Heise 07.07.2026
13:37 Uhr

Zahlen, bitte! Der 52-Hertz-Wal – Einsamster Meeressäuger der Welt?


Kreuzung oder Anomalie? Ein mysteriöser Walgesang fasziniert die Forschung: Der Wal singt so hoch, dass er sich deutlich von anderen unterscheidet.

Zahlen, bitte! Der 52-Hertz-Wal – Einsamster Meeressäuger der Welt?

Im Jahr 2026 bewegte die Geschichte um den einsamen gestrandeten Wal Timmy die Menschen. Seit Jahrzehnten bereist bereits ein anderer Wal die Weltmeere, der möglicherweise auch sehr einsam ist. Das Zahlen, bitte! zu dem 52-Hertz-Wal sorgte vor einiger Zeit für viele Diskussionen unserer Leserinnen und Leser. Daher haben wir uns erlaubt, den Artikel auf den neuesten Stand zu bringen und als „Zahlen, bitte! Classic“ neu zu eröffnen. Viel Spaß beim Lesen.

Seit mehr als 35 Jahren regt der mysteriöse Gesang eines unbekannten einzelnen Wals Meeresforscher zu Spekulationen an: Zwar ähneln die Laute denen von Blau- oder Finnwalen, aber die Tonhöhe unterscheidet sich deutlich: Mit 52 Hertz singt das Tier im Vergleich viel zu hoch.

Wissenschaftler spekulieren daher, dass der einzigartige Walgesang entweder von einem Hybriden zweier Walarten entstammt, oder das Tier eine körperliche Anomalie wie einen verformten Klangkörper aufweist. Außerhalb der Forschung bewegt die Menschen viel mehr das Schicksal des Wals: Ist das Tier, das möglicherweise nie eine Antwort auf seine Rufe bekommt, der einsamste Wal der Welt? Die Forschung ist sich da nicht einig.

Wale nutzen Laute zur Beutesuche, Navigation, um mögliche Geschlechtspartner auf sich aufmerksam zu machen oder zur allgemeinen Gruppenkommunikation. Während Zahnwale zumeist mit Klicklauten kommunizieren, sind die Gesänge von Bartenwalen komplexer: Je nach Art und individueller Gruppe können die Gesänge ganze Lieder mit wiederkehrenden Mustern umfassen. Von Forschern werden die Gesänge daher als eigene Sprache eingeordnet.

Schall ist unter Wasser ein ideales Kommunikationsmittel: In der Luft breitet sich der Schall etwa 343 Meter pro Sekunde aus, je nach Luftdruck und Umgebungstemperatur. Da die Moleküle im Wasser viel dichter angeordnet sind, breitet sich Schall dort mit über 1484 Metern pro Sekunde mehr als viermal so schnell aus. Je tiefer die Frequenzen, umso besser ist die Ausbreitung.

Der Wissenschaftler, der den Wal mit dem einzigartigen Gesang entdeckte, war der amerikanische Ozeanologe William A. Watkins. Er begann 1958 als wissenschaftlicher Assistent am ozeanografischen Institut von Woods Hole im US-Bundesstaat Massachusetts. Er stieg schnell auf: 1963 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter und von 1979 bis 1996 war er leitender Forscher am Institut.

Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war die Erforschung der Walgesänge. Dazu konstruierte Watkins das erste Tonbandgerät, welches Walgesänge aufnehmen konnte, was eine intensivere Forschung ermöglichte und die Gesänge auch einer breiten Öffentlichkeit näher brachte. Walgesänge schafften es sogar auf die Tonträger der Voyager-Sonden.

Ein Glücksfall für die langjährige Erforschung war der Fall des „Eisernen Vorhangs“. Im Kalten Krieg wurde die Entdeckung feindlicher U-Boote immer wichtiger. Um russische Unterseeboote orten zu können, setzte die US-Navy ab den 1950er Jahren auf eine Reihe von Unterwassermikrophonen, die systematisch bestimmte Regionen des Meers belauschten.

Mit dem streng geheimen Sound Surveillance System (SOSUS) sollten verdächtige Schiffs- und Schraubengeräusche erfasst werden. Natürlich gingen nicht nur Schiffsbewegungen ins Abhörnetz, sondern die Militärs nahmen auch natürliche Geräusche auf. Mit dem Ende der Sowjetunion und Beginn der Perestroika deklassifizierte das US-Militär die Hydrofon-Stationen und gab sie zur wissenschaftlichen Nutzung frei. Eine Gelegenheit, die sich das Team um William A. Watkins nicht nehmen ließ.

Die Gesänge des 52-Hertz-Wals wurden im Jahr 1989 erstmals entdeckt. Zwischen 1992 und 2004 erforschte Warkins’ Team mithilfe der SOSUS-Infrastruktur die Wanderungen des 52-Hertz-Wals. Im Oktober 2004 erschien dazu die Forschungsarbeit „Twelve Years of Tracking 52-Hz whale calls from a unique source in the North Pacific“.

Blauwale stoßen normalerweise Töne im Bereich von 15 bis 20 Hertz aus, die Gesänge von Finnwalen liegen im Bereich von 20 Hertz. Im Nordpazifik vor der US-Westküste empfingen die Hydrophone allerdings Töne, die mit 52 Hertz dafür viel zu hoch waren.

Der einzigartig klingende Wal bewegte sich dabei zumeist von Nord nach Süd oder West nach Ost und legte pro Tag zwischen 30 und 70 Kilometer zurück. Seine Walgesänge waren leicht ermittelbar und einzigartig, konnten aber keinem bekannten Tier zugeordnet werden.

Während die Wissenschaft über Art und Beschaffenheit des Ursprungstiers rätselt, bewegt das scheinbare Schicksal des Wals die Menschen: Schließlich kennt jeder das Gefühl von Einsamkeit, wenn man ruft und keine Antwort bekommt. Der Wal bekam somit schnell den Ruf als einsamster Wal der Welt.

Die Geschichte von „52“ oder „Blue 52“, wie der Wal genannt wird, hinterließ auch in der Popkultur Spuren. In Songs von Bands wie BTS und in Kinderbüchern hielt das Schicksal um den anscheinend einsamen Wal Eingang. Im fiktiven Mockumentary-Kurzfilm The Loneliest suchen zwei Forscherinnen nach dem 52-Hertz-Wal.

Ernsthafter beschäftigte sich mit „52“ ein Forscherteam, das 2015 eine Kickstarter-Kampagne startete, mit dem Ziel einen Dokumentarfilm zu drehen, der sich mit der Suche und Identifikation des Wals beschäftigt. Sie erhofften sich, 300.000 US-Dollar einsammeln zu können, was weit übertroffen wurde: 3833 Unterstützer finanzierten die Kampagne mit insgesamt 405.937 US-Dollar.

Daraus entstand eine von Regisseur Joshua Zeman gedrehte Dokumentation in Spielfilmlänge mit dem Namen „Der einsamste Wal der Welt“, die 2021 erschien. Letztlich konnten auch das Team ihn nicht eindeutig identifizieren, aber sie lernten auf der Suche viel über die Beziehungen von Walen zu Menschen. Der Wal bleibt ein Mysterium. Dabei ist nicht einmal gesichert, dass die anderen Wale ihn nicht hören können.

Christopher Willes Clark, Wissenschaftler der der Cornell University in Ithaca, der 1993 Aufnahmen vom 52-Hertz-Wal anfertigte, stellte dessen Einsamkeit infrage. Er sagte gegenüber der BBC:
„Das Tier singt mit vielen der gleichen Eigenschaften eines typischen Blauwalgesangs. Blauwale, Finnwale und Buckelwale: All diese Wale können diesen Kerl hören, sie sind nicht taub. Er ist einfach nur seltsam.“

Das große Problem ist nicht, dass sich ein Wal nicht über seine Gesänge verständlich machen kann – der Wal ist schließlich seit über 35 Jahren nachweisbar und mit der Zeit sank die Ruffrequenz, was darauf hindeutet, dass er gewachsen und damit vermutlich gesund ist.

Die Wale in sämtlichen Weltmeeren leiden viel mehr unter täglich mehrere Tausend Schiffsschrauben, lauten Arbeiten am Meeresgrund oder militärische Ortung durch Sonar, die die Gesundheit der Tiere beeinträchtigen. Das merkwürdige Sommertheater um den geschwächten Wal Timmy ist noch in Erinnerung.

Der Klangteppich überlagert nicht nur ihre Gesänge, die ohne Störquellen theoretisch mehrere tausend Kilometer weit reichen könnten, sondern setzt sie zusätzlich auch noch unter Stress. Neben der Überfischung, dem Walfang, der Erwärmung der Meere durch die Klimakrise und den Schäden durch Schiffskollisionen ist Lärm ein weiterer vom Menschen geschaffener Faktor, der die Populationen von Walen negativ beeinflusst.

Ist der Wal denn einzigartig? Das ist nicht klar, da es Hinweise auf eine zweite 52-Hertz-Quelle gibt, da 2010 in zwei weit voneinander entfernten Orten ähnliche Töne aufgenommen wurden. Sollte das Tier gesund sein und nicht eines unnatürlichen Todes sterben, stehen die Chancen gut, dass die Forschung wohl noch einige Zeit zur Identifikation bleibt: Blauwale könne bis zu 100 Jahre und älter werden.

Watkins bekam wiederum von der popkulturellen Entwicklung seiner Entdeckung nicht viel mit: Er starb im Oktober 2004 im Alter von 78 Jahren, kurz nach Veröffentlichung der 12-Jahres-Studie. Er hinterlässt einen enormen Beitrag an Forschungsdaten über Wale und andere Meerestiere. Ihm zu Ehren wurde eine Online-Datenbank mit Aufnahmen von Walen und anderen Meerestieren geschaffen.

(mawi)