|
10.05.2026
08:03 Uhr
|
An diesem Wochenende fand in Leipzig die 20. Lange Nacht der Computerspiele statt. Unser Autor hat das langlebigste Spiele-Festival mit ins Leben gerufen.

Vor zwei Jahrzehnten verunsichern Gerüchte, die Games Convention könnte Leipzig verlassen. Für mich sind sie völlig abwegig. Doch einige machen sich mehr Gedanken. Die Wirtschaftsförderung der Stadt sucht und vernetzt Mitstreiter, um Leipzig als Spiele-Stadt sichtbar zu machen. Auf offene Ohren stößt sie bei unserer Fachhochschule, der HTWK. Die stellt nun Spiele statt E-Commerce in den Mittelpunkt einer jährlichen Konferenz, der Leipziger Informatiktage. Als freier Journalist bewerbe ich mich um einen Vortrag – und werde angenommen: „Digitale Spiele – Wirtschaftsfaktor und Technologietreiber“.
Am Abend, es ist der 1. Dezember 2006, sitzen die Teilnehmer gemütlich in einer Gaststätte. Zwei Professoren, Hans-Ulrich Niemitz und Klaus Bastian, tragen ein Vorhaben an mich heran: „Die lange Nacht der Computerspiele“ im Mai als Höhepunkt einer öffentlichen Vorlesungsreihe über, naja, eben: Spiele. Es ist zunächst nur ein hübsch klingender Name; die Inhalte fehlen noch. Wir tauschen Ideen aus: Man könnte einen PC-Pool mit Spielen bestücken, man könnte alte und neue Konsolen auf dem Gang aufstellen, man könnte Exponate hinter Glas zeigen. Im Laufe der Monate werden die Vorschläge ausgearbeitet. Treffpunkt dafür ist der monatliche Stammtisch der Leipziger Spiele-Szene.
Um die Arbeitsrechner im PC-Kabinett in Spielemaschinen zu verwandeln, werden die Festplatten gewechselt. Ich erhalte für einige Wochen einen Muster-Rechner mit einem frischen Windows. Dort installiere ich allerlei, meist Freeware und Demo-Versionen; später bitte ich kleine Studios um DRM-freie Versionen. Es sind einige Onlinespiele darunter, für die wir Accounts für die Besucher einrichten.
Stefan Kassler
Ein Techniker aus der IT dupliziert die Festplatte zwanzigmal und baut vor der Spielenacht in alle PCs die Spiele-Platten ein. Schnell lerne ich beim Vorbereiten, dass ich nicht nur einen PC, sondern auch einen Monitor aus der Hochschule brauche: Der hat ein für Spiele weniger typisches Verhältnis von 16:10 (1920 x 1200 Pixel), das ich teilweise beim Einrichten zu Hause gar nicht einstellen kann.
Die Hochschule hortet noch eine Handvoll betagter Röhren-Fernseher, an die ich allerlei alte und neue Konsolen anschließe, vom Super Nintendo über Dreamcast bis zur Wii. Damals wie heute besonders beliebt: das Trommel-Spiel „Donkey Konga“ für vier Spieler am GameCube. Im Laufe der Jahre schaffe ich mir selbst immer mehr Bildschirme für Veranstaltungen an; mittlerweile sind es rund 100.
René Meyer
Als Krönung bringt ein Freund (der ehemalige Spielejournalist Nico Kuhn) die brandneue PlayStation 3 samt Flachbildfernseher mit. Die Museologie-Fakultät leiht zwei Tischvitrinen, in denen ich Handhelds und verschiedenste Spiele-Datenträger ausstelle. Während der Spielenacht bietet die Fachschaft für kleines Geld belegte Brötchen und Getränke an.
Als Eröffnung spricht Jörg Müller-Lietzkow (heute Präsident der HafenCity Universität Hamburg) über „Fascination Gaming – State of the Art“. State of the Art ist auch das Einbeziehen der damals angesagten Online-Welt „Second Life“: Dort wird ein Plätzchen für die Spielenacht geschaffen; und gleichzeitig wird es per Beamer in die Veranstaltung gestrahlt.
Das alles ist ein großer Aufwand für einige Dutzend Besucher. Ein Teil sind Studenten, die sich den Besuch der Vorlesungsreihe anrechnen lassen. Ein Teil sind Freunde. Doch allen macht es Spaß. Und so entsteht die Idee, die Spielenacht ein Jahr später, 2008, zu wiederholen.
Im dritten Jahr 2009 kommt langsam Fahrt auf. Der Sammler Torsten Othmer (der bereits 1986 mit einem Freund einen Atari-Club gründet) bringt eine Reihe weiterer Geräte mit; darunter Amiga, Atari ST und Apple II. Und wir richten eine Kino-Ecke ein, in der über einen Beamer Klassiker wie „Tron“ und „Wargames“ laufen.
Im vierten Jahr wächst die Spielenacht deutlich an Fläche. Es wird ein Netzwerk aus acht Atari ST aufgebaut, an denen man „MIDI Maze“ spielt. Eine Art „Doom“-Vorläufer aus den 80ern. Das Spielemusik-Webradio PARALAX kommt aus Wuppertal und streamt die Veranstaltung. Für die Fußball-Roboter der Hochschule, die bereits mehrfach Weltmeister und Vize-Weltmeister wurden, wird ein Spielfeld aufgebaut. Im fünften Jahr gelingt zusammen mit dem Team von Midimaze.de ein Netz aus atemberaubenden 16 Atari ST.
Doch mittlerweile ist der kleine Zuse-Bau der Hochschule, der weder Seminarräume noch Hörsäle hat und eher Büros enthält, an seine Grenzen gestoßen. Das Gebotene lockt einige hundert Besucher an, die sich in den engen Gängen drängen. Auch die Zweiteilung durch ihren Ursprung als Teil einer Vorlesungsreihe stört zunehmend: Die Eröffnung mit Vorträgen und Präsentationen ab 16 Uhr ist mittlerweile zweieinhalb Stunden lang. Sie findet im Nebengebäude auf der anderen Straßenseite statt, weil es im Zuse-Bau keine größeren Räume gibt.
Und ein Freund meint ehrlich: „Du, die Spielenacht ist langweilig.“ In der Tat. Außer sich an einen PC oder an eine Konsole zu setzen, kann man nicht viel machen. Zu jener Zeit lerne ich das Living Games Festival in der Jahrhunderthalle Bochum kennen. Es ist viel großzügiger gestaltet und bietet so viel mehr: Stände von Indie-Entwicklern, Vorträge und Interviews, digitale Kunst, eine Bar und Sitzecken zum Schwatzen. Das will ich auch in Leipzig.
Der Informatik-Professor Klaus Bastian, mit dem ich die Spielenacht mittlerweile zu zweit bestreite, hat einen verlockenden Vorschlag: den Umzug vom kleinen Zuse-Bau in den prächtigen und erheblich größeren Lipsius-Bau mit seinem Foyer, vielen Seminarräumen, mehreren Hörsälen und Pools und der Mensa.
Um die Fläche zu füllen, werbe ich um Aussteller. Die Computerspielschule Leipzig bringt Notebooks mit, auf denen Minecraft läuft. Es gibt die ersten Turniere; und langsam versammeln sich auch Indie-Entwickler. Sie sind schwierig zu gewinnen: Keine Zeit, nichts vorzuweisen, keine Hardware, die man auf eine Messe mitnehmen kann. Leichter ist es zunächst, Hochschul-Projekte zu akquirieren.
Es gibt so viele Hörsäle, dass wir neben einem Vortragsraum einen Kinosaal einrichten können. Um die faszinierende Doku „Moleman 2 – Demoscene“ für jedermann zugänglich zu machen, übersetze ich zwei Wochen lang, und noch ohne KI, die Untertitel ins Deutsche. Zur Premiere kommt ein einziger Zuschauer: mein Schwiegervater. Im Folgejahr „räche“ ich mich und lasse den Film in Dauerschleife laufen. Das hilft.
Als Volltreffer hingegen erweist sich die Überlegung, auch Brettspiele und Table Top einzubeziehen; als zweiter, sie in die riesige Mensa zu versetzen, den schönsten Platz der Hochschule mit ihrem Glasdach, den terrassenartigen Ebenen und den vielen Pflanzen. Brettspiele und Kartenspiele passen prima zu Computerspielen und sind heute ein beliebter Bereich vieler Messen und Festivals.
Was zugutekommt: Gleichzeitig organisiere ich die Retro Area auf der Gamescom; und beides wächst und befruchtet sich gegenseitig. Leipzig-Aussteller kann ich nach Köln locken; und Gamescom-Ausstellern erzähle ich, die Spielenacht sei genauso schön. Manchmal klappt das.
So wächst die Lange Nacht der Computerspiele Schritt für Schritt um Etagen und Räume, bis sie mehrere tausend Quadratmeter einnimmt und einige tausend Besucher anzieht.