SZ 23.11.2025
15:31 Uhr

(+) Baden-Württemberg: Und die AfD lacht sich ins Fäustchen


In Baden-Württemberg tritt die AfD mit dem Anspruch an, stärkste Partei zu werden. Im Wahlkampf spielt sie mit den Ängsten der Menschen – und könnte von der Unzufriedenheit mit der Bundesregierung profitieren.

(+) Baden-Württemberg: Und die AfD lacht sich ins Fäustchen

Markus Frohnmaier hatte sich lange redlich darum bemüht, sich als Scharfmacher innerhalb der AfD zu profilieren. Er war Mitbegründer der inzwischen aufgelösten Jungen Alternative und Unterstützer des Thüringer Parteirechtsaußen Björn Höcke. Als Redner auf einer AfD-Demonstration in Erfurt sagte er Ende 2015: „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet.“

Zehn Jahre später steht Markus Frohnmaier im württembergischen Hechingen auf der Bühne der Stadthalle vor den Delegierten des Parteitags der AfD Baden-Württemberg. Er trägt einen dunklen Zweireiher, rote Krawatte, Manschettenknöpfe. Frohnmaier redet nun über „seriöse Politik“, über den Abbau von Bürokratie und die Vorschläge der AfD für den Standort Baden-Württemberg.

Frohnmaier ist jetzt Bundestagsabgeordneter und Co-Landeschef, vor allem aber der  „Ministerpräsidenten-Kandidat“ der AfD für die Landtagswahl am 8. März 2026. Die Partei ist zusammengekommen, um ihr Wahlprogramm zu verabschieden. „25 Prozent plus X“, gibt Frohnmaier als Wahlziel aus, den ersten Platz im Parteiensystem und den Einzug in die Stuttgarter Regierungszentrale. „Holen wir uns die Villa Reitzenstein! Sorgen wir dafür, dass die Vorhänge im Staatsministerium blau werden.“

Nun glaubt niemand ernsthaft, dass die AfD in Stuttgart den Regierungschef stellen wird. Schon allein deshalb, weil niemand mit ihr koalieren will. Aber die Angst der anderen Parteien ist groß, dass die AfD im Superwahljahr 2026 mit fünf Landtagswahlen im Südwesten ein erstes Ausrufezeichen setzen könnte. 2021 hatte die AfD hier nur 9,7 Prozent der Stimmen erhalten. Aktuell aber sehen die Demoskopen Frohnmaiers Partei bei 21 Prozent, und damit sogar vor den Grünen, der Partei von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (20 Prozent). Die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Manuel Hagel liegt mit 29 Prozent in den Umfragen zwar deutlich vorn, hat zuletzt aber an Zustimmung verloren – an die AfD. Bei Handwerkern und Mittelständlern, berichten Wahlkämpfer von CDU und FDP alarmiert, werde ihnen immer öfter diese Frage gestellt: Warum probiert ihr es nicht mal mit der AfD?

Frohnmaier bemüht sich erkennbar um Salonfähigkeit. Bislang galt sein Blick auf die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin als mindestens unkritisch. Der Böblinger Bundestagsabgeordnete und außenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion hatte für das Frühjahr 2026 sogar eine Reise nach Russland angekündigt. Die Reise hat er aber abgesagt, mit Verweis auf Terminprobleme. Zu dem Kurswechsel mag auch der Umstand beigetragen haben, dass eine Putin-Nähe bei ostdeutschen AfD-Wählern stärker goutiert wird als in Baden-Württemberg. Manche vermuten auch eine Intervention von Bundesparteichefin Alice Weidel hinter der Absage. Frohnmaier gilt als enger Vertrauter von Weidel.

Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann profitiert die AfD im Landtagswahlkampf aktuell von zwei Dingen: Da ist die Schwäche der Bundesregierung, die mehr durch Streitereien auffällt als durch die versprochenen Reformen. Und da ist die Wirtschaftskrise, die Baden-Württembergs Kernbranche, die Automobilindustrie, besonders hart trifft. Große Zulieferer wie Bosch bauen Zehntausende Stellen ab, kleinere melden Insolvenz an. Das einst stolze Autoland ventiliert ernsthaft die Frage, ob Stuttgart, sein wirtschaftliches Zentrum, zum neuen Detroit wird. Die einstige „Motor City“ der USA ist zum Symbol des industriellen Niedergangs geworden. „Wir machen uns wirklich Sorgen, dass wir zum neuen Detroit werden“, sagt Frohnmaier. Die AfD sieht das Heil im Aus für das Verbrenner-Aus. „Dein Auto würde uns wählen“, heißt ein Slogan auf einem AfD-Wahlplakat.

Andere Plakate lassen den Schluss zu, dass Frohnmaier im Wahlkampf nicht allein auf die neue, staatsmännische Attitüde vertraut. „Illegale fürchten diesen Blick“, steht da unter seinem Konterfei. Weitere Slogans lauten: „Sie nutzen uns aus“ oder „Es sind zu viele“.

Es gibt auch noch den alten Frohnmaier, den Scharfmacher.

Stuttgart steckt in der Krise, Zehntausende Jobs fallen weg. Manche fürchten schon, dass der Autostadt ein Niedergang drohen könnte wie Detroit. Dabei gibt es auch gute Nachrichten, vielversprechende Start-ups und eine Strategie für die Wende.

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