FAZ 08.12.2025
13:03 Uhr

neuer Oberbürgermeister: Kieler Pragmatiker


Samet Yilmaz wuchs als Kinder türkischer Einwanderer im Kieler Osten auf. Als Oberbürgermeister übernimmt er eine hoch verschuldete Stadt.

neuer Oberbürgermeister: Kieler Pragmatiker

Samet Yilmaz hat im Wahlkampf um das Amt des Kieler Oberbürgermeisters stets auf etwas Abstand zu seiner Partei geachtet. Denn Rückenwind geht von den Grünen derzeit keiner aus. Etwa wenn er betonte, dass die Verkehrspolitik neben dem öffent­lichen Nahverkehr auch den Auto­verkehr berücksichtigen müsse. Oder wenn er auf seine eigene, „nicht typisch grüne“ Biographie verwies. Yilmaz Eltern kamen aus der Türkei zum Arbeiten nach Deutschland. Zu sechst lebte die Familie auf nur 50 Quadratmetern im migrantisch geprägten Kiel-Gaarden im Osten der Stadt. Yilmaz Stationen lauteten dann Hauptschulabschluss, mittlere Reife, später eine Lehre als Chemielaborant. Vorwürfe einer Kampagne Abitur machte er auf dem zweiten Bildungsweg, später studierte er Politik und Islamwissenschaft, Auslandsaufenthalte im arabischen Raum und in Israel folgten, schließlich eine Promotion. Im Anschluss arbeitete Yilmaz in der Bremer Innenbehörde, bevor er in das Innenministerium Schleswig-Holsteins wechselte, wo er zeitweise als Referatsleiter im Bereich des Verfassungsschut­zes tätig war. Im Wahlkampf stand diese Tätigkeit des Vierundvierzigjährigen zeitweise im Fokus, nachdem berichtet worden war, er habe sich für ein Fest türkischer Rechtsextremer in Kiel eingesetzt. Bestätigt wurden die Vorwürfe nicht, Yilmaz wies sie zurück, und die Grünen, die in der Kieler Ratsversammlung die stärkste Fraktion bilden, sprachen von einer Kampagne. Trotz der Vorwürfe setzte sich der Vater dreier Kinder nun bei der Stichwahl am Sonntag um das Amt des Oberbürgermeisters mit 54,1 Prozent gegen den parteilosen Kandi­daten durch, der von CDU und FDP unterstützt wurde. Yilmaz wird damit der erste grüne Oberbürgermeister Kiels sein – und der erste mit Migrationsgeschichte. Im Wahlkampf hat er selbstbewusst erklärt, „wer Gaarden kann, kann auch Oberbürgermeister“. Doch viel Zeit zum Einarbeiten bleibt ihm nicht, die Spitze der Kieler Stadtverwaltung befindet sich im Umbruch. Neben dem bisherigen Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD), der in die Landespolitik wechselt, scheiden auch zwei von fünf Dezernenten aus. Yilmaz, der aufgrund seiner pragmatischen politischen Haltung und der Herkunft seiner Eltern gern mit Cem Özdemir verglichen wird, will nun auf das Thema bezahlbarer Wohnraum setzen und die Pläne für eine Stadtbahn voranbringen. Doch beschäftigen dürfte ihn vor allem die Finanzkrise der Kommunen im Norden. Die betrifft Kiel in besonderem Maße. Im Mai verhängte die Landeshauptstadt deswegen eine Haushaltssperre. Yilmaz übernimmt eine hoch verschuldete Stadt und dürfte erst einmal kaum Spielräume für neue Projekte haben.