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19.02.2026
14:03 Uhr
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Nach kurzer Enttäuschung über eine verpasste Medaille überwiegt bei der deutschen Snowboarderin Annika Morgan das Positive. Mit ihrer Lockerheit steht sie stellvertretend für eine ganze Sportart.

Annika Morgan landete im Snowboard Slopestyle nicht auf dem Podest, aber das verkraftete sie gut. (Foto: Abbie Parr/AP)
Das schwarze Halstuch blieb bei Annika Morgan auch nach dem Wettkampf übers Gesicht gezogen, genauso wie die große Skibrille. Eine gewisse Traurigkeit konnte man bei der 24-Jährigen trotzdem heraushören, auch wenn sie versuchte, sich ein wenig zu verstecken: „Ich weiß, es war gut“, sagte sie: „Ich war die ganze Zeit Dritte, bis zum letzten Moment – das ist übelst blöd.“
Das ist die Tragik im Slopestyle, dieser anspruchsvollen Freestyle-Disziplin. Der Kurs bietet mit seiner Kombination aus sogenannten Rails und drei aufeinanderfolgenden Sprüngen einerseits viele Chancen, andererseits aber auch viele Risiken: Ein einzelner nicht gestandener Sprung kann den besten Lauf zerstören. Nur das beste Ergebnis aus drei Versuchen zählt. Und manchmal findet sich jemand in genau der unglücklichen Position wieder, die die Deutsche Morgan am Mittwochnachmittag innehatte.
Das IOC erwägt, Snowboard-Rennen in Zukunft aus dem Programm zu nehmen. Ikone Ester Ledecka formuliert deutliche Kritik, die Sorge der Athleten ist groß. Aber noch kämpfen sie für ihren Sport.
Ein bemerkenswerter Wettkampf war ihr gelungen. Bereits der erste Lauf brachte sie auf den zweiten Platz in der Zwischenwertung, im zweiten Versuch verbesserte sie ihr Ergebnis sogar noch einmal. Dann allerdings trat nacheinander die Weltelite an, zum großen Finale: Die Japanerin Mari Fukada verbesserte sich noch einmal und wurde Olympiasiegerin. Auch Kokomo Murase, die vor einigen Tagen im Big Air die Goldmedaille gewonnen hatte, zog an Morgan vorbei. Als Letzte stand die Neuseeländerin Zoi Sadowski-Synnott oben, die große Favoritin, die in den ersten beiden Läufen an Morgan gescheitert war. Unter Druck gelang ihr erneut ein Bestwert, sie zog um sieben Punkte an der Deutschen vorbei und gewann Silber.
„Wenn mich jemand rauswirft, dann ist es Zoi, und das ist okay“, sagte Morgan, als sie aus den Top drei gefallen war und damit die erste Medaille für die deutschen Snowboarder bei diesen Spielen denkbar knapp verpasst hatte. Seit 2018 warten die Deutschen auf eine Board-Medaille, seit Selina Jörg und Ramona Hofmeister als Zweite und Dritte im Parallel-Riesenslalom Silber und Bronze gewonnen hatten. Im Freestyle-Bereich muss man gar ins vergangene Jahrhundert zurück: Nicola Thost gewann damals in der Halfpipe von Nagano 1998 die Goldmedaille.
Begründete Hoffnung allerdings gibt es, dass in Morgan eine Medaillengewinnerin der Zukunft steckt. „Eine richtig Gute habt ihr da mit der Annika“, sagte zuletzt die Österreicherin Anna Gasser in Richtung der deutschen Journalisten in Livigno, die Goldmedaillen-Gewinnerin von 2018 und 2022 ist für Morgan „Mentorin und Trainerin“: „Sie muss das eigentlich gar nicht machen, aber sie ist so eine gute Freundin und will das Beste für uns alle“, sagte Morgan über Gasser, die am Mittwoch ihren letzten olympischen Wettkampf bestritten hatte.
Während Gasser als Zehnte eine Spitzenplatzierung verpasste, konnte Morgan in ihrer Paradedisziplin glänzen. Im Slopestyle hat sie im Weltcup schon häufig bewiesen, dass sie mit den Besten mithalten kann, was nicht selbstverständlich ist: Die internationale Konkurrenz, gerade in Japan, hat deutlich bessere Trainingsbedingungen als die deutschen Snowboarderinnen, auch wenn langsam eine Verbesserung zu erkennen ist. „In eine gute Richtung“ würde sich die Trainingssituation entwickeln, sagte Morgan, die in Garmisch-Partenkirchen geboren wurde und für den SC Miesbach antritt: „Ich bin stolz darauf, wie ich die letzten Monate gearbeitet habe. Ich habe so gut trainiert wie noch nie. Aber da ist noch Luft nach oben für die nächsten Weltcups und vielleicht auch die nächsten vier Jahre.“
Die olympischen Wettbewerbe bleiben ein großes Ziel, auch weil Morgan in Livigno einen wichtigen Schritt gegangen ist: „Ich habe gemerkt, dass Olympische Spiele schon krass sind, aber auch nur ein Wettkampf. Ich war nicht so nervös, da bin ich richtig stolz auf mich.“ An den Nerven scheiterte sie also nicht, genauso wenig wie an der Handverletzung, die sie sich Anfang Dezember zugezogen hatte und die sie dann einige Trainingswochen gekostet hatte.
Im positiven Fazit konnte man auch schon wieder die freudige Annika Morgan erkennen, die einen feinen Sinn für Namenshumor hat (bei Instagram heißt sie „Annika.overtomorrow“) und auf ihrem Snowboard ein Foto ihres verstorbenen Hundes trägt. Für Morgan gibt es auch eine Welt außerhalb des Kampfes um Medaillen: „Ich bin echt froh, jetzt nach Hause zu fahren und einfach wieder ein normales Leben zu führen, snowboarden zu gehen und keine Tricks machen zu müssen, die ich nicht machen will“, sagte sie. Am Abend, zum Abschied aus Livigno, ging Morgan dann noch einer anderen Leidenschaft nach: Bei einer Veranstaltung ihres Brillensponsors war sie als DJ im Einsatz.
Wo sie antritt, verändert sich das Gefüge: Freestylerin Eileen Gu ist verlässliche Medaillensammlerin, Medienliebling, Unternehmerin – hinter ihrem Strahlen verbirgt sich aber ein schmerzhafter Reifeprozess.
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