SZ 15.02.2026
16:16 Uhr

(+) Antisemitismus in der Schweiz: „Ein schwieriges Kapitel“


Auch in der Schweiz nimmt der Antisemitismus zu. Die Regierung versucht gegenzusteuern. Dazu gehört eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte.

(+) Antisemitismus in der Schweiz: „Ein schwieriges Kapitel“
Paul Grüninger auf einem Foto von 1972: Der ehemalige Kommandant der Grenzpolizei in St. Gallen setzte sich über Anordnungen aus Bern hinweg und ließ Geflüchtete aus Nazi-Deutschland in die Schweiz einreisen. (Foto: Foto: IMAGO)

Der Grenzübergang bei Diepoldsau ist ein unscheinbarer Ort. Früher markierte der Rhein die Grenze zwischen der Schweiz und Österreich. Seit dem Bau des Kanals etwas weiter westlich ist der Fluss aber nur noch ein Rinnsal. Auf der anderen Seite, im österreichischen Hohenems, sieht man von hier aus ein Burgerrestaurent, ein Multiplex-Kino und eine bei Durchreisenden wegen der niedrigen Preise sehr beliebte Tankstelle. Nichts erinnert auf den ersten Blick daran, dass es vor 90 Jahren an genau diesem Grenzübergang für viele Menschen um Leben und Tod ging.

„Es gab viele Familien, in der Schweiz und in Hohenems, die Flüchtlingen halfen, die Grenze zu überqueren.“ Hanno Loewy steht an einer Böschung neben dem Grenzübergang und erklärt, was sich in diesem Grenzland abgespielt hat. Er ist der Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems. Unter anderem hat er mit seinen Mitarbeitern in dieser Region einen Radweg eingerichtet, auf dem man an verschiedenen Stationen über QR-Codes die Geschichten der Geflüchteten nachhören kann, die sich zwischen Österreich, Liechtenstein und der Schweiz abgespielt haben.

Von 1933 an versuchten Tausende Juden und andere Verfolgte aus Nazi-Deutschland, in die Schweiz zu fliehen, obwohl sie dort alles andere als willkommen waren. Eigentlich war ihnen der Aufenthalt nur erlaubt, um die Weiterreise in ein anderes Land zu planen. Von 1938 an durften sie gar nicht mehr einreisen – für viele ein Todesurteil, hätten sich nicht manche Grenzbeamte wie Paul Grüninger, der damalige Kommandant der Grenzpolizei in St. Gallen, über die Anordnungen aus Bern hinweggesetzt.

Er ließ nicht nur Geflüchtete einreisen, sondern fälschte auch ihre Registrierungen und gab falsche Zahlen über die Angekommenen weiter. Er wurde dafür 1941 verurteilt, musste eine Geldstrafe bezahlen und verlor seine Altersversorgung. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel wurde er 1971 als Gerechter unter den Völkern anerkannt. Die Schweiz hob das Urteil gegen ihn erst 1995 auf. Immerhin: Hier an der Grenze ist heute die Brücke nach ihm benannt.

„Es war ein schwieriges Kapitel ihrer Geschichte für die Schweizer“, sagt Loewy und weist auf einen der Steine und den QR-Code hin, die eine der Geschichten von dieser Grenze erzählen, die der Familie Kreutner. Jakob Kreutner war in der Reichspogromnacht in Wien zusammengeschlagen worden. Mehrmals versuchte die Familie, in die Schweiz einzureisen, und wurde immer wieder abgewiesen, bis sich doch irgendwann einer der Grenzbeamten erbarmte.  „Wenn Sie uns zurückschicken, dann erschießen Sie uns lieber da“, soll Frau Kreutner zu den Grenzwachen gesagt haben. Der Beamte nahm die Familie sogar eine Weile bei sich zu Hause auf. Die Kreutners wurden gerettet und sind in der Schweiz geblieben, gegen alle Widerstände.

„Man behandelte sie wie jemand, den man loswerden möchte“, erklärt Loewy über die allgemeine Haltung in der Schweiz zu dieser Zeit.  Die Weiterreise in andere Länder – Frankreich, Belgien, die Niederlande – stellte sich für viele Geflüchtete als Falle heraus. Wer blieb, gegen alle Widerstände und Zwänge, wurde gerettet. Viele, wie die Kreutners, wurden Schweizer, obwohl auch ihnen eine Ausreise nach Israel nahegelegt wurde.

Eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus oder für jemanden wie Grüninger gibt es in der Schweiz allerdings nicht. Das soll sich ändern. So unscheinbar wie der Grenzübergang ist das weiße Gebäude, in dem das Zollamt untergebracht ist. Es ist dasselbe Haus, in dem die aus Nazi-Deutschland Geflohenen um Einreise in die Schweiz flehten und nicht selten abgewiesen wurden. Voraussichtlich von 2030 an soll in einem Teil des Gebäudes ein Dokumentationszentrum entstehen. Dazu ist in Bern in unmittelbarer Nähe des Bundeshauses ein Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus geplant. Der Entwurf dafür soll im Sommer vorgestellt werden.

Parallel zu diesen Ankündigungen ist es in der Schweiz in den vergangenen Wochen erneut zu mehreren antisemitischen Vorfällen gekommen. Noch vor ein paar Jahren gab es in der Schweiz nur sehr wenige Drohungen, Angriffe oder andere Anfeindungen gegen Juden. Das hat sich seit dem Anschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 geändert. Laut dem Antisemitismusbericht der israelitischen Kultusgemeinde von 2024 haben sich die Übergriffe in der Schweiz vervielfacht, von 57 im Jahr 2022 auf 221 im Jahr 2024.

Erst Anfang Februar sollen bei einem Fußballspiel in Basel Fans des FC Zürich den Hitlergruß gezeigt und eine Gruppe Juden bedroht haben. Ebenfalls Anfang Februar ist in Zürich ein orthodoxer Jude auf offener Straße angegriffen worden. Durch das Eingreifen von Passanten konnte Schlimmeres verhindert werden. Der Vorfall erinnert aber an einen ähnlichen Angriff vor knapp zwei Jahren. Damals war ebenfalls in Zürich ein orthodoxer Jude auf der Straße niedergestochen worden. Er überlebte den Angriff nur knapp. In Zürich gibt es eine große jüdisch-orthodoxe Gemeinde. Vor allem im Viertel Wiedikon prägen Juden das Straßenbild.

Die Schweizer Regierung hat Ende 2025 eine Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus angekündigt. Diese sieht ein systematisches Monitoring von Übergriffen vor, die Förderung von Institutionen beim Kampf gegen Diskriminierung, eine bessere Koordination zwischen Behörden und Zivilgesellschaft sowie natürlich der Schutz von Betroffenen.

Die Schweiz hat in diesem Jahr außerdem den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) und widmet ein Treffen in St. Gallen dem Thema Antisemitismus – den sie als Begriff aber sehr weit fasst. Der Ausflug an die Grenze bei Diepoldsaus war ein Teil dieser Tagung. Der Schweizer Außenminister Ignazio Cassis, der den Vorsitz der OSZE innehat, sagte bei der Eröffnung der Konferenz: „Es geht nicht nur um die jüdische Gemeinschaft.“ Diskriminierung aufgrund von Religion, Identität, Herkunft oder politischen Ansichten nehme insgesamt zu. „Das allgemeine Klima von Instabilität, angefeuert durch geopolitische Rivalitäten und wirtschaftliche Unsicherheit, nährte Ressentiments gegen Gruppen, die als anders wahrgenommen werden“, sagte er.

„Antisemitismus bleibt eine der verlässlichsten Warnungen für demokratischen Verfall“, fügte Sepp Schellhorn, Staatssekretär im österreichischen Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, bei der Eröffnung hinzu. „Deshalb geht es beim Kampf gegen Antisemitismus nicht nur um den Schutz von Juden. Es geht um den Schutz der moralischen und demokratischen Integrität unserer Gesellschaften.“

Als mögliche Lösungen für das Problem sehen die Konferenzteilnehmer vor allem Bildung und Dialog sowie Sport und die Förderung einer Erinnerungskultur, zu der zum Beispiel das Dokumentationszentrum an der Grenze gehören soll.

Die OSZE selbst kann allerdings nichts beschließen. Wie Cassis bei einer Pressekonferenz nach der Eröffnung der Tagung erklärte, wolle man aber konkrete Forderungen an die Mitgliedsstaaten stellen. Denn von den USA über Europa bis nach Asien betrifft das Problem des wachsenden Antisemitismus und Rassismus längst den gesamten Raum der OSZE-Mitglieder.

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