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25.11.2025
13:39 Uhr
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Was rettet uns vor dem Abgrund? Um keine geringere Frage geht es beim Abend mit Star-Schriftsteller T. C. Boyle und Ex-Politiker Robert Habeck in München. Einer von ihnen weiß Rat.

US-Schriftsteller T. C. Boyle würde sich im Bus auf den freien Platz neben einer Maga-Lady setzen. Aber ob sie sich viel zu sagen hätten? (Foto: Anne Morgenstern)
„We are all doomed, folks!“ T. C. Boyle ist so ziemlich der Antityp eines dieser schmierigen, nationalistischen Fernsehprediger. Wenn er also vom Untergang, von der menschengemachten Apokalypse spricht an diesem Abend in der ausverkauften Isarphilharmonie, dann bitter lässig, ohne große Heilsgewissheit auf Erlösung. Der Karren ist so tief im Dreck, it’s all over.
Und doch hat diese Boyle-Show etwas von einer Mega-Messe. Knapp 2000 sind gekommen, gepilgert, ist er doch für sie der gute Amerikaner. Und dann hat er auch noch einen besonderen Messdiener an seiner Seite, the good German Robert Habeck.
Mitte September ist im Münchner Hanser Verlag Boyles neuer Roman „No Way Home“ erschienen, zunächst nur in deutscher Sprache. Das Original in Englisch wird erst von Frühjahr 2026 an erhältlich sein, wenn der Kalifornier seine „Weltpremieren-No-Way-Home-Tour“ durchs kalte Germany und Austria längst hinter sich gebracht haben wird. Denn einer wie Boyle geht nicht einfach auf Lesereise, Literaturhäuser, ja, selbst die Theater könnten seine Fan-Base nicht fassen.
Ziemlich problemlos füllte der Meister in diesen Tagen – begleitet vom großartigen Ben Becker als seine deutsche Stimme – schon das Wiener Konzerthaus, die Hamburger Laeiszhalle und jetzt also die Isarphilharmonie. Ein T-Shirt zur Tour bietet Hanser als Merch übrigens auch an: „Tragen Sie damit ein Stück von T. C. Boyles Literatur direkt auf der Haut.“ Natürlich 100 Prozent Baumwolle nach Oeko-Tex-Standard, Peta-Approved vegan.
Boyle selbst, schlaksig, beinahe fragil, betritt die Bühne der Isarphiharmonie ganz in Schwarz bis aufs schwarz-weiß gesprenkelte Hemd. Auf dem Haupt sitzt eine Art Mütze, nicht die ebenfalls angebotene „No Way Home“-Cap (dystopische Literatur direkt auf den Kopf). Das euphorisierte Münchner Publikum begrüßt ihn wie einen Popstar, der er ja ist. „Herzlich willkommen“, sagt Boyle. „Wir haben uns vorgenommen, Sie zu unterhalten.“ Und das tun sie dann auch mit Freude, Robert Habeck und er, da kennen sich die beiden gerade mal zehn Minuten.
Geredet wird ausschließlich auf Englisch, klug moderiert von der SZ-Redakteurin Christiane Lutz. Habeck ist offensichtlich noch gut in der Sprache drin, war der „Germany’s former Vice Chancellor and Federal Minister for Economic Affairs and Climate Action“ doch gerade eben erst Gast an der University of Pennsylvania. Zum Warmlaufen geht es um den Roman, die Dreiecksgeschichte in „No Way Home“, für Habeck hat sie in ihrer bösen Abgründigkeit „Macbeth“-Qualitäten. Und T. C. Boyle ist begeistert: „Beautiful, love it.“
Und schon sind sie mittendrin, im Trump-Amerika. Polarisierung und deren Überwindung sind offenbar Themen, die Robert Habeck schwer umtreiben. Am Berliner Ensemble ist er Host einer Gesprächsreihe („diskursiver Salon mit Raum für vertiefte Gespräche, Reflexion und kritische Auseinandersetzung“) und aktuell auch Protagonist eines sehr persönlichen Dokumentarfilms mit dem Titel „Jetzt. Wohin“.
Der Politprofi redet sich in Fahrt, Boyle kommt kaum zu Wort. Raus aus der eigenen Bubble. Aber wie? Ein Bus, zehn Plätze sind frei? Wohin würden Sie sich setzen? T.C. Boyle antwortet prompt: „Ich würde mich neben die Lady mit der Maga-Cap setzen.“ Doch für den Schriftsteller, der sein Land am Abgrund zum Faschismus und die eine Welt mitten in der Klimakatastrophe sieht, gibt es da keine Brücke mehr. Er selbst habe mit engen Freunden gebrochen.
Und dann wird Boyle, dieser so schonungslos ehrliche Pessimist, persönlich. Hoffnung, nein? Doch es gibt ein zartes, trotziges Aber. Einsamkeit suchen in der Natur, ganz allein für sich, fühle er ihren Puls, studiere sie mit der Neugierde eines Kindes. Einen sterbenden Baum, aber auch die unermessliche Schönheit.
Applaus im Saal, der sich zum Jubel steigert. Und T.C. Boyle, der alte Mann aus Amerika, erzählt dann noch eine Geschichte. Da wird die große Isarphilharmonie mit einem Mal ganz klein, zum Zimmer. Sein Freund aus Kindertagen sei vor wenigen Wochen gestorben, nach langem Kampf gegen den Krebs. „Er wollte weiterleben. Alles, was wir tun können, ist am Leben zu bleiben. To find out what’s going to happen tomorrow.“
In T.C. Boyles aktuellem Roman „No Way Home“ streiten zwei Männer in Wildwest-Manier um eine Provinz-Schönheit. Für den Star-Autor ist der Hahnenkampf typisch Mensch – und eine Metapher für die amerikanische Gesellschaft.
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