Auf der Zugfahrt nach Regensburg, um vor Gericht ihre Aussage zu machen, hat sie sich andauernd umgeschaut. Aus Angst. Seit dem 3. Juli 2025 hat sie diese Angst, vor allem in Zügen. Angst hat sie oft auch zu Hause, manchmal bittet sie dann einen ihrer Söhne, in ihrem Zimmer zu schlafen. Auch, weil sie nach wie vor um ihre Kinder fürchtet. Es waren diese Schutzinstinkte, die die 52 Jahre alte Frau am 3. Juli 2025 dazu brachten, sich mit ausgebreiteten Armen vor ihre beiden Söhne und ihre Tochter zu stellen, als ein Mann mit Axt und Hammer bewaffnet zu ihrem Viererplatz in Waggon 34 des ICE 91 kam. So schildert es die Syrerin am Dienstag im Landgericht Regensburg. Der mutmaßliche Angreifer, vor dem sie ihre Kinder schützen wollte, sitzt während ihrer Aussage direkt hinter ihr. Man hatte ihren Zeugenstuhl extra so gestellt, dass sie ihm den Rücken zuwenden kann. Als eine Richterin sie bittet, sich umzudrehen, um den Mann als den Angreifer zu identifizieren, schafft sie das nicht. Die Vorsitzende Richterin fragt anders: „Haben Sie ihn denn heute im Saal gesehen?“ „Ja, aber damals hatte er die Haare anders. Er trug so etwas, das Mädchen tragen, einen Haarreif.“ Als Beruf gibt sie Hausfrau an, mit Kopftuch und langem Gewand sitzt sie auf ihrem Stuhl und blickt die ganze Zeit zu ihrem Dolmetscher, der die Fragen des Gerichts übersetzt. Ihre Aussagen setzen ihr zu. Als sie später den Saal verlassen will, schafft sie es vor Schwäche nur zur Richterbank. Dann springen der Dolmetscher und ihr Anwalt hinzu, um sie unterzuhaken und nach draußen zu bringen. Zu den Vorwürfen äußert sich der Beschuldigte nicht Mohamad A. braucht auch ein wenig Unterstützung, als er in den Saal geführt wird, das liegt allerdings an den Fußfesseln und an seinem Bauchgurt, durch dessen Metallring vorne die Ketten der Handfesseln geführt werden. Der 21 Jahre alte Syrer hat ein kantiges Gesicht, einen blonden, ziemlich rausgewachsenen Undercut, trägt ein weißes Hemd samt Krawatte mit rot-blauen Querstreifen und Sneaker zur grauen Jeans. An seinem rechten Ohr hat er ein großes Pflaster, zudem zieht sich eine längliche Wunde vom Ohr bis fast zum Kinn. Zu den Vorwürfen wird er sich nicht äußern, einen Beruf hat er keinen, nur mal „sechs Monate in einem Lager“ gearbeitet, wie sein Dolmetscher übersetzt. Zuletzt gewohnt hat er in Wien. Der durchtrainierte, muskulöse Mann sitzt mit hochkonzentriertem Blick auf der Anklagebank, nimmt ab und zu einen Schluck aus der Wasserflasche und erwartet sein Sicherungsverfahren wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Das Verfahren soll ihn nach Forderung der Staatsanwaltschaft in die geschlossene Psychiatrie bringen – um die Gesellschaft vor ihm zu schützen. Laut Staatsanwaltschaft hat er die Tat im ICE im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen, er leidet demnach an einer „Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis“. Das führe zu paranoiden Ausprägungen mit Wahnideen. Der Mann fühle sich bedroht, leide unter Ich-Störungen und Realitätsverlust. Der Mann habe blutunterlaufene Augen gehabt Die Syrerin war am 3. Juli 2025 mit ihren drei Kindern – den 24 und 15 Jahre alten Söhnen und der 19 Jahre alten Tochter – auf dem Weg von Hannover nach Passau, um dort alte Freunde zu besuchen. In Passau haben sie länger gewohnt, alle hatten sich in den Ferien eine Reise dorthin gewünscht. Mohamad A. war in Nürnberg in den ICE gestiegen, der nach Wien fuhr. Die Mutter schildert, dass A., den sie nicht kannten, schräg hinter ihr gesessen habe und plötzlich auf Arabisch zu ihrem älteren Sohn gesagt habe, dass dieser „mit seinen Freunden“ nach draußen kommen solle. Der Sohn sagte, dass es seine Familie sei, A. wiederholte seine Forderung. Sie habe gleich gemerkt, dass mit dem Mann etwas „nicht stimmte“, sagt die Frau am Dienstag. Er habe so „lang gezogen“ gesprochen und blutunterlaufene Augen gehabt. Ihrem Sohn hatte sie daher sofort gesagt, nicht weiter mit ihm zu reden. Laut Antragsschrift (in einem Sicherungsverfahren gibt es keine Anklage) begann A. dann gegen 13.52 Uhr in dem Waggon zu wüten, als der Zug etwa in der Nähe von Straßkirchen im niederbayerischen Landkreis Straubing-Bogen war: A. stand auf, nahm eine Axt in die rechte und einen Zimmererhammer mit Spitze in die linke Hand und lief an der Familie vorbei bis zum Eingang des nächsten Waggons, wo die Toiletten waren. Er blieb hinter der Glasschiebetür stehen und fixierte die Familie. Er habe die Werkzeuge in den Händen hin- und hergeschwungen, sagt die Mutter aus. Die Mutter erkannte die Gefahr Sie erkannte die Gefahr und sagte ihrem jüngeren Sohn, er solle die Polizei rufen – „ich dachte, er macht auf der Straße damit etwas“. Doch dessen Handy hatte auf der Strecke keinen Empfang. Ein anderer Reisender, ein Lokführer, der im Zug als Passagier unterwegs war, hatte die Werkzeuge in den Händen des Mannes ebenfalls gesehen und ging zu ihr, bot seine Hilfe an, bedeutete ihr, dass er die Polizei anrufen werde. Er ging zum Platz zurück, wählte die 110. Mohamad A. rannte daraufhin zu ihm und schlug dem Neunundzwanzigjährigen mit der Axt auf den Kopf, „um ihn zu töten“, brach ihm so das Stirnbein. Reisende zogen den Schwerstverletzten in einen anderen Waggon. Der Mann, der vier Kinder hat, war mehrere Monate berufsunfähig und trägt jetzt eine Metallplatte im Kopf. Der Angreifer drehte sich um und kam zu der Familie zurück. „Ich habe gesehen, dass er auf den Mann einschlug“, sagt die Mutter am Dienstag, „da wusste ich, dass wir jetzt in Gefahr sind.“ Mit Wucht wollte A. dann „in Tötungsabsicht“ den älteren Sohn treffen, mit dem er zuvor gesprochen hatte, wie der Staatsanwalt am Dienstag vorträgt. Doch die Mutter warf sich dazwischen. Er traf sie laut Antragsschrift mit der Axt am Kopf, holte nochmals aus, um auf ihren Sohn einzuschlagen, wieder schirmte die Mutter den Angriff mit ihrem Körper ab. Die Schläge brachen ihr Schädeldach. Die beiden Söhne kämpften mit A., der sie biss und trat und weiter mit seiner Axt zuschlug, um den älteren Sohn zu töten. Zudem versuchte A. im Kampf, den älteren Sohn zu würgen. Beide Söhne wurden von dem Angreifer schwer verletzt. Dem älteren Sohn gelang es schließlich, an die Axt zu kommen und zur Notwehr und „Verteidigung seiner Familie“ auf den Angreifer einzuschlagen. Weitere Reisende griffen ein, am Ende konnte der Mann am Boden fixiert werden. Vor der Polizei hatte die Mutter auch gesagt, dass der Angreifer dabei „Allahu Akbar“ gerufen habe. Vor Gericht sagt sie, dass ihr Sohn ihr das berichtet habe. Auch ein Soldat, der im Zug war, hatte nach ihren Worten dabei geholfen, den Mann zu überwältigen. Ihre Tochter saß bei den Angriffen weinend unter dem Tisch am Sitzplatz der Familie. Als ihre Brüder später mit dem Angreifer kämpften, gelang es der jungen Frau, den Hammer und die Axt, die ihr Bruder dem Mann abnehmen konnte, außer Reichweite zu bringen.
