Heise 04.09.2026
17:00 Uhr

Wie Dateiformate digitale Abhängigkeiten schaffen


Italo Vignoli von der Document Foundation erklärt, warum digitale Souveränität bei Dateiformaten beginnt und ODF proprietären Formaten überlegen ist.

Wie Dateiformate digitale Abhängigkeiten schaffen

Wer kontrolliert unsere Dokumente – und wer entscheidet darüber, ob sie auch in zehn oder zwanzig Jahren noch lesbar, bearbeitbar und unabhängig von einem einzelnen Anbieter nutzbar sind? Für Italo Vignoli von der Document Foundation ist die Antwort klar: Die Debatte um digitale Souveränität beginnt nicht bei der Wahl einer Office-Suite, sondern beim Dateiformat. Im Gespräch erklärt er, warum er DOCX, XLSX und PPTX als strategisches Lock-in betrachtet, weshalb ODF aus seiner Sicht weit mehr ist als eine technische Alternative – und warum Behörden, Unternehmen und private Nutzer ihre Dokumentstrategie grundlegend überdenken sollten.

Die Idee für die aktuelle Artikelserie entstand im Vorfeld des zwanzigsten Jahrestags der Verabschiedung von ODF als OASIS-Standard im Mai 2025 – als Würdigung dieses außerordentlich wichtigen Meilensteins für FOSS. Das äußerst positive Feedback auf die ersten Artikel, die von verschiedenen Medien kommentiert und aufgegriffen wurden, ermutigte uns, die Reihe fortzusetzen und zudem auf weitere Themen auszuweiten, etwa auf digitale Souveränität – die eng mit ODF verbunden ist – und proprietäre Formate.

Die Anzahl der auf den Inhalten dieser Beitragsreihe beruhenden Artikel sowie das Interesse zahlreicher Journalisten an den behandelten Themen haben uns dazu bewogen, weiterzumachen – ursprünglich hatten wir eine Reihe von etwa zwanzig Artikeln vorgesehen – und uns an Diskussionen über digitale Souveränität zu beteiligen, nicht zuletzt, weil dieses Thema zu einem gemeinsamen Anliegen geworden ist.

In einer idealen Welt gäbe es ausschließlich Open-Source-Softwarelösungen, die sowohl bei Komponenten als auch bei Dokumentformaten nur offene Standards nutzen. Leider ist die Welt, in der wir leben, alles andere als ideal. Denn seit Jahrzehnten wurde die Kontrolle über Technologie völlig unkritisch in die Hände von Big Tech gelegt – mit den Folgen, die wir alle kennen.

Zu diesen Folgen zählt genau jenes proprietäre Format, das sich als offener Standard ausgibt und uns dazu zwingt, die Diskussion bei den Formaten statt bei den Anwendungen zu beginnen. Tatsächlich verwenden selbst die meisten Open-Source-Office-Suiten – oder jene, die sich als solche bezeichnen – dieses proprietäre Format nativ. Damit vergrößern sie Microsofts Kontrolle über Dokumente, denn Microsoft definiert das Format und entscheidet somit über dessen Interoperabilität.

LibreOffice ist Open Source, weil seine Copyleft-Lizenz MPL Nutzung, Untersuchung, Veränderung und Verbreitung erlaubt. ODF ist ein offenes Format, weil es von einer unabhängigen Organisation öffentlich und transparent entwickelt, entsprechend der jeweiligen Version konsistent dokumentiert, versionskontrolliert und leicht implementierbar ist. ODF ist zugleich ein offener Standard – teilweise aus denselben Gründen, aus denen es ein offenes Format ist, und teilweise, weil es andere offene Standards wiederverwendet und keinerlei proprietäre Elemente enthält.

Damals setzte ISO auf Microsoft, das all dies bei der Genehmigung des Formats zugesichert hatte. Von einer Standardisierung kann dabei in keiner Weise gesprochen werden, denn kaum etwas ist weiter von einem Standard entfernt als das Microsoft-Format – einschließlich der „Strict“-Version. ISO glaubte damals nicht jenen, die darin eine Strategie sahen, Zeit zu gewinnen und sicherzustellen, dass sich nichts ändert, damit das Microsoft-Office-Format dauerhaft proprietär bleibt. Die Geschichte hat uns recht gegeben.

DOCX, XLSX und PPTX – die ich jetzt unter dem offiziellen Namen des Formats, OOXML, zusammenfassen werde – sind unabhängig von der Software, dem Anwendungsfall oder dem Nutzertyp ein Problem. Proprietäre Formate sind immer ein Problem, weil sie von einem einzigen Unternehmen auf Grundlage eigener Geschäftsstrategien definiert werden, die nie mit den Interessen der Nutzer übereinstimmen.

Darüber hinaus sind diese Formate gezielt darauf ausgelegt, einen Lock-in zu erzeugen, der äußerst schwer zu erkennen ist, sofern man die technischen Eigenschaften des Formats nicht eingehend untersucht. Selbst die Softwareunternehmen, die sich entschieden haben, das OOXML-Format nativ zu unterstützen, sind sich dessen nicht bewusst, weil sie es nicht untersucht haben. Sie verwenden also ein Format, das ihre eigenen Nutzer bindet – allerdings zum Vorteil Microsofts, nicht zu ihrem eigenen.

Ich verstehe vollkommen, dass all dies wie Science-Fiction klingt. Leider handelt es sich jedoch um eine Realität, die selbst dann nicht erfasst wird, wenn man sie einfach – oder besser: so einfach wie möglich – erklärt. Leider gibt es keinen wirklich einfachen Weg, das Problem zu erläutern, denn es wurde bis ins kleinste Detail so konzipiert, dass es äußerst kompliziert ist.

OOXML hingegen wurde bewusst so konzipiert, dass es Interoperabilitätsprobleme verursacht. Es ist auch nicht so dokumentiert, dass dieses Problem entschärft würde, da sich die Formatspezifikationen durch regelmäßige Sicherheitsupdates auf nicht dokumentierte und unsichtbare Weise verändern.

Folglich werden Interoperabilitätsprobleme durch OOXML und nicht durch ODF verursacht. Daher sollten die Kosten dafür von OOXML-Nutzern getragen werden, nicht von ODF-Nutzern. Zudem gilt: Wenn ein Dokument im OOXML-Format korrekt erstellt wurde, lässt es sich auch im ODF-Format korrekt öffnen.

Ich nutze seit Jahren Linux und öffne daher alle OOXML-Dateien, die ich erhalte, mit LibreOffice. Es konvertiert sie sofort in das native ODF-Format. Dabei hatte ich noch nie ein Problem. Wenn ich einer Kontaktperson eine Datei im OOXML-Format senden muss, konvertiere ich die ODF-Datei in OOXML. Auch in diesem Fall hatte ich noch nie ein Problem. In meinem Beruf verfasse ich sehr viele Dokumente – wir sprechen von Tausenden Dateien.

Natürlich werden viele Dateien eher unsystematisch erstellt – und Sie können sich kaum vorstellen, wie kreativ Menschen dabei sein können. Deshalb öffnen sie sich in beide Richtungen nicht korrekt.

Meiner Erfahrung nach braucht es weniger Zeit, eine Datei zu korrigieren, als sich über Inkompatibilität zu beklagen, auch wenn sich die meisten Nutzer für Letzteres entscheiden. Solange wir jedoch ein Format haben, das gezielt dafür entwickelt wurde, Interoperabilitätsprobleme zu verursachen, wird sich die Situation nicht grundlegend ändern.

Makros wiederum sind ein komplett eigenes Problem, weil sie in keiner Weise zur Welt der Standards gehören. Eine ODF-Datei mit Makros ist mit einer OOXML-Datei mit Makros identisch – sie ist also mit jedem Standard unvereinbar, sofern keine neutrale Sprache wie Python verwendet wird.

Makros gehören zur ersten Generation von Office-Suiten und ergeben heute nur noch in sehr wenigen Fällen Sinn. Das liegt auch daran, dass viele dieser Funktionen inzwischen direkt in die Software integriert sind. Außerdem zählen sie zu den wichtigsten Sicherheitslücken und sollten deshalb niemals eingesetzt werden – insbesondere nicht in Umgebungen, die besonders stark von Angriffen bedroht sind.

Jedes eingehende Dokument sollte sofort in das ODF-Format konvertiert werden, um sämtliche Vorteile des Standardformats zu nutzen. Anschließend sollte es als zweite Kopie im OOXML-Format gespeichert werden, um die Interoperabilität mit proprietären Formaten sicherzustellen. Das dauert nur wenige Sekunden, und Speicherplatz ist sicherlich kein Problem.

Darüber hinaus ist das ODF-Format nicht nur wesentlich robuster als OOXML. In den sehr seltenen Fällen, in denen eine Datei beschädigt ist, ermöglicht es aufgrund der Eigenschaften des Standardformats und der perfekt lesbaren XML-Datei, sämtliche Inhalte wiederherzustellen. Eine beschädigte OOXML-Datei ist dagegen praktisch nicht wiederherstellbar.

Das Problem besteht leider darin, dass der Wechsel von OOXML zu ODF auch einen Wechsel von Microsoft Office oder einem seiner Klone zu LibreOffice erforderlich macht, weil die ODF-Unterstützung in diesen Programmen sehr schlecht ist, wie im jüngsten Artikel unserer Reihe erläutert wurde.

Diese Migration der Anwendungen fügt eine weitere Ebene der Komplexität hinzu. Wäre die ODF-Unterstützung ordentlich statt katastrophal, wäre die Migration des Formats allein kein Problem und würde lediglich die Anpassung einiger OOXML-basierter Prozesse erfordern.

Leider ist die schlechte ODF-Unterstützung Teil der Lock-in-Strategie von Microsoft und den Entwicklern seiner Klone. Wir können daher nicht erwarten, dass sie sich verbessert – selbst angesichts von Entscheidungen wie jener der deutschen Bundesregierung. Diesen Lock-in aufzugeben würde nämlich bedeuten, einen Marktanteil im Wert von fast 30 Milliarden US-Dollar nicht mehr zu schützen, bei einem Nettogewinn von mehr als 90 Prozent dieser Summe.

Erst in den vergangenen Jahren hat die stärkere Fokussierung auf digitale Souveränität dazu geführt, dass Organisationen auch eine Migration von OOXML zu ODF in Betracht ziehen. Dies ist im Migrationsprotokoll bereits vorgesehen. Dabei handelt es sich zwar um einen zusätzlichen Schritt, der jedoch kein Problem darstellt.

Frühere gescheiterte Migrationen von proprietärer zu Open-Source-Software waren nie auf technische Probleme zurückzuführen – selbst wenn versucht wurde, sie als technische Probleme darzustellen. Im Fall München wurde beispielsweise das Dokument, das die technischen Probleme auflistete, von HP, einem Microsoft-Partner, erstellt und enthielt Behauptungen, die an Lächerlichkeit grenzten. Ähnliches geschah in Italien bei der Migration der Stadt Pesaro und der Provinz Bozen.

Es wäre außerdem sinnlos, die Tatsache zu ignorieren, dass die Unternehmen, die weltweit – und auch in Europa – am meisten für Lobbyarbeit ausgeben, die Big-Tech-Konzerne sind. Allein auf EU-Ebene belaufen sich ihre Budgets auf Millionen Euro, ganz zu schweigen von den Budgets der einzelnen Länder, die nicht öffentlich bekannt sind. In Brüssel, wo es Daten gibt, kommen auf jedes Mitglied des Europäischen Parlaments mehr als zwei Lobbyisten. Es ist ein ungleicher Kampf zwischen Open-Source-Software und proprietärer Software.

Deshalb ist das Format von Dokumenten wichtiger denn je. Der Unterschied zwischen einem standardisierten, offenen Format und einem proprietären Format ist vergleichbar mit dem Unterschied zwischen Open-Source-Software und proprietärer Software. Bei Dokumenten betrifft dieser Unterschied die Verwaltung der Inhalte: Beim Standardformat ist sie transparent dokumentiert, beim proprietären Format dagegen verschleiert dokumentiert und verwendet Verweise, die nur dem Autor bekannt sind – nämlich Microsoft.

Um eine leicht verständliche Parallele zu ziehen: Es ist, als läge der Schlüssel zu unserer Haustür in den Händen einer externen Instanz, die entscheiden kann, ob und wann wir unser eigenes Zuhause betreten dürfen. Bei einem Standardformat bleibt der Schlüssel immer in den Händen des Eigentümers.

Ihre Frage hat jedoch das Problem der fehlenden einheitlichen Definition deutlich gemacht. Deshalb werde ich auf der kommenden LibreOffice-Konferenz in Pordenone einen Vortrag halten, in dem ich gemeinsame Kriterien für eine solche Definition vorschlage. Mit diesem Thema beschäftige ich mich bereits, denn das Fehlen einer einheitlichen Definition sorgt auf dem Markt für einige Verwirrung.

Das entscheidende Wort ist dabei „wesentlich“. Eine Institution muss nicht selbst Eigentümerin der Cloud sein. Sie muss aber sicher sein, dass ihre Daten nicht ebenfalls verschwinden, wenn ein Anbieter morgen vom Markt verschwindet. Sie muss proprietäre Werkzeuge nicht verbieten. Sie muss jedoch gewährleisten, dass das, was sie diesen Werkzeugen anvertraut – ihre Akten, Verträge und Bürgerdaten –, auch für andere als den Anbieter, der das Werkzeug verkauft hat, lesbar, übertragbar und rekonstruierbar bleibt.

Souveränität bedeutet nicht, eine Mauer um den eigenen Besitz zu errichten. Sie ist eine Garantie dafür, aus einer Abhängigkeit aussteigen zu können.

Um dieses Ziel zu erreichen, kann die technische Entscheidung im Kern nur eine sein: Technologien und Werkzeuge zu wählen, die nicht von einem einzigen Unternehmen kontrolliert werden – es sei denn, sie sind vollständig Open Source. Natürlich kann diese Entscheidung angesichts der Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte äußerst schwierig und herausfordernd sein.

Es gibt öffentliche Verwaltungen, deren Infrastruktur auf Lösungen verschiedener Anbieter beruht, und andere, deren Infrastruktur von einem einzigen Anbieter abhängt. Erstere setzen in der Regel bereits zumindest teilweise auf Open Source, während Letztere meist ausschließlich proprietäre Software nutzen.

Der Weg zur digitalen Souveränität ist schwierig, weil dieses Konzept über zu viele Jahre hinweg ignoriert wurde. Es ist ironisch, dass heute alle über digitale Souveränität sprechen, während dieselben Akteure früher die Forderungen von Open-Source-Befürwortern ignoriert haben. Wir verwendeten damals zwar nicht den Begriff „digitale Souveränität“, vertraten aber bereits dasselbe Konzept.

Die Regel ist sehr einfach: „aktive“ Dokumente – also solche, die bearbeitet werden müssen – sollten im ODF-Format verwaltet werden. „Historische“ Dokumente – also solche mit Referenzinformationen, die nicht verändert werden dürfen – sollten im PDF-Format verwaltet werden. Natürlich ist es auch möglich, alle Dokumente im ODF-Format zu speichern.

Herr Vignoli, vielen Dank für die Antworten!

Das Interview wurde auf Englisch geführt. Das Original findet sich hier.

(fo)