten zur Gegenseite – vergleichsweise gefasst zur Kenntnis. Die Leute gingen weder schimpfend noch tief bedrückt in die Nacht. Ihrer BVB-Elf war hinsichtlich der obligatorischen Pflichttugenden kämpfen/laufen/beißen kein Vorwurf zu machen. So hoch loben, wie es Niko Kovac getan hat, musste man sie allerdings auch nicht. „Meine Mannschaft hat trotzdem über die gesamte Zeit ein sehr gutes Spiel gemacht“, erklärte der Trainer und war sich vermutlich oder auch hoffentlich seiner Übertreibung bewusst. Dabei hatte er aber wohl auch die Haus- und Lokalpolitik im Blick: In Dortmund wurden große Hoffnungen in den Pokalwettbewerb gesetzt, aber auf eine Trophäe wird man nun wohl mindestens eine weitere Saison warten müssen.
Kovac hatte zwar recht, als er sagte, dass seiner Borussia an diesem Abend „die Dominanz“ gehörte. Doch diese Dominanz war nicht viel wert, da bis in die siebte Nachspielzeitminute keine konkrete Torchance aus ihr hervorging. Bayer Leverkusen hielt mit harter Abwehrarbeit und guter Organisation dagegen, das genügte.
Im doppelten Direktvergleich der beiden westdeutschen Top-Teams und nationalen Champions-League-Vertreter hat der BVB nicht erkennen lassen, dass ihm nun wieder der jahrelang angestammte zweite Platz im Fußball-Land hinter den Bayern gebührt. Nachdem Xabi Alonso und mit ihm der halbe Double-Gewinner-Kader die Stadt verlassen haben, wächst in Leverkusen der nächste Herausforderer für die Dortmunder heran. Erstaunlich zügig hat sich die Baustellen-Truppe des Spätsommers in eine neue Werkself verwandelt. Was die dynamische Entwicklung des Teams und den sportlichen Fortschritt angeht, bietet Bayer im Moment mehr Perspektive als der auf Ergebnisse getrimmte und fixierte Kovac-BVB.
Nach den Resultaten im Hin- und Rückvergleich steht es zwar Unentschieden. Fußballerisch hatte Bayer 04 allerdings in beiden Partien Vorteile, auch bei der Niederlage im eigenen Haus. Während Kovac bei der Aufstellung und Matchplanung im Zweifel doch lieber die Defensive stärkt, als einer kreativen Idee fürs Angriffsspiel den Vorrang zu geben, realisiert Hjulmand den Auftrag der Vereinsführung, im Sinne der Klubtradition offensiven Fußball mit kulturellem Anspruch zu inszenieren.
Dafür brauchte ihn Sportchef Simon Rolfes nicht zu erziehen, der dänische Fußball-Lehrer vertritt aus eigener Überzeugung Ambitionen, die zum Selbstverständnis des Klubs passen. Deshalb hatte Rolfes schon früher mehrmals versucht, ihn zu engagieren, bis es im Sommer nach dem zu 101 Prozent missratenen Intermezzo mit Erik ten Hag endlich klappte. Mit der Entwicklung der vorigen Wochen sei er „zufrieden“, sagte Hjulmand jetzt. „Aber ich finde, dass wir noch viel besser spielen können, das Potenzial haben wir.“
Steigendes Niveau veranschaulicht exemplarisch auch der Nationalspieler Robert Andrich. Vor sechs Wochen hatte er so ehrlich wie zutreffend eingestanden, in der Nationalelf aktuell nichts mehr verloren zu haben. Nun kann er sich womöglich bald wieder blicken lassen. Am Dienstagabend spielte er im Abwehrzentrum und leistete dort mehr als bloß brauchbare Arbeit.
Vieles von dem, was den Leverkusenern zuletzt im Alltag der englischen Wochen gelungen ist, hat mit dem späterwachten Ballverteiler García zu tun. In seiner ersten Saison im Rheinland stand der Spanier im Schatten von Granit Xhaka, der seine Rolle als zentrale Autorität im Team und im Mittelfeld so herrschaftlich ausfüllte, dass für Garcia nicht mehr viel Platz blieb. Nun ist der Schweizer weg, und die Zehn-Millionen-Euro-Erwerbung vom FC Girona rentiert sich enorm, um nicht zu sagen: sie boomt. War Georghe Haghi früher der Karpaten-Maradona und Rocco Reitz mal der Messi vom Niederrhein, so ist García jetzt der Xhaka aus den Pyrenäen.
„Aleix ist unser Herz und Rhythmus“, sagt Hjulmand, „er spürt die Räume.“ Und die Wege der Mitspieler. Ob 69 Pässe wie am Dienstag oder 124 wie am Samstag: Garcías Fehlpassquote bleibt fast immer einstellig, obwohl er mit knappem Timing kalkuliert, keineswegs auf Risiko-Pässe verzichtet und auch immer wieder die lange Distanz anvisiert. Schon als er 2016 zu Pep Guardiolas neuem Klub Manchester City kam, damals noch ein Junior-Profi, stellte sich der aus Katalonien stammende García als „Passing Player“ vor, als Passspieler. Nun prägen seine Pässe den Herzschlag der neuen Bayer-Elf.
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