SZ 04.03.2026
15:06 Uhr

(+) Adbusting: Für null Euro quer durch Deutschland? Alles fake


Plakate in ganz Deutschland und eine täuschend echte Bahn-Website versprechen gerade kostenloses Bahnfahren für alle. Doch das Angebot existiert nicht. Wer steckt dahinter?

(+) Adbusting: Für null Euro quer durch Deutschland? Alles fake
Kostenloser Nahverkehr – wo gibt's denn so was? Zumindest nicht in Deutschland. Henning Kaiser

Ja, kann das denn wahr sein? „Von Sylt bis zum Bayerischen Wald – grenzenlose Freiheit im Nahverkehr“, heißt es derzeit auf einer Website, auf der ganz oben das rote DB-Logo prangt. Beworben wird dort das sogenannte „Null-Euro-Ticket“, das angeblich die kostenlose Nutzung von Bussen, Straßen- und Regionalbahnen ermöglicht, „egal ob in Nordrhein-Westfalen oder in Brandenburg“. Werbeflächen an Bahnhöfen in ganz Deutschland sind mit entsprechenden Plakaten voll geklebt. „Einfach einsteigen. Ab sofort müssen Sie für Reisen mit dem öffentlichen Nahverkehr kein Ticket mehr kaufen“, so das Versprechen.

Nein, natürlich kann das nicht wahr sein. „Es handelt sich um Fake-Plakate und eine Fake-Website“, teilt eine DB-Sprecherin auf SZ-Anfrage mit. „Dies ist kein seriöses Angebot der DB.“ Aber ein ziemlich gut gemachtes: Die Plakate orientieren sich in Schriftart und Bildstil an früheren Bahn-Kampagnen, auf der Website lassen sich im unteren Bereich im Bahn-typischen Stil die Antworten auf die meistgestellten Fragen ausklappen. Und auch im Impressum wird auf die Adresse einer real existierenden DB-Zentrale verwiesen.

Wer hinter der Kampagne steht, war zunächst unklar. Am Mittwochnachmittag reklamierte dann das sogenannte Widerstands-Kollektiv, ein Nachfolgeprojekt der Protestbewegung „Letzte Generation“, die Aktion für sich. Die Bahn ist derzeit noch dabei, den Sachverhalt zu prüfen, und behält es sich vor, gegen Rechtsverletzungen vorzugehen. Die Firma Ströer, auf deren Plakatflächen die Fake-Werbung klebt, wies die Verantwortung dafür von sich. „Bei den Plakaten handelt es sich nicht um einen regulär gebuchten Kundenauftrag, sondern um Adbusting“, teilt ein Sprecher mit. Sie würden nun schnellstmöglich entfernt.

Unter Adbusting – wörtlich übersetzt: Werbung zerschlagen – versteht man das Überkleben oder Verfremden real existierender Plakate, um die jeweilige Aussage zu überspitzen oder ins Gegenteil zu verkehren. Häufig wird dabei aus einer ursprünglichen Werbebotschaft mit Kaufanreiz eine Konsumkritik. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ordnete Adbusting im Jahr 2018 in seinem Verfassungsschutzbericht dem „gewaltorientierten Linksextremismus“ zu. Linke Gruppierungen sehen darin lediglich eine subversive Kunstform, die dazu anhalten soll, Werbebotschaften zu hinterfragen.

Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch in vielen Fällen um Sachbeschädigung. Und auch urheberrechtlich können derartige Aktionen verfolgt werden – sofern denn überhaupt ein Täter ermittelt werden kann.

Dass die Deutsche Bahn im Zentrum einer solchen Adbusting-Kampagne steht, passiert nicht zum ersten Mal: Bereits im Jahr 2022 hat es schon mal eine ähnliche Aktion gegeben. Auch damals wurde von Unbekannten ein „Null-Euro-Ticket“ beworben, der vermeintliche Initiator war jedoch das weder damals noch heute existierende „Bundesministerium für Digitalisierung und Verkehrswende“. Man konnte auf der damaligen Website sogar ein fingiertes „Gratis-Ticket“ inklusive QR-Code und DB-Logo generieren lassen. Wer damit in eine Fahrkartenkontrolle geriet, hatte jedoch Pech und musste zahlen.

Gedacht war die Null-Euro-Ticket-Aktion damals als Protest gegen die Preiserhöhung des Deutschlandtickets von neun auf 49 Euro. Mittlerweile kostet der Fahrschein nach zwischenzeitlichen 58 Euro bereits 63 Euro – und weitere Steigerungen dürfen folgen. Genau dagegen protestiert nun das Widerstands-Kollektiv. Die jüngste Erhöhung des Ticketpreises sei ein „Paradebeispiel für politisches Systemversagen auf Kosten der Zukunft“, heißt es in einer Pressemitteilung der Gruppe. Aus ihrer Sicht wäre ein Null-Euro-Ticket durchaus finanzierbar: Man müsste halt nur die gesammelten Subventionen für Flugverkehr, Dienstwagenprivileg, Autokäufe und Pendlerpauschale streichen und das Geld neu verteilen.

Die Erwartungen an die Deutsche Bahn sind ja nicht mehr hoch, die an die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla dafür umso höher. Sie räumt jetzt erst mal in der Führungsetage auf: Pünktlicher wird so kein einziger Zug, aber immerhin sie ist voller Zuversicht.

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