Heise 23.02.2026
11:52 Uhr

„Made in Europe for the World“ – W Social als europäischer Gegenentwurf zu X?


Brauchen wir ein europäisches Twitter? Oder haben wir das vielleicht längst? W Social-Gründerin Anna Zeiter im Interview.

„Made in Europe for the World“ – W Social als europäischer Gegenentwurf zu X?

Seitdem Elon Musk Twitter gekauft hat, erlebt Microblogging eine Krise. Viele, die den neuen Besitzer und die Veränderungen der Plattform, die mittlerweile X heißt, nicht mehr unterstützen wollen. Andere, die mit Mastodon und dem Fediverse oder Bluesky auf dezentrale Alternativen setzen. Gleichzeitig ist die Diskussion um die digitale Souveränität und der Wunsch nach europäischen Konzepten gegen US-amerikanische Vorherrschaft digitaler Dienste größer denn je.

Zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos hat das Team um Ex-eBay-Managerin Anna Zeiter mit „W Social“ einen weiteren Ansatz präsentiert, wie eine europäische Social-Media-Lösung entsprechend aussehen könnte. Im c't-Podcast „Haken dran – das Social-Media-Update“ hat sie Host Gavin Karlmeier jetzt einige Details verraten – und wie Content Moderation, Monetarisierung und Infrastruktur von „W Social“ aussehen könnten.

Die gesamte Episode des Podcasts finden Sie hier.

Das folgende Interview ist ein Transkript aus dem Podcast und wurde gekürzt und zur besseren Lesbarkeit leicht angepasst.

Und dann haben wir aber am 6. Dezember einen X-Post von Elon Musk gesehen, in dem er gesagt hat: „I want to eliminate the European Union“, weil er so frustriert darüber war, dass er gerade eine DSA-Geldbuße bekommen hat und haben gedacht: Wir müssen irgendwie schneller sein. Wir können nicht bis 2027 warten. Deswegen haben wir die ganze Product Timeline irgendwie nach vorne gezogen, haben ein paar mehr Leute motiviert, dem Projekt beizutreten. Und jetzt arbeiten wir mit Vollspeed daran. Die Beta-Version wahrscheinlich in den nächsten Wochen zu releasen, erstmal intern.

Dann so ein bisschen fürs Advisory Board und dann werden wir wahrscheinlich in einem Monat, wenn alles gut geht, die Warteliste onboarden.

Dann wollen wir User als Menschen verifizieren, weil wir das Gefühl haben, das ist eigentlich der größte Schwachpunkt der bestehenden Big Player in den USA. Dass man eigentlich gar nicht mehr weiß: „Chatte ich da mit einem AI-Bot oder mit Menschen?“ Und gerade bei AI-Bots weiß man nicht: Von wo wird die Meinungsmache manipuliert, irgendwie beeinflusst?

Und wir wollen drittens den Nutzern die Daten zurückgeben. Das heißt, wir arbeiten an einer Technologie, dass die Nutzer die Daten auf ihrem Device haben. Ich will diese ganzen Identifikationsdaten überhaupt gar nicht haben!

Und Bluesky wächst – 40 Millionen Nutzer, 20 Millionen in den USA, 20 Millionen außerhalb der USA. Das heißt, dass die Aktivität auf dem Protokoll wächst. Ich habe auch kürzlich mit dem CEO von Eurosky gesprochen. Wir verstehen uns gut. Und das ist auch in unserem Interesse, wenn das AT-Protokoll wächst oder die Nutzer des AT-Protokolls, ist das nur gut für uns. Auf der anderen Seite, wenn die Nutzer sich bei W anmelden, haben Sie eben diese Human Verification, die haben sie bei Bluesky nicht und auch bei Eurosky nicht. Und bei Blue Sky kommt noch hinzu, dass die Daten in den USA sind.

Wir diskutieren auch intern noch, inwieweit wir anonyme Accounts zulassen. Es gibt Pros und Cons – wenn man keine anonymen Accounts zulässt, hat man natürlich den Klarnamen, was den Vorteil hat, dass man genau weiß, von wem welcher Post kommt. Auf der anderen Seite gibt es auch viele, die anonym posten wollen, die vielleicht in einem Land leben, in dem sie ihre Meinung gar nicht frei äußern können.

Deswegen werden wir wahrscheinlich einen Mittelweg gehen und anonyme Accounts zulassen, aber mit Zusatzinformationen, dass wir zumindest wissen wollen, in welchem Land die Person lebt, was für eine Nationalität sie hat und vielleicht ihre Altersspanne.

Dass wir wissen: Eine Person ohne Namen, die, wenn sie anonym auftreten will, MickeyMaus123 heißt – aber Leute wissen: Ich bin zwischen 40 und 50, bin Deutsch und wohne in der Schweiz. Wir glauben, dass es wichtig ist, anonyme Accounts generell zuzulassen. Weil wir interessanterweise auf der Warteliste viele Leute haben, Tausende von Menschen, die in Diktaturen leben. Das ist extrem interessant. Und die wollen wir nicht verlieren. Denen wollen wir eine Plattform geben. Aber wenn wir eine Klarnamenpflicht haben, dann verlieren wir die sofort.

In den Medien steht manchmal, dass wir 500 Millionen von der EU-Kommission bekommen haben. Das ist leider falsch. Ich hätte das Geld gerne, habe es aber noch nie gesehen. Die EU-Kommission ist daran nicht beteiligt, das ist Desinformation, die sich irgendwie wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet hat.

Tatsache ist aber, dass wir uns in der Zukunft möglicherweise bewerben werden über European Grants, aber im deutlich kleineren Bereich. Wir werden auch weitere Investitionsrunden oder Funding Rounds machen. Das war jetzt Pre-Seed. Dann die weiteren Runden werden wahrscheinlich im März folgen und dann nochmal eine Ende des Jahres. Wir sind auch schon im Gespräch mit großen europäischen Medienhäusern für Mediendeals, weil wir guten Content auf der Plattform haben wollen.

Es wird noch ein weiterer Revenue Stream dazukommen: Micropayments. Wir wollen Nutzern die Möglichkeit geben, einzelne Newsletter-Artikel oder Medienartikel zu kaufen. Wir kennen alle die Frustration, da ist ein cooler Artikel, aber ich will nicht das Jahresabonnement abschließen – ich will nur diesen einen Artikel der New York Times haben, zum Beispiel.

Erste Frage wird wahrscheinlich zu anonymen Accounts sein: Wollen wir die erlauben oder nicht? Und das Gleiche gilt für die Content-Moderation-Guidelines. Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Free Speech, dass man so viel wie möglich erlauben soll. Ich selbst habe Doktorarbeit zu dem Thema geschrieben: Free Speech and Hate Speech.

Ich glaube einfach, je mehr man erlaubt, desto besser. Aber natürlich wird es gewisse Dinge geben, die auf der Plattform nicht erlaubt sind: Pornografie wird nicht erlaubt sein und wir müssen überlegen, wo wir die anderen Grenzen ziehen. Aber das auch zusammen mit der Community.

Am Anfang werden wir ein oder zwei Personen für die Content Moderation haben. Und dann, wir werden ja am Anfang – wahrscheinlich nächste oder übernächste Woche – vielleicht zehn Leute auf unsere Plattform lassen, dann 100. Dann sehen wir auch, wie viele Beschwerden gibt es, wie viel Kapazität brauchen wir da, und dann werden wir das einfach aufskalieren.

Wahrscheinlich werden wir auch mit AI-Filtern arbeiten. Aber da sind wir gerade dabei, das aufzusetzen. Wir haben ein super Advisory Board in dem Bereich, das uns da auch hilft. Aber wichtig ist mir auch, irgendwie die Meinung und das Sentiment von der Community einzuholen.

(mond)