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20.01.2026
13:29 Uhr
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Laura Siegemund verhindert ein Debakel der deutschen Frauen bei den Australian Open und erreicht die zweite Runde. Eva Lys dagegen scheitert diesmal früh – und ist ihren Spitznamen los.

Falls jemand in Deutschland jetzt noch Lust haben sollte, mal eben nach Melbourne zu den Australian Open zu fliegen: Vielleicht sollte man es lieber lassen. Die Veranstaltung, zwischen dem Central Business District (CBD) und dem Yarra River gequetscht, ist zum Bersten voll. Täglich seit dem Start bereits vor neun Tagen werden Bilder und Videos um die Tenniswelt geschickt, die Menschenschlangen zeigen, an den Eingängen, vor den Stadioneinlässen, an den Essens- und Getränkeständen. Der Turnierchef Craig Tiley setzte sogar schon den Verkauf der beliebten Ground Tickets aus, diese Eintrittskarten ermöglichen nur den Besuch der Anlage, nicht aber den Zutritt in die Rod Laver Arena.
Das schützte ihn aber nicht vor Kritik. Die Herald Sun, ortsansässige Zeitung, macht bereits Stimmung gegen den einflussreichen Südafrikaner und sammelte Stimmen enttäuschter Zuschauer ein, die nicht mehr hinein durften. Das Boot, so scheint es, ist voll im Melbourne Park, und erste Meinungen werden laut, man müsse als Nächstes die Zuggleise nordöstlich der Anlage einstampfen, um abermals mehr Platz zu schaffen. Für Tiley hat der große Ansturm natürlich einen Vorteil: Er kann jeden Tag stolz einen neuen Zuschauerrekord vermelden. Eine Schallmauer wird ab jetzt wohl regelmäßig durchbrochen: Das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres ist zu einer Veranstaltung gewachsen, zu der 100 000 und mehr Besucher kommen, täglich. No worries, wie die Australier gerne sagen? Das wird man sehen.
Als beste deutsche Spielerin kämpft Eva Lys für Frauenrechte auf der Tennis-Tour. Sie spricht über Hetze im Internet nach Matches, anonyme Stalker – und erzählt, wie ihre Autoimmunkrankheit sie belastet.
Manche Matches stellen jedenfalls jetzt schon den Veranstalter Tennis Australia, den australischen Verband, vor gewaltige Probleme. Als die extrem beliebte Philippinin Alexandra Eala, 20, ein aufkommender Stern, am Montag auf dem sogenannten Party-Court 6 gegen die Amerikanerin Alycia Parks spielte und verlor, standen die Interessierten hunderte Meter lang an. Ein französischer Reporter filmte den Stau und stellte ihn ins Netz. Jede Partie wird inzwischen überflutet von Fans, und so war es kein Wunder, dass auch beim ersten Einsatz von Eva Lys großer Andrang herrschte, wie die Fernsehbilder zeigten. Der Dienstag hatte am Nachmittag den Charakter einer German Open, Lys, Jan-Lennard Struff, Laura Siegemund, dazu das Doppel Kevin Krawietz/Tim Pütz, sie alle waren im Einsatz. Lys, 24, die vor einem Jahr in Melbourne ihren öffentlichen Aufstieg erlebte, machte den Anfang auf Court 13.
Das deutsche Tennis ist gerade in einer eher seltsamen Phase, manchmal wirkt es, als bestehe wahrlich kein Grund zur Panik, gibt ja genügend Topspieler, die in Turnieren weit kommen. Dann herrscht Schnappatmung, weil man Akteure mit der schwarz-rot-goldenen Fahne hinter den Namen weitgehend vergebens sucht. Bei diesen Australian Open standen bei den Männern wie Frauen jeweils nur vier Profis im Hauptfeld, ausgeschieden sind bereits Tatjana Maria (gegen die Kroatin Petra Marcinko), Ella Seidel (gegen Oxana Selechmetjewa vom Verband Russland) und Daniel Altmaier (gegen den Kroaten Marin Cilic).
Lys, 2025 als Lucky Loser, als Nachrückerin aus der Qualifikation ins Achtelfinale vorgestoßen und aktuell 39. der Weltrangliste, durchlitt ein wechselhaftes Duell mit der erfahrenen Rumänin Sorana Cirstea, die das flache Spiel und eine zähe Defensive praktiziert. Die 24-Jährige aus Hamburg startete fokussiert und aufgeräumt, 6:3, sie verlor etwas ihre Sicherheit, 4:6, Anfang des dritten Satzes warf sie frustriert den Schläger. Bei 1:3, 15:40 sah sie fast wie die Verliererin aus, sie kam zurück, 3:3, doch die 35 Jahre alte Cirstea blieb stabiler und siegte 3:6, 6:4, 6:3. Für Lys, leicht am Knie verletzt und daher bandagiert gewesen, bedeutet diese frühe Niederlage einen kleinen Rückschlag, sie verliert die Punkte des Vorjahres aus der Runde der letzten 16 und wird in der Weltrangliste zurückfallen. Realistisch, wie sie ist, hatte sie schon vorher in einem SZ-Interview diese Möglichkeit bedacht und gesagt: „Ich sage mir tatsächlich: Alles, was 2025 passiert ist und ich erreicht habe, kann mir niemand mehr wegnehmen.“ Das Aus wird sie nicht umwerfen. Ihren Spitznamen vom letzten Mal ist sie aber los, Lucky Lys hieß sie da.
Die ganz große Ernüchterung bei den deutschen Frauen verhinderte Laura Siegemund, die mal wieder bewies, wie sehr Tennis ein Kopfsport ist und sie, die Psychologie studierte, Gegnerinnen innerlich brechen kann. 0:6, 2:5 lag sie bereits in Rückstand gegen Ljudmila Samsonowa, bei 4:5 wehrte sie zwei Matchbälle ab – und nervte daraufhin die Russin derart mit Slice-Vorhandschlägen und kernigen „Yes!“-Rufen, dass die mental kollabierte. Nach dem 0:6, 7:5, 6:4-Sieg ruderte Siegemund vor Freude mit den Armen, Erinnerungen an Wimbledon 2025 kamen sofort auf, als die nun 37-Jährige mit ihrem Chamäleontennis glänzte und das Viertelfinale erreichte. „Ich habe auch selber nicht mehr dran geglaubt“, sagte Siegemund bei Eurosport: „Dann habe ich ein paar gute Games gespielt, und sie hat angefangen zu wackeln.“
Von den acht Deutschen überdauerten also nur drei Profis. Jan-Lennard Struff, 35, scheiterte auch noch am Tschechen Vit Kopriva mit 6:4, 2:6, 6:2, 3:6, 1:6. Damit haben bei den Männern nur Alexander Zverev (am deutschen Mittwochmorgen gegen den Franzosen Alexandre Müller) und Yannick Hanfmann (gegen den Spanier Carlos Alcaraz in der deutschen Nacht auf Mittwoch) die zweite Runde erreicht.
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