Wagenburg-Flair lag in der Stimme von Norbert Dickel, als sich die Gedanken und Gefühle der 80.000 Menschen im Westfalenstadion zu einem erstaunlichen Gefüge zusammensetzten. Der Stadionsprecher feierte in der 89. Minute mit sich überschlagender Stimme den Torschützen zum 3:2, drei Mal schrie er: „Karim“, die Dortmunder Anhänger brüllten jeweils: „Adeyemi“. Glückshormone strömten, vermutlich dachten aber auch viele an ein paar Dinge, die nichts mit Fußball zu tun haben. An die Schlagringe, die Sturmhauben und die Messer, die in den Tagen zuvor recht unmittelbar mit dem Namen Adeyemi in Verbindung gebracht worden sind. Die Reporter riefen und schrieben: „Ausgerechnet Adeyemi!“ Der streitbare Spieler könne „ein Gamechanger“ sein, sagte Trainer Niko Kovac später, „er hat der Mannschaft geholfen, er ist so stark, ist so schnell.“ „Seine Situation ist sicher keine einfache“ In der Nachspielzeit wurde zwar Deniz Undav zur noch heller leuchtenden Hauptfigur dieses Spiels, weil er mit seinem dritten Tor des Tages zum 3:3 traf. Aber die Adeyemi-Geschichte, die seit der Länderspielpause zu den größten Fußballaufregern der Nation zählt, blieb ein großes Thema. „Seine Situation ist sicher keine einfache“, sagte Kovac, über den Profi, der wegen illegalen Waffenbesitzes zu einer Zahlung von 450.000 Euro verurteilt worden ist. Immer neue Kommentare und Details haben Borussia Dortmund, die Nationalmannschaft, die Kabine beim BVB, viele Anhänger und die Trash-Talker in den Sozialen Medien bewegt. Rudi Völler, der Sportchef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sagte unter der Woche, auch er habe als junger Spieler „viele Fehler gemacht“. Zwar „nicht solche“, aber „wichtig ist auch, solche Spieler mal in den Arm zu nehmen“. Kovac betonte mehrmals, wie eng sein Verhältnis zu Adeyemi sei. Lars Ricken, der Sportchef des BVB, sagte: „Karim hat uns versprochen, einen solchen Fehler nicht erneut zu machen. Wir vertrauen ihm, dass er sich daran hält.“ Längst geht es auch darum, Schaden von der Marktwertentwicklung des Profis abzuwenden. Wie einsichtig Adeyemi wirklich ist, bleibt unklar. Sein Jubel nach seinem Tor wirkte wie das Gegenteil von Einsicht und Demut. Auf dem Weg vor die Südtribüne ließ er seine Hand auf- und zuschnappen, als wolle er seinen Kritikern entgegnen: Redet doch was ihr wollt! Die Einwechslung, der beeindruckende Treffer, die Gestik, die anschließende Diskussion – die Story, die die Verantwortlichen beim BVB gerne abmoderieren würden, hat am Wochenende an Brisanz gewonnen. Weil hier einer der begabtesten Spieler Deutschlands, ein Mann mit sehr, sehr seltenen Fähigkeiten, offenkundig seine Teams belastet und seine Karriere beschädigt. Ein Fußballer, der aufgrund seines Tempos und seiner Wendigkeit das Potenzial zum Weltklassespieler hat und an sich selbst zu scheitern droht. Ein Teleskopschlagstock, zwei Sturmhauben, drei Messer, zwei Schlagringe und ein Blendlicht sollen sich in der bei Tiktok erworbenen „Mystery Box“ befunden haben, mit der der 23 Jahre alte Profi erwischt worden ist. Der Taser, von dem in ersten Berichten ebenfalls die Rede war, fehlte offenbar in der Waffensammlung, die gleichwohl klingt, als sei sie für Menschen zusammengestellt worden, die weit mehr planen als nur eine Maßnahme zur Selbstverteidigung. Torhüter Gregor Kobel sagte nach dem Stuttgart-Spiel: „So wie die Story war, ist das natürlich mega unglücklich für ihn. Er hat super Pech gehabt. Vor allem auch: Was für eine Strafe, mein lieber Freund!“ Neigung zum Starrsinn Adeyemi verschwieg den Vorfall zunächst, offenbar in der Hoffnung, der Vorgang ließe sich geheim halten. So hat es Völler dargestellt. Zudem erweckte der Fußballprofi den Eindruck, den Inhalt der Mystery Box nicht gekannt zu haben, obgleich im Strafbefehl, aus dem die „Bild“ zitiert, anscheinend anderes steht. Dort spricht die Polizei Adeyemi direkt an. Es handle sich um „ein von Ihnen zuvor bestelltes Paket, in welchem sich, wie sie wussten u.a. ein Schlagringmesser, ein Schlagring und ein Elektroimpulsgerät befanden“. Dieses Paket ist „in einer Filiale der Deutschen Post“ abgeholt worden, „obgleich Ihnen bewusst war, dass Sie nicht zum Erwerb und Besitz dieser Gegenstände berechtigt waren“. Weil Adeyemi keinen Einspruch einlegte, kann angenommen werden, dass diese Version korrekt ist. Nach einem erwachsenen und gereiften Verhalten klingt das Krisenmanagement eher nicht. Der Dortmunder Sportchef Ricken weist zu Recht darauf hin, dass Adeyemi „eine teure Strafe leisten musste, niemand geschädigt wurde und der Spieler auch weiterhin als nicht vorbestraft gilt“. Dass Adeyemi sich öffentlich einsichtig zeigt, ist das Mindeste. Ob er allerdings tatsächlich etwas aus dem Vorgang gelernt hat, bleibt unklar. Denn der Angreifer ist für seine Neigung zum Starrsinn bekannt. Kaum eine Partie des BVB geht ohne persönliche Debatte zwischen Kovac und dem Nationalspieler am Spielfeldrand über dessen taktisches Verhalten zu Ende. Oft handelt es sich nicht nur um Hinweise des Trainers, sondern um für das gesamte Publikum erkennbare Kontroversen. Adeyemi scheint oft genug zu glauben, es besser zu wissen. Dass Kovac diesen Spieler trotzdem öffentlich fast nur lobt, ist verdächtig. Ist doch dieser Trainer bekannt dafür, gerade sensible Konstellationen intern zu klären, um keine Störgeräusche zu verursachen. Doch solche Störungen erzeugt Adeyemi regelmäßig. Nur wenige Tage vor der Mystery-Box-Geschichte hat er mit einem Flaschenwurf aus Zorn nach einer Auswechslung für Schlagzeilen gesorgt. Dabei war vor wenigen Wochen noch gemutmaßt worden, dass ein echter Reifeschritt gelungen sein könnte. Adeyemi wirke „auf Beobachter geradezu erwachsen“, war Anfang Oktober in der „Süddeutschen Zeitung“ zu lesen, inklusive einer möglichen Erklärung: Weil seine sechs Jahre ältere Gattin, die Hip-Hop-Sängerin Loredana, „eine sechsjährige Tochter aus ihrer ersten Ehe mit in den Haushalt gebracht hat, ist das Leben inzwischen auch angefüllt mit Stetigkeit, Verantwortung, Kümmern“. Wenn Adeyemi den Vorfall mit der Mystery Box vernünftig bewältigt hätte, wäre diese Einschätzung weiterhin vorstellbar. Ereignet hat sich der Waffenvorfall im Sommer 2024. Erwischt wurde der BVB-Profi damals aufgrund einer Verwechslung: Ein Freund sollte eine andere Postsendung zu einem Besuch an Adeyemis Urlaubsort mitbringen und wurde am Flughafen mit dem versehentlich eingepackten Waffenpaket erwischt. In den 16 Monaten, die seither vergangen sind, kann ein junger Mensch sich positiv entwickeln, zumal er mit Kovac einen ausgesprochen wohlwollenden Trainer hat. Aber der Umgang mit der Geschichte widerspricht dieser Annahme. Vielmehr stellt sich die Frage, wie es um das Unrechtsbewusstsein des Stürmers bestellt ist und in was für einem Milieu er unterwegs ist, um sich für den Kauf einer Mystery Box mit so einem Inhalt zu interessieren. Beraterwechsel deutet auf Vereinstausch hin Wie sich der Einfluss von Adeyemis Ehefrau Loredana auswirkt, ist Gegenstand von Spekulationen. Die Rapperin, die 2024 in der Jury der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ saß, hatte 2019 selbst mit der Justiz zu tun. Damals wurde sie in ihrer damaligen Wohnung in Luzern in der Schweiz festgenommen. Die Künstlerin stand unter Verdacht, an einer Straftat beteiligt gewesen zu sein, in deren Rahmen ein mittlerer sechsstelliger Franken-Betrag von einem älteren Ehepaar ergaunert wurde. Auch ihr Bruder war verwickelt. Loredana gestand zwar, sich gegenüber dem geschädigten Ehepaar unrechtmäßig als Rechtsanwältin ausgegeben zu haben, stritt aber ab, gegen Gesetze verstoßen zu haben. Nach einer außergerichtlichen Einigung, in deren Rahmen eine Wiedergutmachung gezahlt wurde, ist das Verfahren wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug eingestellt worden. Adeyemis Wechsel zu dem international umtriebigen Berater Jorge Mendes deutet darauf hin, dass er einen Vereinstausch plant. Darin liegt die Kernkompetenz des Portugiesen. Als Vertrauter, der als moralischer Kompass taugt und seine Spieler vor Fehlern bewahrt, gilt Mendes eher nicht. Torhüter Kobel sprach nach Adeyemis Treffer gegen Stuttgart von der „genau richtigen Reaktion, die es braucht“. Um ein großer Fußballspieler zu werden, wird Karim Adeyemi andere Antworten geben müssen als ein paar Dribblings, Sprints und Tore.
