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23.02.2026
17:07 Uhr
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Sechs Maschinen müssen nach Schneefällen am Boden bleiben. Doch die Passagiere kommen nicht mehr zurück ins Terminal, weil dem Flughafen Busse und Fahrer fehlen. Wie die Verantwortlichen das Chaos erklären.

Etwa 600 Menschen in sechs Maschinen mussten in der Nacht auf Freitag stundenlang auf dem Vorfeld des Münchner Flughafens ausharren (Archivbild). (Foto: Frank Hoermann/Sven Simon/Imago)
Sie wollten in den Urlaub nach Südostasien, über Singapur. Manche planten einen Kurztrip nach Venedig. Andere die Heimreise nach Kopenhagen, Danzig oder Graz. Doch für etwa 600 Passagiere von sechs geplanten Flügen endete die Nacht auf vergangenen Freitag auf dem Vorfeld des Münchner Flughafens. Weil der Airport wegen massiven Schneefalls etwa eine Stunde nach Mitternacht den Flugverkehr stoppte, mussten die Reisenden in ihren Fliegern ausharren – bis früh am Morgen.
Nicht wenige fragen sich seit diesem Vorfall, wie es sein kann, dass an Deutschlands zweitgrößtem Flughafen, der bei Tests regelmäßig Top-Bewertungen abräumt, ein derartiges Chaos ausbrechen kann. Insbesondere an einem Tag, an dem bereits am Morgen absehbar war, dass das Wetter Probleme bereiten würde. Insgesamt musste der Flughafen eigenen Angaben zufolge den gesamten Donnerstag über etwa 100 Flüge streichen.
Die Situation am Abend und in der Nacht aber spitzte sich dann besonders zu. Denn eigentlich gilt am Flughafen Franz Josef Strauß ein Nachtflugverbot von Mitternacht bis fünf Uhr am Morgen. Um wegen der angespannten Wetterlage aber noch so viele Maschinen wie möglich abheben zu lassen, holte der Airport eine Sondergenehmigung ein, um zumindest bis ein Uhr nachts den Betrieb noch aufrechterhalten zu können. Darunter auch die sechs Maschinen von Lufthansa und Air Arabia.
Die aber schafften es letztlich nicht mehr in das zusätzlich beantragte Zeitfenster. Auch weil überdurchschnittlich lange Enteisungszeiten wegen der starken und nassen Schneefälle zu vorübergehenden Schließungen der Start- und Landebahnen geführt hätten, teilt der Flughafen mit. Zurück an die Terminals hätten die betroffenen Maschinen aber auch nicht mehr rollen können, weil schlichtweg Parkmöglichkeiten gefehlt hätten; alle Terminalkapazitäten seien belegt gewesen. Und die Reisenden einfach mit Bussen abholen und ans Terminal zurückbringen? „Aufgrund der nächtlichen Uhrzeit und Defiziten bei der Kommunikation war der Busverkehr stark eingeschränkt“, so der Airport. Soll heißen: Es gab keine Busse und Busfahrer mehr.
Der Flughafen steht nach dem Chaos unter starkem Druck und befindet sich in Erklärungsnot. Derzeit werde mit den Partnern daran gearbeitet, die Sachlage vollständig aufzuklären und Verbesserungen umzusetzen, heißt es seitens des Flughafens. Die Lage am Donnerstagabend, so ein Sprecher des Airports, sei für die Fluggäste schwierig und kaum nachvollziehbar gewesen. „Wir entschuldigen uns dafür.“ Auch die Lufthansa erklärte, es werde alles daran gesetzt, dass sich solche Situationen nicht wiederholten und bat für die „unzumutbare Situation“ um Entschuldigung. Deutschlands größte Airline teilte weiter mit, sie habe noch am Freitag mit den betroffenen Passagieren Kontakt aufgenommen, diese würden entsprechende Entschädigungszahlungen erhalten.
Während der für die meisten wohl unruhigen Nacht an Bord der Flugzeuge hätten sich die Crews der Lufthansa um die Gäste gekümmert, mit der an Bord vorhandenen Verpflegung versorgt und diese auch fortlaufend über die Situation informiert, so das Unternehmen. Der Flughafen-Sprecher ergänzt, es habe zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Passagiere bestanden.
Kritik an der Lufthansa bleibt dennoch nicht aus. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit forderte vom Management Vorkehrungen, damit sich derartige Situationen nicht wiederholten; zudem, so heißt es von der Gewerkschaft, seien die Crews alleingelassen worden. „Das entstandene Chaos offenbart erhebliche Schwächen im Krisenmanagement“, so die Gewerkschaft weiter.
In den sozialen Medien blieb für den Münchner Flughafen, der noch im vergangenen Jahr im Skytrax World Ranking weltweit mit Platz neun ausgezeichnet und von der Aviation Week sogar zum Flughafen des Jahres gekürt wurde, Häme nicht aus. „Ist uns hier in Norwegen noch nie passiert“, schrieb eine Userin auf Instagram leicht süffisant. „Totales Chaos“ attestierte ein User dem Münchner Airport im Generellen und ergänzte: „Gepäck dauert auch ewig.“ Und tatsächlich gab es am Flughafen in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Probleme sowohl bei der Gepäckabfertigung als auch beim Einchecken und Boarding; insbesondere weil zu wenig Bodenpersonal zur Verfügung stand.
Das jüngste Chaos hat auch die Stadtpolitik erreicht. Die Fraktion aus FDP und Bayernpartei erkundigt sich in einer Anfrage an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), welche „verbindlichen Notfall- und Winterbetriebspläne“ bestehen, um etwa auf witterungsbedingte Flugausfälle oder Engpässe bei der Abfertigung reagieren zu können. Auch will die FDP wissen, ob in der Nacht auf Freitag tatsächlich keine Busse und Busfahrer mehr zur Verfügung standen.
Die Anfrage richtet sich deshalb an Reiter, weil dieser aus Sicht von FDP und Bayernpartei als Mitglied des Aufsichtsrats des Münchner Airports „eine besondere Verantwortung für die Kontrolle der Geschäftsführung und die Sicherstellung eines ordnungsgemäßen Betriebs“ innehabe. Und ein internationaler Flughafen wie der Münchner Airport müsse die Sicherheit und eine angemessene Behandlung von Reisenden sicherstellen. „Solche Vorfälle und die resultierende mediale Aufmerksamkeit schaden dem Image Münchens als Messe- und Tourismusstadt“, schließen FDP und Bayernpartei.
Der eine Herausforderer tritt zahmer auf als erwartet, der andere argumentiert oft als Einzelkämpfer auf der Bühne des Residenztheaters. Und der Amtsinhaber? Verteilt Spitzen in alle Richtungen.
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