SZ 27.02.2026
15:21 Uhr

(+) Antisemitismus in der Schule: „Er ist Jude – ist doch klar, dass ihm alles wehtut“


Schon vor dem Hamas-Terrorangriff gehörten antisemitische Äußerungen im Klassenzimmer zum Alltag. Eine Studie belegt, dass derartige Vorfälle nicht nur zunehmen, sie werden auch feindseliger.

(+) Antisemitismus in der Schule: „Er ist Jude – ist doch klar, dass ihm alles wehtut“

Antisemitismus war bereits vor dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 ein alltägliches Problem an bayerischen Schulen. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Bayern (Rias), für die sie mit 19 Betroffenen Interviews geführt hat. Der Studie zufolge berichteten sämtliche Befragten respektive deren Eltern, Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht zu haben. Jüdische Schülerinnen und Schüler müssten demzufolge früh lernen, „sich situativ anzupassen und ihr Jüdischsein zu verstecken“.

Wie Rias Bayern berichtet, erreichten die Informationsstelle nach dem 7. Oktober 2023 – dem Hamas-Terrorangriff – zahlreiche Anrufe jüdischer Eltern, deren Kinder im Schulalltag für die israelische Politik verantwortlich gemacht wurden. Schon die bekannt gewordenen Vorfälle aus bayerischen Schulen ließen allerdings ein größeres Dunkelfeld erahnen. Die Auswertung der anschließend geführten Interviews ermöglichen nun Einblicke in die Vielfalt antisemitischer Erfahrungen im Schulalltag.

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Am häufigsten berichteten die Gesprächspartner von vermeintlichen Witzen, verbalen Herabsetzungen und judenfeindlichen Klischees. Stark verbreitet sind demzufolge noch immer Stereotype, die Jüdinnen und Juden „Geiz, Geldgier oder eine ungerechtfertigte Vorteilsnahme“ unterstellten. „Witze über Juden, die gut mit Geld umgehen, musste ich mir oft anhören“, berichtet ein Berufsoberschüler aus Mittelfranken. Entsprechende Äußerungen, so das Ergebnis der Studie, stammten häufig ausgerechnet von Personen, die den Betroffenen nahestehen. Auch von Freunden also.

Die Interviewten berichteten zudem von „antisemitischem Othering“, von Fällen, in denen sie auf ihr Jüdischsein reduziert, als Vertreterin oder Vertreter Israels adressiert oder als vermeintlich nicht deutsch markiert werden. „Ich bin hier geboren, habe einen deutschen Pass, aber trotzdem bin ich irgendwie kein Deutscher, weil ich jüdisch bin. Ich bin fremd, ein Außerirdischer“, beschreibt ein Abiturient aus Mittelfranken. Ein 19-Jähriger berichtet vom Kommentar eines Lehrers, der mitbekommen hatte, dass sich der Schüler beim Fußball verletzt hat: „Er ist Jude – ist doch klar, dass ihm alles wehtut.“

Kinder, die auf einem Areal aufwachsen, das einem Hochsicherheitstrakt nicht unähnlich ist. Ist das ein Grund, sich zu freuen? In Nürnberg tut man das. Seit Kurzem ist dort ein jüdischer Kindergarten in Betrieb. Ein Besuch.

Schülerinnen und Schüler schilderten überdies, wie Lehrkräfte ihnen im Unterricht ungefragt das Repräsentieren von Themen zuweisen, die sie offenbar als jüdisch wahrnehmen. Auch würden sie für die Politik Israels verantwortlich gemacht oder mit israelfeindlichen Kommentaren konfrontiert.

Seit dem 7. Oktober 2023 nahmen solche Vorfälle nicht nur zu, sie wurden auch feindseliger und enthemmter. Eine zentrale Rolle spielen dabei offenbar digitale Plattformen, insbesondere Tiktok, auf denen der Studie zufolge auch antisemitische Propaganda und Verschwörungserzählungen verbreitet werden. Beiträge über Auschwitz etwa würden dort häufig mit Kommentaren wie „Was ist dort passiert?“ oder deutlich Schlimmerem versehen, berichtet ein Gymnasiast.

Auch mit der Gleichsetzung von Israel und NS-Deutschland sehen sich Betroffene seit dem 7. Oktober 2023 häufiger konfrontiert, die Hemmschwelle werde zunehmend niedriger. Die Interviewten schildern zudem, dass sogar Lehrkräfte Relativierungen der Shoah mitunter tolerierten. Den 7. Oktober 2023 empfinden viele im Schulalltag insofern als „tiefgreifende Zäsur“. Den Erfahrungen einer 17-jährigen Schülerin zufolge drohe Antisemitismus prinzipiell „von allen Seiten“.

Als Reaktion darauf berichten Betroffene von ihrer Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach bewusstem Ausleben eigener Identität – und der Sorge um persönliche Sicherheit. Wobei bei vielen seit dem 7. Oktober 2023 Letzteres überwiege: Demnach verzichteten manche seither darauf, „religiöse Symbole“ zu tragen. Andere zögen Auswandern in Betracht oder erwägen, nach dem Schulabschluss, ein „Studium im Ausland“. Ein 18-Jähriger berichtet von seiner resignativen Anpassungsstrategie: „Der Sitznachbar macht die ganze Zeit antisemitische Witze. Ich lache auch mit.“

Als Konsequenz aus den Schilderungen rufen die Autoren der Studie dazu auf, Auseinandersetzung mit Antisemitismus dürfe sich an Schulen nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränken. Medienkompetenz müsse gefördert, „pädagogische Strategien im Umgang mit Nationalsozialismus“ als verpflichtender Teil der Lehrkräfteausbildung etabliert werden. Allerdings biete auch dies keine Garantie für wirksame Prävention gegen ein jahrhundertealtes und gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Ilona Nord, Leiterin des Zentrums für antisemitismuskritische Bildung an der Universität Würzburg, bemängelt, es gebe an Schulen „häufig keine expliziten Regelungen“, um Antisemitismus zu sanktionieren. Die Bedrohung für betroffene Schülerinnen und Schüler seit dem 7. Oktober 2023 sei ihrer Beobachtung nach schwer auszuhalten: „Es ist eine enorme psychische Belastung, sich permanent in unsicheren Situationen zu befinden und diese dauerhaft ertragen zu müssen.“

Interessierte können die Studie „Antisemitismus zwischen Klassenzimmer und Freizeit. Jüdische Erfahrungen und Perspektiven in Bayern“ auf rias-bayern.de herunterladen, sie beinhaltet Illustrationen realer Vorfälle. Sie wünsche sich, bekundet Rias-Bayern-Leiterin Annette Seidel-Arpacı, dass sie „zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus und dem Umgang damit“ anrege. Die Publikation lege eine „zunehmende Normalisierung des Antisemitismus offen“, urteilt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dass auch Schulen davon betroffen sind, sei „kaum zu ertragen“.

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