FAZ 21.01.2026
19:12 Uhr

zwei tödliche Unglücke: Spanische Lokführer wollen nicht mehr fahren


Nach nunmehr zwei tödlichen Zugunfällen binnen 48 Stunden gehen spanische Lokführer in den Streik: Sie fordern ein sichereres Netz – für sich und die Fahrgäste.

zwei tödliche Unglücke: Spanische Lokführer wollen nicht mehr fahren

Die spanischen Lokführer haben Angst und wollen nicht mehr fahren. Ihre Gewerkschaft SEMAF hat zum Generalstreik aufgerufen, um die „Sicherheit und Zuverlässigkeit des Netzes einzufordern“. In nur 48 Stunden waren bei zwei Zugunglücken zwei ihrer Kollegen ums Leben gekommen. Am Sonntag starb der Lokführer des Alvia-Zuges, der in Andalusien mit einem entgegenkommenden Iryo-Zug kollidiert war. Am Dienstagabend verlor ein Auszubildender auf einer Übungsfahrt in Katalonien im Führerstand einer Regionalbahn das Leben. Die Stützmauer einer Autobahn war eingestürzt und hatte die Spitze des „Rodalies“-Regionalzugs unter sich begraben. Insgesamt 37 Menschen wurden verletzt. Kurz zuvor war an der Küste bei Maçanet ein weiterer Regionalzug mit Felsen zusammengeprallt und entgleist, ohne dass es Verletzte gab. Das schwere Unwetter, das am Dienstag über Katalonien niederging, wird als Ursache für beide Unglücke vermutet. Doch nach Ansicht der spanischen Lokführer reicht das Problem viel weiter. Die SEMAF-Gewerkschaft hält den „ständigen Niedergangs der Eisenbahn für untragbar“. Sie verlangt dringende Maßnahmen, um die Sicherheit des Personals und der Passagiere zu gewährleisten, deren Hochgeschwindigkeitszüge bis vor Kurzem einen wichtigen Teil des spanischen Nationalstolzes ausmachten. Lokführer berichten von ungewöhnlichen Vibrationen Schon vor dem Alarm der Lokführer zogen die Behörden die Notbremse. In Katalonien ruht seit dem tödlichen Unfall zwischen Gelida und Sant Sadurní d’Anoia aus Sicherheitsgründen der gesamte Regionalverkehr. Es kam zu einem Verkehrschaos, denn täglich nutzen mehr als 400.000 Menschen diese Züge. Nach den starken Regenfällen wurde zunächst das Streckennetz überprüft. Doch die Rodalies sind schon seit Jahren unzuverlässig, veraltet und überlastet; Störungen häufen sich. Die dringend notwendige Modernisierung kommt nur langsam voran, Bauarbeiten behindern zusätzlich den Verkehr. Auch die 2008 eröffnete Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Madrid und Barcelona ist in die Jahre gekommen. Wie groß nach dem Unglück in Andalusien die Nervosität geworden ist, zeigt die Geschwindigkeitsbegrenzung, die am Dienstag kurzfristig auf einem 150 Kilometer langen Teilstück verhängt wurde: Statt 300 Kilometer in der Stunde durften die Züge maximal 160 fahren. Nach einer Prüfung in der Nacht zum Mittwoch wurde die Geschwindigkeitsbeschränkung auf einem Abschnitt zwischen Madrid und Saragossa auf knapp 80 Kilometer verringert. Lokführer hatten ungewöhnliche Vibrationen gemeldet, die auch Fahrgästen aufgefallen waren. Sie waren deshalb schon aus eigenem Antrieb langsamer gefahren, was auch ihre Gewerkschaft empfahl: Am Mittwoch berichteten Passagiere auf dem Weg nach Barcelona von Durchsagen, laut denen ihr Zug nicht schneller als 230 Kilometer fahren werde. Die Gewerkschaft SEMAF hatte schon im vergangenen August den Netzbetreiber Adif und die Eisenbahnsicherheitsagentur vor dem schlechten Zustand der Strecken gewarnt, die Madrid mit Barcelona, Andalusien und Valencia verbinden. Seit der Liberalisierung des spanischen Hochgeschwindigkeitsverkehrs vom Jahr 2021 an hat der AVE des früheren Staatsmonopolisten Renfe mit Ouigo und Iryo zwei private Konkurrenten. Die Passagierzahl stieg um mehr als 75 Prozent. Es sind viel mehr Züge unterwegs, die das Netz offenbar an seine Grenzen bringen. Pannen, Ausfälle und Verspätungen häuften sich und erinnerten auf einmal an Zustände wie in Deutschland. Dazu kamen zahlreiche Baustellen und Probleme mit dem neuen Talgo-Zug „Avril“. Nun 43 Tote bei Zugunglück nahe Córdoba Es ist nicht lange her, da hatte der spanische Verkehrsminister Óscar Puente stolz gesagt, dass „der Zug in Spanien gerade seinen besten Moment“ erlebe. Bald werden nach seinen Worten die Züge nach Barcelona 350 Kilometer schnell fahren. Dafür soll die Strecke ähnlich überholt und zusätzlich modernisiert werden wie die nach Sevilla, auf der es am Sonntag trotzdem zu dem Unfall kam. Am Mittwoch stieg dort die Zahl der Toten auf 43, und die Ermittlungen gingen weiter. Nachdem zuletzt die Schweißnähte der Schienen im Blick waren, richtet sich jetzt die Aufmerksamkeit auf die Wagen des Iryo-Zuges, der zuerst entgleist war. Nach Angaben des Verkehrsministers wurden an den ersten Waggons des Iryo-Zuges sowie an anderen Zügen, die zuvor denselben Streckenabschnitt passierten, ungewöhnliche Einkerbungen festgestellt. Sie befanden sich an den Drehgestellen, die der Führung der Räder dienen.