SZ 18.02.2026
08:39 Uhr

(+) BVB in der Champions League: Erst Schneckentempo, dann Blitzstart


Das Dortmunder 2:0 gegen Bergamo eröffnet dem Klub beste Aussichten aufs Achtelfinale – selbst widrige Umstände können das Team derzeit nicht erschüttern. Nun warten ein paar Topspieltage auf den BVB.

(+) BVB in der Champions League: Erst Schneckentempo, dann Blitzstart
Serhou Guirassy traf gegen Bergamo schon nach wenigen Augenblicken zum 1:0. (Foto: Pau Barrena/Getty Images)

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben nicht immer. Jedenfalls nicht beim Fußball. Die Spieler von Borussia Dortmund hatten am Dienstagabend das tröstliche Gefühl, ihre Bus-Odyssee zum verspätet angepfiffenen Champions-League-Heimspiel gegen Atalanta Bergamo könnte letztlich sogar ihr Gutes gehabt haben. „Jetzt haben wir wenigstens nicht so viel Wartezeit“, sagte noch kurz vor dem Spiel erstaunlich trocken der Rechtsaußen Julian Ryerson beim Sender Amazon Prime, um dann nur 124 Sekunden nach dem Anpfiff die Flanke zum 1:0 durch Serhou Guirassy zu servieren. „Der ganze Stress hat uns vielleicht sogar gutgetan“, spekulierte hinterher der Dortmunder Kapitän Julian Brandt. Zu spät im Stadion angekommen, ging der BVB umso früher in Führung. Das war im Playoff-Hinspiel jener Knackpunkt, der den 2:0 (2:0)-Sieg gegen Bergamo auf den Weg brachte und nun die große Chance auf den Einzug ins Achtelfinale eröffnet.

Mehr als eine Stunde für etwa 15 Kilometer Strecke hatte der Mannschaftsbus im Schneckentempo vom Tageshotel bis zum Stadion gebraucht, weil zusätzlich zu den knapp 77 000 Stadionbesuchern noch etwa 15 000 Menschen zum Grönemeyer-Konzert nebenan in die Westfalenhalle strömten. Erst um 21.15 Uhr wurde folglich das Spiel angepfiffen – um 21.17 Uhr stand es bereits 1:0. Der Flankengeber Ryerson bereitete schon das fünfte Dortmunder Pflichtspieltor nacheinander vor, der Schütze Guirassy markierte seinen sechsten Treffer binnen vier Pflichtspielen. Und präsentierte anschließend auf dem Shirt unter seinem Trikot eine Nachricht an seinen Bruder, dessen Tochter offenbar kürzlich verstorben war.

Der Stürmer Youssoufa Moukoko wurde bei Borussia Dortmund als Wunderknabe gepriesen und kam für Deutschland bei der WM zum Einsatz. Jetzt sitzt er in Kopenhagen auf der Bank. Was ist nur passiert?

Maximilian Beier markierte mit dem 2:0 nach Vorlage von Guirassy in der 42. Minute dann bereits jenen Endstand, der den Dortmundern später das Gefühl vermittelte, eigentlich zu wenig aus diesem Spiel herausgeholt zu haben. Am Mittwoch kommender Woche in Bergamo könnte dieses Ergebnis trotzdem zum Einzug in jenes Achtelfinale genügen, in dem den Borussen dann der FC Arsenal aus London oder der FC Bayern aus München als Gegner zugelost würde.

15 Spiele nacheinander hat Dortmund in der Bundesliga nicht mehr verloren und mit diesem 2:0 gegen Bergamo den vierten Pflichtspielsieg in Serie gefeiert. „Zurzeit funktionieren viele Dinge ganz gut, und wir ziehen die Spiele“, sagte der Kapitän Brandt und zog aus diesem Eindruck jene Zuversicht, die es für das wegweisende weitere Programm unbedingt braucht. Bevor der BVB in Bergamo zum vierten Mal nacheinander ins Champions-League-Achtelfinale einziehen kann, gastiert er am kommenden Samstagabend zum Bundesliga-Topspiel bei RB Leipzig. Und eine Woche später empfängt er zum nächsten Topspiel dann den FC Bayern, um die womöglich letzte Chance zu nutzen, den Titelkampf wieder spannend zu machen.

In diesen acht Tagen dürfte sich vorentscheiden, was für eine Saison das wird für Borussia Dortmund: eine sehr gute, eine gute oder eine eher maue. Dass die Mannschaft gerade jetzt „einen guten Geist“ hat und „eine gute Mentalität“, wie der Trainer Niko Kovac konstatierte, wurde am Dienstagabend deutlich. Erkennbar war das daran, dass man trotz des verletzungsbedingten Ausfalls der vier Innenverteidiger Nico Schlotterbeck, Niklas Süle, Emre Can und Filippo Mané zu null spielte. Und daran, dass als Ersatz auf der rechten Position in der Dreierkette der erst 18 Jahre alte Italiener Luca Reggiani aus der A-Jugend sein respektables Startelf- und Champions-League-Debüt feierte.

So gut war die Stimmung beim BVB, dass der Trainer Kovac einmal warnend dazwischengehen wollte. „Das 2:0 ist noch keine Bank“, sagte er mahnend in der Pressekonferenz weit nach Mitternacht in die allgemeine Euphorie hinein und erwartet für den nächsten Mittwoch in Bergamo einen „heißen Tanz“. Und gewiss nicht nur dort. Drei Spiele, in denen Borussia Dortmund jetzt nicht zwingend als Favorit auf einen Sieg gilt, warten auf diese Mannschaft, die in der Bundesliga erst ein einziges Spiel verloren hat, nämlich das Hinrundenspiel in München (1:2).

Maßgeblichen Anteil am Aufschwung zur rechten Zeit hat mit dem rechtsseitigen Schienenspieler Ryerson ein Mann, den für das gleißende Rampenlicht so recht niemand auf dem Zettel hatte. Der 28 Jahre alte Norweger, Anfang 2023 für fünf Millionen Euro von Union Berlin gekommen, ist hinten als Abwehrmann ein leidenschaftlicher Zweikämpfer sowie vorne als Flügelstürmer ein immer versierterer Flankenschläger. Weil er zudem die Freistöße von rechts sowie die Ecken von links schießt, sind ihm in dieser Saison bereits 14 Torvorlagen gelungen. Das ist mit Abstand persönlicher Bestwert. Beim 4:0 gegen Mainz am vergangenen Freitag hatte er alle vier Treffer vorbereitet.

Branchenüblich geht solch eine Leistungsexplosion mit wachsendem Interesse internationaler Topklubs einher. Ryersons Vertrag beim BVB gilt zwar noch bis 2028, aber schon im Sommer könnten lukrative Offerten zahlungskräftiger englischer Vereine eingehen. Mit Manchester United und Newcastle United wurden bereits die ersten Namen genannt. Ryerson, 2018 von Union Berlin bei Viking FK in Stavanger entdeckt, lässt sich von derlei Gerüchten nicht irritieren. Seine Flanken, Freistöße und Eckbälle werden von Mal zu Mal nur schärfer und präziser.

Der BVB verteidigt beim 2:1 in Wolfsburg stabil den zweiten Tabellenplatz. Dennoch stellt sich zunehmend die Frage: Sollten Trainer und Team nicht mal ein schlüssiges Offensivkonzept liefern?

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