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11.01.2026
14:47 Uhr
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Vor einem Jahr endete die Kanzlerschaft von Karl Nehammer in Österreich. Seine Autobiografie gerät zum Arbeitsnachweis. Aber es gibt ein wenig Aufklärung, was ihn im Frühjahr 2022 nach Moskau trieb.

Vorbereitung auf ein Meeting mit Putin: Karl Nehammer 2022 in der österreichischen Botschaft in Moskau. Auch der Koalitionspartner seiner ÖVP, die Grünen, war ahnungslos. (Foto: Dragan Tatic/dpa)
Vom österreichischen Bundeskanzler Karl Nehammer werden zwei Momente in Erinnerung bleiben. Dass er wenige Wochen nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine als erster Regierungschef eines westlichen Landes nach Moskau reiste und Wladimir Putin traf. Und dass er vor ziemlich genau einem Jahr als Kanzler und Vorsitzender der konservativen ÖVP zurücktrat, nachdem die Verhandlungen mit den Sozialdemokraten und den liberalen Neos für eine Dreierkoalition gescheitert waren.
Nehammers Autobiografie „Sich selbst treu bleiben“ beginnt mit diesem Moment. Als er zum letzten Mal die Feststiege des Bundeskanzleramts hinabgeht, „50 Stufen sind es, 50 schwere Schritte“. Kurz darauf wird sein Nachfolger Christian Stocker versuchen, mit FPÖ-Chef Herbert Kickl eine Koalition zu bilden. Das Vorhaben wird zwar an den radikalen Positionen Kickls scheitern (und Österreich doch noch eine Dreierkoalition bekommen), aber für einige Wochen sieht es so aus, als würde Österreich bald von einem extrem rechten Bundeskanzler regiert werden.
Wie es so weit kommen konnte, dröselt Nehammer, der heute Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank ist, detailreich auf. Demnach war der Wurm schon bei der Suche nach einem Verhandlungsort drin. Erst nach längerem Hin und Her wurde für viel Geld ein Wiener Palais angemietet, das allen drei Parteien genehm war. Dann verzettelten sich 300 Verhandlerinnen und Verhandler in Dutzenden Untergruppen, während das Führungspersonal ideologische Grabenkämpfe austrug. Nehammer bestätigt, was man schon immer ahnte: dass sich die Parteien des Ernsts der Lage entweder nicht bewusst waren oder das Scheitern eines Mitte-Bündnisses sogar billigend in Kauf nahmen. Dabei wusste ausgerechnet Nehammer am besten, was auf dem Spiel stand: Er hatte kurz nach der Nationalratswahl ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Wahlsieger Herbert Kickl geführt, das „kurz und heftig“ gewesen sei und ihn in der Einschätzung bestätigt habe: „Mit diesem Mann ist kein Staat zu machen.“
Autobiografien von Politikern sind oft der Versuch, in der Rückschau der eigenen Karriere Sinn zu verleihen oder Fehler zu rechtfertigen. Der 1972 in Wien geborene Nehammer verzichtet auf beides, auch seine Herkunft aus einer christlich-sozialen Familie und seine Ausbildung beim Bundesheer werden nur kurz gestreift. Sein Buch ist eine Art Arbeitsnachweis seiner Kanzlerjahre. Es geht um Sparhaushalte, Verwaltungsreformen, Energiepolitik. Dazwischen gibt es Weisheiten wie diese: „Das Leben geht immer weiter, und was einem selbst ganz wichtig oder bedeutend erscheint, ist für den Lauf der Zeit nur eines von unzählbaren anderen Ereignissen.“
Eine interessante Innensicht bietet das Buch dennoch. Etwa die Rekonstruktion von Nehammers fünfzehn Minuten Weltruhm. Im April 2022 saß Nehammer in Moskau an der „Stirnseite des ovalen Tisches“ und wollte Putin dazu bewegen, den Krieg zu beenden. Bis heute ist nicht klar, warum ausgerechnet der österreichische Kanzler damals nach Moskau fuhr, der Besuch war Nehammer zufolge sowohl mit Wolodimir Selenskij als auch mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und dem deutschen Kanzler Olaf Scholz abgestimmt. Nehammer selbst sagt, er habe sich als Regierungschef eines neutralen EU-Landes verpflichtet gefühlt, die „traditionell guten Kontakte mit Russland und Putin zu nützen, um den Gesprächsfaden nicht völlig abreißen zu lassen“. Der Besuch brachte, wie Nehammer selbst einräumt, „kein Ergebnis“. Aber seine Erinnerungen daran beseitigen einen kleinen weißen Fleck in der Zeitgeschichte, indem sie die Ereignisse des Frühjahrs 2022 um weitere Details ergänzen.
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