Heise 09.09.2026
09:21 Uhr

Navier-Stokes: Möglicher KI-Durchbruch wird von Kontroverse überschattet


OpenAI will mit KI ein schwieriges mathematisches Problem gelöst haben. Die Ankündigung wird von einem Streit über die Entstehung des Beweises begleitet.

Navier-Stokes: Möglicher KI-Durchbruch wird von Kontroverse überschattet

OpenAI hat am Dienstag einen Beweis veröffentlicht, der das sogenannte Navier-Stokes-Problem lösen soll. Dabei handelt es sich um eines der sieben Millennium-Probleme der Mathematik, für deren Lösung das Clay Mathematics Institute jeweils eine Million US-Dollar Preisgeld ausgelobt hat. Die offizielle Aufgabenstellung stammt aus dem Jahr 2000.

Laut OpenAI arbeiteten zeitweise rund 10.000 KI-Agenten parallel an Navier-Stokes. Nach rund 88 Stunden hätten sie den Beweis gefunden, weitere 17 Stunden seien für dessen Formalisierung und Überprüfung nötig gewesen. Allein für Navier-Stokes tauschten die Agenten 2,7 Millionen Nachrichten aus und erzeugten rund 130 Milliarden Output-Tokens. OpenAI bezifferte die dafür eingesetzte Rechenleistung gegenüber Wired auf mehrere Millionen US-Dollar. Als Grundlage der Agenten diente ein noch nicht veröffentlichtes internes Modell, das laut OpenAI deutlich leistungsfähiger als das neue Spitzenmodell GPT-6 Astra ist.

Eine unabhängige Überprüfung des 166-seitigen Papers steht noch aus. Da die Regularitätsfrage der Navier-Stokes-Gleichungen Mathematiker seit rund 90 Jahren beschäftigt, wäre ein mithilfe von KI gelungener Beweis ein mathematischer Durchbruch und zugleich ein bedeutender Erfolg für den Einsatz von KI in der Forschung.

Überschattet wird die Ankündigung von einem Streit mit den Mathematikern Tristan Buckmaster und Levent Alpöge. Buckmaster ist Professor für Mathematik an der New York University, Alpöge arbeitet beim OpenAI-Konkurrenten Anthropic.

In der Nacht vor OpenAIs Ankündigung hatten Buckmaster und Alpöge auf Mastodon eigene Arbeiten zu verwandten Strömungsgleichungen veröffentlicht. Für ihre Forschung setzten sie intensiv KI-Modelle ein, darunter auch Systeme von OpenAI. Buckmaster zufolge war OpenAI bereits vor Veröffentlichung der Resultate über ihre Fortschritte informiert. In Gesprächen mit dem Unternehmen habe er erfahren, dass erst danach mit enormem Rechenaufwand an Navier-Stokes und verwandten Problemen gearbeitet worden sei. Besonders misstrauisch machte ihn, dass OpenAI ausgerechnet jene Forschungsrichtung einschlug, die auch Buckmaster und Alpöge verfolgt hatten.

OpenAI stellt den Ablauf anders dar. Nach den Gerüchten über Fortschritte bei Millennium-Problemen habe das Unternehmen zunächst mehrere offene Aufgaben untersuchen lassen und die Ressourcen erst auf Navier-Stokes konzentriert, nachdem die Agenten unabhängig ein Ergebnis zu einem verwandten Strömungsproblem gefunden hätten. Weder die beteiligten Forscher noch die KI-Agenten hätten Buckmasters und Alpöges Arbeit zuvor gesehen oder spezifische Nutzerdaten für die Lösung abgerufen. Nicht ausschließen könne OpenAI allerdings, dass anonymisierte Nutzungsdaten zuvor zur Verbesserung der Modelle beigetragen hätten. OpenAI betont zudem, dass sich die Beweise deutlich voneinander unterschieden.

Zusätzlichen Zündstoff liefert der Streit um die Autorenschaft. Buckmaster zufolge schlug OpenAI vor, dass er nach Veröffentlichung seiner Ergebnisse allein ein Paper über OpenAIs Navier-Stokes-Resultat verfassen könne. Darin sollte festgehalten werden, dass ein internes OpenAI-Modell den Beweis erbracht habe. Alpöge sollte demnach wegen seiner Beschäftigung bei Anthropic nicht als Autor beteiligt werden. Als Buckmaster ankündigte, den Vorgang öffentlich zu machen, sei ihm entgegnet worden: „Warum solltest du deine Karriere ruinieren?“

In einem Beitrag auf X widerspricht der OpenAI-Forscher Sébastien Bubeck dieser Interpretation teilweise. Es sei nie darum gegangen, Alpöge aus dessen eigener Arbeit zu entfernen, sondern um eine mögliche Neufassung von OpenAIs Navier-Stokes-Beweis. Bubeck begründete seine Bedenken mit Alpöges Beschäftigung bei Anthropic und dessen Nutzung interner Anthropic-Modelle für die gemeinsame Forschung. Für seine Wortwahl entschuldigte er sich.

Buckmaster geht derweil weiterhin der Frage nach, ob OpenAI Daten aus seinen Interaktionen mit den eigenen Modellen genutzt haben könnte, um ihn und Alpöge bei der Veröffentlichung zu überholen. Von einem kopierten Beweis spricht er dagegen nicht. OpenAI will das Preisgeld des Clay Mathematics Institute nach eigener Aussage nicht beanspruchen, sollte sich der Beweis als korrekt erweisen und als Lösung des Millennium-Problems anerkannt werden. Das ist derzeit noch völlig offen.

(tobe)