Heise 09.04.2026
19:19 Uhr

HÄPPI: Wie Hausärzte mit Delegation und digitalen Tools mehr Patienten versorgen


In der Hausarztzentrierten Versorgung ist der Hausarzt für Millionen Patienten bereits heute die erste Anlaufstelle. Dr. Susanne Bublitz erklärt das Modell.

HÄPPI: Wie Hausärzte mit Delegation und digitalen Tools mehr Patienten versorgen

Während aus Berlin ein erster Vorschlag für künftige Patientensteuerung kommt, hat Baden-Württemberg bereits 2008 damit begonnen. Dort nehmen mehr als drei Millionen Versicherte freiwillig an der „Hausarztzentrierten Versorgung“, kurz HZV, teil. Das sorgt unter anderem für weniger Krankenhausaufenthalte und weniger Komplikationen bei chronischen Erkrankungen. So lautet das Ergebnis einer langjährigen Evaluation der Goethe-Universität Frankfurt und des Universitätsklinikums Heidelberg, die die HZV der AOK Baden-Württemberg seit 2011 alle zwei Jahre unter die Lupe nimmt.

Bundesweit sind knapp 11 Millionen Menschen in der HZV eingeschrieben – mehr als in der privaten Krankenversicherung. Wer teilnimmt, verpflichtet sich, im Krankheitsfall zunächst zum Hausarzt zu gehen. Er kennt die Patienten, ihre Vorgeschichte, ihren Alltag und koordiniert die weitere Versorgung. Dafür erhalten die Praxen kein einzelleistungsbasiertes Honorar, sondern eine Pauschale für die gesamte Versorgungsleistung. Das schafft andere Anreize als das klassische KV-System: Beratung lohnt sich, Über- und Fehlversorgung lohnen sich nicht.

Laut dem noch nicht offiziell veröffentlichten Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums soll es einen neuen digitalen Versorgungseinstieg geben. Spätestens ab dem 1. Februar 2028 soll es in der elektronischen Patientenakte einen eigenen Funktionsbereich geben, über den die Versicherten zur Ersteinschätzung durch die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen weitergeleitet werden, um einen Behandlungstermin zu buchen. 2029 müssen Vertragsärzte Überweisungen digital ausstellen, abrufen und über die Telematikinfrastruktur (TI) übermitteln. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg (HÄVBW) will, dass die Hausarztpraxis in der Steuerungsfunktion bleibt. Der Berufsverband fordert die Bundesregierung auf, das geplante verbindliche Primärversorgungssystem konsequent auf der HZV aufzubauen.

Gleichzeitig will der AOK-Bundesverband die HZV-Verträge eindämmen. Aus Sicht der Vorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes sei es aber „vollkommen absurd, auf der einen Seite den Ausbau eines Primärversorgungssystems zu fordern und auf der anderen Seite das einzige etablierte Primärversorgungssystem HZV einstampfen zu wollen“. Schließlich nehmen bundesweit knapp 11 Millionen Patientinnen und Patienten freiwillig an der HZV teil – viele davon AOK-Versicherte, die das Modell laut Verband mit hoher Zufriedenheit nutzen. Sämtliche Innovationen der vergangenen Jahre – vom Teampraxismodell bis zur Modernisierung des Vergütungssystems – seien aus der HZV hervorgegangen, nicht aus der Regelversorgung.

Um die hausärztliche Versorgung fit für die Zukunft zu machen, hatte der Verband gemeinsam mit der Universität Heidelberg das Konzept HÄPPI entwickelt (Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell). Neben Ärztinnen und Ärzten sowie medizinischen Fachangestellten (MFA) arbeiten in dem Konzept akademisch ausgebildete nichtärztliche Gesundheitsberufe – etwa Physician Assistants oder Primary Care Manager – im Team; digitale Lösungen unterstützen die Abläufe. Ziel ist es, die Praxen zu befähigen, mehr Patientinnen und Patienten zu versorgen und für die Herausforderungen des demografischen Wandels fit zu machen. Was in Baden-Württemberg begonnen hat, wird inzwischen auch in Bayern und Rheinland-Pfalz pilotiert.

In der HZV ist Delegation kein neues Konzept, schon länger gibt es die Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis, kurz VERAH. Sie ist eine erfahrene MFA, die nach einer berufsbegleitenden Weiterbildung eigenständig in Delegation Hausbesuche macht, Wunden versorgt und chronisch Kranke koordiniert. Ihre Arbeit wird im HZV-Vertrag gezielt vergütet. Aktuelle Evaluationsdaten zeigen, dass HZV-Praxen mit einer VERAH nachweislich bessere Ergebnisse erreichen – unter anderem weniger unkoordinierte Facharztkontakte und weniger vermeidbare Krankenhausaufnahmen.

Wie das in der Praxis aussieht, welche digitalen Werkzeuge dabei wirklich helfen – und warum die Pläne von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken für mit der elektronischen Patientenakte als zentrale Gesundheits-App an der Realität vorbeigehen, erklärt Dr. Susanne Bublitz im Gespräch mit heise online. Die Hausärztin aus Pfedelbach ist Vorstandsmitglied des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg und hat HÄPPI in ihrer Praxis eingeführt. Sie spricht über Delegation, Digitalisierung – und 60 Minuten Warteschleife.

Nehmen Sie einen Krankenhausentlassbrief: Wir sind vier Ärzte in der Praxis und kriegen fast alle Entlassbriefe viermal und dann noch doppelt, weil es einen vorläufigen und einen endgültigen Bericht gibt. Das heißt, wir haben achtmal dasselbe Dokument. Wenn Krankenhäuser irgendwann auch aktiv die ePA nutzen, landet der Brief im Zweifel achtmal in der ePA.

Dadurch entsteht ein riesiges Sammelsurium an Dokumenten, das nicht durchsuchbar ist und keine strukturierten Daten und Diagnosen enthält. Dabei ist gerade dieses Vorwissen entscheidend, um Versorgung gut koordinieren zu können. Es macht in der Hausarztpraxis einen großen Unterschied, ob eine junge Frau mit Brustschmerzen anruft oder Herr Müller, 76 Jahre, mit vorbekannter Herzerkrankung. Im günstigsten Fall findet man diese Informationen nach Suchen in einem Arztbrief, aber auch dort sind die Daten nicht strukturiert. Mir fehlt daher jegliche Fantasie, wie auf dieser Basis gesteuert werden soll. Darauf hat auch der kürzlich bekannt gewordene Referentenentwurf zum neuen Digitalgesetz keine Antwort, trotzdem soll die ePA ab 2028 ein digitaler Einstieg in die Versorgung werden.

Aber vor jedem Termin in der Regelversorgung eine digitale Ersteinschätzung zu schalten, statt zu seinem bekannten Hausarzt zu gehen, macht keinen Sinn und schafft auch keinen belegten Mehrwert. In der Hausarztmedizin kommen Patienten im Durchschnitt mit 3,5 Beratungsanlässen in die Praxis. Heute Morgen hatte ich mehrfach Patienten mit vier oder fünf Anliegen. Welches davon wollen Sie digital ersteinschätzen und wohin wird der Patient dann gesteuert? Hausarztmedizin ist Beziehungsmedizin und oft ist die eigentliche Aufgabe, alle Puzzleteile zusammenzufügen und in den Gesamtkontext einzuordnen.

Patientinnen und Patienten per App durch einen Prozess zu schicken, der für jeden Anlass eine Facharztüberweisung ausspuckt, bringt uns nicht weiter. Am Ende landen viele dann doch wieder in der Hausarztpraxis – weil sie akute Beschwerden haben, bei denen ein Facharzttermin in drei Monaten nichts nützt, oder weil sie schlicht eine Impfung brauchen. Viel besser wäre es, die digitale Ersteinschätzung nicht vor, sondern in unserer Praxis anzudocken: als Werkzeug, das an unsere Patientendaten angebunden ist und das uns hilft, Anliegen innerhalb der Praxis zu steuern. Wie dringend muss jemand kommen? Muss das Anliegen wirklich zum Arzt, oder reicht eine Beratung durch eine VERAH oder einen Physician Assistant? Oder reicht vielleicht sogar ein digitales Gesundheitsangebot? Das würde die Versorgung in der Praxis verbessern.

Beim sechsten Mal kommt die Patientin dann zu mir – und ich weiß von nichts. Wenn eine Person überall anlassbezogen behandelt wird, ein PDF in die ePA gestellt wird, von dem wir als Hausärztinnen und Hausärzte keine Kenntnis haben und sich daher niemand darum kümmert, eine medizinische Einordnung vorzunehmen, wie die Themen zusammenhängen, dann geht die „Continuity of Care“ verloren. Und Studien zeigen ganz klar, dass gerade diese Kontinuität für eine gute Versorgung elementar ist.

Die Gynäkologen sollen steuern, der Hausarzt soll steuern, für jede chronische Erkrankung gibt es eine Ausnahme. Viele Patienten haben aber mehrere chronische Krankheiten. Wo sollen die dann hin? Wenn überall ein bisschen gesteuert wird, dann haben wir schlicht mehr Erstkontakte, mehr Schnittstellen, mehr Kommunikationsaufwand. Das System wird chaotischer, nicht besser – vor allem für den Patienten, der dann gar nicht mehr weiß, wo er mit welchem Anliegen eigentlich hin muss.

Ein Beispiel: Gynäkologische Praxen haben oft monatelange Wartezeiten. Gleichzeitig kommen dort regelmäßig Patientinnen mit Unterbauchschmerzen, die schlicht einen Harnwegsinfekt haben – ein Krankheitsbild, das die Hausarztpraxis sofort lösen kann. Gute Steuerung bedeutet, dass die Gynäkologin Zeit für die hat, die sie wirklich brauchen – und die Patientin mit dem Harnwegsinfekt schneller versorgt ist.

Ein Beispiel: Im KV-System muss ich bei einer Sonografie Fotos von beiden Nieren, der Leber, der Gallenblase, der Milz und allen anderen Organen machen – und das alles nur, damit die Abrechnungsvoraussetzungen für die Einzelleistung Sonografie erfüllt sind. In der HZV erhalte ich einen Zuschlag zur Vorhaltung des Geräts und mache damit die Untersuchungen, die nötig sind. Wenn jemand mit Unterbauchschmerzen rechts kommt, interessiert mich im ersten Moment nur, ob der Blinddarm entzündet ist. Das ist eine Frage von zwei Minuten. Im KV-System dauert es zehnmal so lang und bringt keine zusätzliche medizinische Information. Das ist Überversorgung, die teuer fürs System ist und dem Patienten keinen Mehrwert bietet.

Und wenn man auf den Alltag schaut, wird auch klar, warum: Viele erleben heute eher das Gegenteil von Selbstbestimmung. Sie kämpfen sich durch unklare Zuständigkeiten, lange Wartezeiten und widersprüchliche Informationen. Eine gut organisierte Primärversorgung stärkt aus meiner Sicht die Autonomie, weil Entscheidungen informierter werden und weil jemand hilft, durch das System zu navigieren. Die HZV-Daten zeigen deutlich, dass das zu einer besseren Versorgung und damit mehr Gesundheit für die Patienten führt.

Mit HÄPPI gehen wir jetzt noch einen Schritt weiter und binden akademisch ausgebildetes Personal ein – Primary Care Manager, Physician Assistants, Community Health Nurses und andere. Das erlaubt uns, deutlich mehr Patienten zu versorgen, bei gleicher Zahl an Arztköpfen. Laut der Bertelsmann-Studie vom März 2026 könnten wir durch konsequente Delegation bis zu 200 Prozent der bisherigen Versorgungsleistung erbringen. Damit wird die Primärversorgung im Bestand gestärkt.

Viele Konzepte und Pilotprojekte sind daher dauerhaft auf Drittmittel angewiesen – vom Innovationsfonds, von Stiftungen oder sonstigen Förderungen. In der HZV gehen wir einen anderen Weg. Für HÄPPI haben wir mit der AOK Baden-Württemberg einen Zuschlag verhandelt, der an Bedingungen geknüpft ist. So schaffen wir Anreize für die Praxen, Innovationen umzusetzen, und bieten ihnen dafür auch planbare und beständige Rahmenbedingungen.

Ich habe vor einigen Jahren einen digitalen Telefon-Concierge angeschafft, um MFAs vom Telefon zu entlasten. In der Realität haben wir gemerkt, wie viele Anrufe bisher einfach unbemerkt geblieben waren. Am ersten Tag hatten wir plötzlich 600 Anrufe. Ein Anbieter hat uns irgendwann gesagt, wir seien eigentlich ein Callcenter mit angeschlossener Hausarztpraxis. Aber das zeigt auch, wie digitale Lösungen die Erreichbarkeit stärken können – und wie wichtig es ist, dass digitale Lösungen ganzheitlich in die Praxisprozesse integriert sind.

Das zeigt, dass die Kommunikationsmöglichkeiten oft nicht gut in die Workflows eingebunden sind. Ob TIM hier helfen kann, wird sich zeigen – noch ist der Messenger zu wenig verbreitet, um als verlässliche Kommunikationsplattform zu tragen.

Die Bundesregierung muss das Rad nicht neu erfinden. Sie kann auf das aufsetzen, was in 18 Jahren gewachsen ist und wissenschaftlich belegt funktioniert. Ein Primärversorgungssystem wird dann besser, wenn es für Patienten einfach, verlässlich und verständlich ist – und wenn Verantwortung dort liegt, wo Versorgung koordiniert werden kann: in der Hausarztpraxis.

Entwicklung und Einführung digitaler Steuerungsinstrumente sollten konsequent mit der Versorgungspraxis erfolgen – mit Pilotierungen, Evaluation und einem klaren Blick auf Umsetzbarkeit. Leider mussten wir in den Praxen in der Vergangenheit oft unfertige und undurchdachte digitale Lösungen umsetzen – das fördert natürlich nicht die Begeisterung für neue digitale Konzepte.

Wenn wir Steuerung und Digitalisierung richtig machen, profitieren am Ende alle: Patienten durch mehr Orientierung und zielgerichtete Versorgung, Teams durch bessere Arbeitsbedingungen und das System durch weniger unnötige Kontakte und gesündere Menschen.

(mack)