FAZ 05.03.2026
17:40 Uhr

„wie in einem Hollywoodfilm“: Wie sich die Tennisprofis ins „Paradies“ flüchteten


Auf verschlungenen Wegen kommen die Profis nach Ausbruch des Irankriegs ins „Tennis Paradise“ zum Turnier nach Indian Wells. Dabei entsteht auch Unmut über das Vorgehen des Dachverbands ATP.

„wie in einem Hollywoodfilm“: Wie sich die Tennisprofis ins „Paradies“ flüchteten

Live-Berichterstattung von einem leichten Tennistraining, so etwas bekommen TV-Zuschauer nicht alle Tage geboten. Doch am Mittwoch um kurz nach 18 Uhr Ortszeit steht der Reporter vom südkalifornischen Sender KESQ in der hintersten Ecke des weitläufigen Indian Wells Tennis Garden und erklärt vor laufender Kamera, wer gerade hinter ihm auf „Platz 9“ den Schläger schwingt: Daniil Medwedew ist da! Dass mit dem früheren Weltranglistenersten auch seine Profikollegen Andrej Rublew und Karen Chatschanow wohlbehalten zum ersten Mastersturnier des Jahres gekommen sind und ein paar Plätze weiter ihre ersten Bälle unter Flutlicht schlagen, ist eine der besten Nachrichten aus der wüstensturmumtosten Gegend. Nach seinem Turniersieg am vergangenen Samstag hatten Medwedew und seine russischen Kumpel drei Tage in Dubai im Hotel festgesessen und die Emirate nicht verlassen können, weil nach dem Beginn des Irankrieges der Luftraum gesperrt war. „Wie in einem Hollywoodfilm“ Medwedew äußerte sich nach seiner Ankunft in Indian Wells zunächst nur gegenüber russischen Medien dazu, wie er Dubai trotz des gesperrten Luftraums entronnen ist. Ein Fahrer habe ihn und seinen Trainer Thomas Johansson über die Grenze nach Oman gebracht. Für die rund 450 Kilometer lange Fahrt durch die Wüste hätten sie sieben Stunden benötigt. Nach einer Übernachtung in Oman, wo sie auf Rublew, Chatschanow und deren Teams stießen, flogen sie als russische Reisegruppe nach Istanbul und tags darauf weiter nach Los Angeles. Wenn er die abenteuerliche Reise in all ihren Details nachvollziehe, sagte Medwedew in Kalifornien, „fühlt man sich wie in einem Hollywoodfilm“. Andere Tennisprofis, die ebenfalls in den Vereinigten Arabischen Emiraten festgesessen hatten, wie Medwedews verletzter Finalgegner Tallon Griekspoor (Niederlande) und die Doppelspieler Harri Heliovaara (Finnland) und Henry Patten (Großbritannien) waren glücklich, einen Flug nach Mailand ergattert zu haben. Die Profiorganisation ATP bestätigte, dass die meisten der zuvor beim Dubaier Finalwochenende aktiven Spieler sowie deren Trainer am Mittwoch „erfolgreich auf ausgewählte Routen gestartet“ seien. „Die Sicherheit und das Wohlergehen unserer Spieler, der Betreuer und des Mitarbeiterstabs haben für uns höchste Priorität“, teilte die ATP mit. Man bleibe mit denjenigen in Kontakt, für die noch keine Lösung gefunden wurde. Challengerturnier kurz nach Alarm abgebrochen So war am Donnerstag zunächst noch unklar, ob die restlichen in Dubai Gestrandeten es rechtzeitig zum Mastersturnier nach Indian Wells schaffen. Die Amerikanerin Coco Gauff wartet dort auf ihren Coach Gavin MacMillan. „Ich weiß nicht, ob er wegkommt. Ich will nur, dass er sicher ist“, sagte die Weltranglistenvierte. Ebenfalls in Kalifornien ersehnt wird die Doppelformation Marcelo Arevalo/Mate Pavic (El Salvador/Kroatien), die als Titelverteidiger in Indian Wells vorgesehen war. „Es gibt bestimmte Szenarien, die man nicht kontrollieren können“, sagte Jannik Sinner, als er in Indian Wells nach dem Krieg im Nahen Osten und den Folgen gefragt wurde. Er sei aber sicher, dass die ATP ihr Bestmögliches tue. Dazu gab es auch andere Meinungen. Vor allem unter jenen, die in den vergangenen Tagen in Fudschaira festsaßen. Die Teilnehmer des dortigen Turniers der zweitklassigen ATP-Challengerserie waren am Dienstag von einem iranischen Luftangriff überrascht worden. Nachdem die Trümmer einer abgewehrten Drohne ein Ölterminal im 13 Kilometer entfernten Hafen in Brand gesetzt hatten, wurden Spieler, Schiedsrichter und Ballkinder aufgefordert, die Tennisplätze schleunigst zu verlassen. Das Challengerturnier wurde kurz nach dem Alarm abgebrochen. Die folgende Krisenbewältigung der ATP wurde jedoch von einigen Spielern kritisiert. Zunächst hatte die Profiorganisation angekündigt, „gegebenenfalls“ ein Flugzeug zu chartern, mit dem die Tennisprofis ausreisen könnten – für 5000 Euro je Sitzplatz. „Das ist zwar etwas mehr als die Siegprämie bei dem Turnier abzüglich Steuern, aber ich weiß die Geste zu schätzen“, kommentierte der russische Challenger-Spieler Marat Scharipow nicht ohne Ironie. Kurz darauf hieß es, ein Drittanbieter würde die Reiseplanung übernehmen. Nach dem das Hin und Her publik wurde, übernahm die ATP letztlich die Kosten für den Flug, der am Donnerstag starten sollte. Diejenigen, die schon seit Tagen in Indian Wells trainieren, hoffen, die letzten Gestrandeten bald begrüßen zu können. „Es ist brutal, sich damit beschäftigen zu müssen“, sagte Ben Shelton. Schon als es neulich während des ATP-Turniers in Acapulco zu Unruhen in Mexiko gekommen sei, habe er um einige Freunde gefürchtet, sagte der Weltranglistenachte aus den USA. In diesen Kriegstagen sei es genauso. „Wir reden die ganze Zeit darüber und beten für all die Menschen, die gerade in einer solchen schwierigen Situation stecken, und ihre Familien.“ Gleichwohl geht das Turnier, das am Mittwoch im selbsternannten „Tennis Paradise“ begonnen hat, fröhlich weiter. Medwedew wird am Samstag einsteigen, seine Mitreisenden Rublew und Chatschanow am Freitag.