SZ 14.12.2025
15:28 Uhr

(+) Anleitung zur Renitenz: Gleichgültigkeit ade


Matthias Meisner und Paul Starzmann erzählen Geschichten über produktive Quertreiber und fordern mehr positive Renitenz im Dienste der Demokratie.

(+) Anleitung zur Renitenz: Gleichgültigkeit ade
Gemeinsam für mehr Klimaschutz, wenn auch mit umstrittenen Mitteln: Aktion der „Letzten Generation“ in München 2023. (Foto: Lorenz Mehrlich)

Im Katalog der politischen Verhaltensweisen ist die Renitenz eine der unbeliebtesten. Der Renitente nervt, macht auf Fehler aufmerksam, schnürt mühsam zusammengezurrte Kompromisse wieder auf. Gerade deswegen ist sie so elementar: Renitenz ist das Immunsystem der Demokratie, das anspringt, wenn Erlahmung oder systemisches Unrecht drohen. Den Autoren Matthias Meisner und Paul Starzmann ist das Land jedoch nicht renitent genug, daher rufen sie in „Mut zum Unmut“ zum Ungehorsam auf.

Um das Phänomen der Renitenz zu durchdringen, spannen die beiden freien Journalisten ein Panorama auf, das von der politischen Sphäre über die Arbeitswelt bis in den Alltag führt und verschiedene Felder aufzeigt, in denen Renitenz wirksam wird. Außerdem werden Menschen vorgestellt, die mit gutem Beispiel vorangehen. Sie machen Exkurse in die Geschichte des preußischen Petitionswesens, ermuntern zum „Dienst nach Vorschrift“ als Form des Widerstands, loben die Graffiti-Kultur als Miniform der Renitenz.

Die produktive Form der Renitenz, so die Autoren, hilft einem nicht nur, ans Ziel zu kommen, sie schafft auch ein Wir-Gefühl, wie sie am Beispiel der Klimabewegung der „Letzten Generation“ deutlich machen: Wer gemeinsam renitent ist, ist in seinen Kämpfen nicht mehr allein. Mit wie vielen Widerständen man zu rechnen hat, zeichnen sie an Lebensläufen wie denen des Bürgerrechtlers und Grünen-Politikers Werner Schulz nach, der erst mit dem Staat, dann mit seiner Partei in Konflikt geriet. An seinem Beispiel wird auch deutlich: Renitenz hat einen historischen Kontext. Während sie einen in der DDR in existenzielle Schwierigkeiten bringen konnte, ist die Fallhöhe in einer liberalen Demokratie eine andere. Noch komplizierter wird es bei weiblicher Renitenz: Renitentes Verhalten wird bei Frauen anders gelesen als bei Männern: Was auf der einen Seite „Durchsetzungsvermögen“ genannt wird, wird auf der anderen Seite als „schwierig“ interpretiert.

In seinen besten Momenten ist „Mut zum Unmut“ eine scharfe Analyse der politischen Renitenz, die nah am konkreten Gegenstand bleibt. So wird man an den Bummelstreik 1973 der verbeamteten Lufthansa-Angestellten genauso erinnert wie an den Umstand, dass heute mitten durch Berlin-Kreuzberg eine Autobahn führen würde, hätte sich kein Widerstand gebildet. Der Preis dieser Schreibweise ist jedoch, dass die Auswahl manchmal etwas wahllos und der Begriff etwas breitgetreten wirkt. Eine gute Erinnerung, dass die demokratische Gesellschaft die Renitenz nicht ihren Feinden überlassen sollte, ist das Buch in jedem Fall.

Gerrit ter Horst ist Literaturwissenschaftler und Historiker. Er lebt in Berlin und ist freier Autor.

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