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18.12.2025
05:44 Uhr
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Das Start-up Nelly legt sich als zusätzliche Software-Schicht um das Praxisverwaltungssystem und will unter anderem Aufnahme und Abrechnung erleichtern.

Viele Arzt- und Zahnarztpraxen stehen vor ähnlichen Problemen: Die technische Basis reicht von Jahrzehnte alten Praxisverwaltungssystemen bis hin zu neueren oder verschiedenen Cloud-Diensten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an den Datenschutz, durch die Anbindung an das Gesundheitsnetz und komplexe Abrechnungswege.
Anbieter wie Nelly Solutions werben damit, die „komplette Patientenreise“ zu digitalisieren – von der Anamnese über Dokumente bis hin zur Bezahlung. Im Gespräch erläutert Mitgründer Lukas Eicher, wie sich das Angebot einordnen lässt und wo das Start-up bewusst Grenzen zieht.
Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: Sie bekommen zum Beispiel einen Link oder QR-Code, füllen Anamnese- und Einwilligungsdokumente auf dem eigenen Smartphone aus, unterschreiben digital und erhalten Rechnungen später digital, die sie online oder per Kartenzahlung begleichen können. Wir ersetzen also weder die Praxisverwaltungssysteme noch die TI, sondern legen uns wie eine zusätzliche Schicht darum herum und automatisieren die Abläufe vor und nach diesen Systemen.
Parallel dazu setzen wir auf Zertifizierungen und Prüfungen: Wir sind im Prozess für eine C5-Testierung, hatten zuvor TÜV-Datenschutzprüfungen – das ist eher Signaleffekt, aber bei Gesundheits- und Finanzdaten wird dort schon strenger geschaut. Wir haben ein internes Kontrollsystem, und sowohl unser CTO als auch ich bringen langjährige Erfahrung aus regulierten Umfeldern wie Finanzdienstleistungen, qualifizierter elektronischer Signatur und ISO-27k-nahen Setups mit.
Technisch setzen wir auf Industriestandards: sichere Softwareentwicklung, definierte Test- und QA-Prozesse, saubere Verschlüsselung „at rest“ und „in transit“ und regelmäßige Überprüfung unserer Sicherheitsarchitektur.
Was Datenschutz- und IT-Sicherheitsvorgaben der EU angeht, mussten wir unsere Prozesse bislang nicht grundlegend anpassen, weil wir vieles schon vorher so umgesetzt hatten, dass wir uns im Rahmen der verschärften Anforderungen bewegen.
Ein Teil des Marktes schreit laut nach Datenschutz, lebt ihn aber in entscheidenden Bereichen nicht wirklich. Bei Themen wie Auskunfteien würde man in anderen EU-Ländern manche Praktiken gar nicht zulassen, die hier gang und gäbe sind.
Und in der Praxis: Manche Praxen haben kein großes Interesse, sich tief in Datenschutz- oder Sicherheitskonzepte einzuarbeiten, andere schon. Für diese Fälle haben wir Datenschutz-Folgenabschätzungen, detaillierte Unterlagen und Prozesse, aber die Nachfrage ist weniger flächendeckend, als man glauben könnte.
Ich bin nicht unglücklich darüber, dass wir selbst keine unmittelbaren TI-Schnittstellen betreiben. Ebenso versuchen wir, soweit möglich, Zulassungen als Medizinprodukt zu vermeiden – die regulatorische Komplexität steigt enorm, sobald man tief in medizinische Kernprozesse hineingeht. Unser Schwerpunkt liegt bewusst auf administrativen Prozessen, Kommunikation und Abrechnung.
Unser Vertriebsmodell setzt auf viel persönliche Interaktion. Wir haben lokale Büros in München, Köln, Hamburg und Heidelberg, jeweils mit etwa fünf bis zehn Personen für Vertrieb, Onboarding und Betreuung vor Ort. Das lohnt sich nur, wenn pro Praxis ein gewisser Umsatz möglich ist. In Fachbereichen, in denen das Softwarebudget bei 49 Euro im Monat gedeckelt ist, rechnet sich dieser Aufwand schlicht nicht.
Wir haben im letzten Jahr in einigen anderen Fachbereichen experimentiert, sind aber seit diesem Jahr strategisch wieder stärker auf Tiefe im Dentalbereich gegangen. Wenn man nicht nur Finanzprodukte, sondern auch Software zur Prozessautomatisierung anbietet, muss man sehr tief in die fachbereichsspezifischen Abläufe und Dokumentation einsteigen – inklusive angepasster Schnittstellen und Logik. Das ist pro Fachrichtung ein erhebliches Investment und das müssen wir uns daher gut überlegen.
Ich verstehe diese Vorbehalte. Im Factoring- und Inkassobereich gibt es Player, die sich ihren Ruf über teils sehr harte Inkassopraktiken aufgebaut haben. Das ist nicht unser Ansatz. Unser Geschäftsmodell basiert nicht darauf, kleine Unternehmen mit Dumpingpreisen aus dem Markt zu drängen. Es gibt meines Wissens auch kein Unternehmen, das macht, was wir machen.
Wir verwenden das Kapital, um Software, Integrationen und eine starke, regionale Betreuung aufzubauen. Das führt zu schnellem Wachstum – heute sind wir am Berliner Hauptstandort zwischen 90 und 100 Personen, dazu kommen die lokalen Büros. Aber unser Ziel ist, nachhaltige, besser organisierte Prozesse in Praxen zu etablieren, nicht kurzfristig Marktanteile um jeden Preis einzusammeln.
(mack)