Heise 02.02.2026
14:30 Uhr

Wie Deutschland die Digitalisierung des Gesundheitswesens selbst ausbremst


Warum im Gesundheitswesen nicht die Technik bremst, sondern Politik und Gesetzgebung, erklärt ITSG‑Chef Stefan Haibach im Interview mit heise online.

Wie Deutschland die Digitalisierung des Gesundheitswesens selbst ausbremst

Die Digitalisierung der Sozialversicherung läuft größtenteils im Hintergrund – dort, wo kaum jemand hinschaut, aber fast alles davon abhängt. Einer der zentralen Akteure ist die Informationstechnische Servicestelle der gesetzlichen Krankenversicherung (ITSG). Sie organisiert und betreibt seit fast drei Jahrzehnten die technischen Grundlagen für den Datenaustausch zwischen Krankenkassen, Arbeitgebern und Leistungserbringern.

Stefan Haibach, Geschäftsführer der ITSG seit dem 1. Juli 2022, kennt diesen Maschinenraum aus eigener Erfahrung. Nach seiner Zeit als Krankenkassenbetriebswirt arbeitet Haibach seit 2008 bei der ITSG, zuletzt lange als Abteilungsleiter für die Digitalisierung von Fachverfahren. Im Gespräch mit heise online erklärt er, warum Deutschlands Digitalprobleme selten technischer Natur sind, weshalb das Once‑Only‑Prinzip an Rechtsdefinitionen scheitert, wie viel Open Source tatsächlich bringt – und warum KI die Verwaltung nicht retten, aber entlasten kann.

Unsere Rechenzentren für diese und andere Verfahren betreiben wir in Deutschland, hochverfügbar und so ausgelegt, dass zentrale Anwendungen auch dann weiterlaufen, wenn ein Standort ausfällt. Datenbanken laufen synchron, Systeme bleiben parallel online.

Digitale Souveränität heißt für uns nicht nur, dass Daten physisch in Deutschland bleiben. Es heißt auch, dass wir die Betriebsverantwortung selbst tragen – und nicht von einzelnen Cloud‑ oder Plattformanbietern abhängig sind.

Unser Ziel ist nicht, proprietäre Software pauschal zu verteufeln. Aber wir wollen dort, wo es fachlich sinnvoll ist, systematisch Abhängigkeiten abbauen – insbesondere bei Betriebssystemen, Container‑Plattformen, Middleware und perspektivisch auch bei Datenbanken und Office‑nahen Systemen.

Und ganz grundsätzlich gilt: Wenn etwas nicht funktioniert, liegt das selten an fehlenden IT‑Fähigkeiten, sondern an Strukturen, Gesetzen und daran, dass wir versuchen, vorab jede denkbare Sonderkonstellation zu regeln.

Andere Länder testen unter realen Bedingungen, lernen aus Fehlern und iterieren schnell. In Deutschland dominiert aber die Top-down-Gesetzgebung. Ein positives Beispiel für ein Projekt, an dem auch die Open-Source-Community maßgeblich mitgewirkt hat, war die Corona-Warn-App. Das hat funktioniert. Wir brauchen mehr offene Testphasen mit Feedback-Loops. Falls sich ein Projekt in die falsche Richtung entwickelt, sollte schnell zurückgerudert werden. Diese Kultur fehlt uns oft.

Technisch könnten wir diese Daten problemlos austauschen. Rechtlich dürfen wir es nicht sinnvoll. Die Folge ist Bürokratie: Beim Pflegebeitrag mussten am Ende wieder Arbeitgeber die Kinderzahl manuell melden, obwohl die Daten längst existieren. Das ist kein IT‑Versagen, das ist Gesetzgebung ohne Digitaldenken.

Echten Mehrwert bringt KI im Support: bei unstrukturierten Anfragen mit vielen Varianten, aber wenigen richtigen Antworten. Wichtig ist dabei, dass die KI mit geprüften Daten arbeitet und nicht im offenen Netz recherchiert.

Deshalb halten wir ein gemeinsames, neutrales Backend für die Terminsteuerung für sinnvoll – erreichbar sowohl digital als auch telefonisch über die 116 117. Alle Kanäle müssen auf dieselbe Datenbasis zugreifen. Der Betrieb solcher hochverfügbaren, neutralen Infrastrukturen gehört klar zu unseren Kernkompetenzen. Aus unserer Sicht ist Terminsteuerung Teil der Daseinsvorsorge – kein Marktspiel.

Gerade bei zentralen Versorgungsfunktionen wie der Terminsteuerung braucht es klare Zuständigkeiten und verbindliche Auslegungen. Das würde am Ende auch das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger stärken.

(mack)