Für Børge Brende ist die Zeit der großen Auftritte vorbei. Der Vorstandsvorsitzende des Weltwirtschaftsforum (WEF), der im Januar in Davos noch US-Präsident Donald Trump interviewt hatte, tritt von seinem Amt zurück. Der ehemalige norwegische Außenminister zieht damit die Konsequenz aus seinen früheren Kontakten zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, die durch die Veröffentlichung einer Vielzahl neuer Dokumente jüngst bekannt geworden ist. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt für das Forum, seine wichtige Arbeit ohne Ablenkungen fortzusetzen, schrieb der 60-Jährige am Donnerstag in einer Pressemitteilung. Brende hatte das WEF, das jedes Jahr im Januar Spitzenpolitiker und Manager aus aller Welt zu einem Treffen in den schweizerischen Bergort Davos einlädt, achteinhalb Jahre geführt. Die beiden Ko-Vorsitzenden des WEF-Stiftungrats, der Roche-Erbe André Hoffmann und der Blackrock-Chef Larry Fink, dankten Brende für dessen „bedeutende Beiträge“ in einer für die Organisation entscheidenden Reformphase. „Wir respektieren seine Entscheidung zurückzutreten.“ Nach Informationen der F.A.Z. war Brende faktisch zum Rücktritt gezwungen. „Sein Verhalten widersprach dem Anspruch an Ethik und Moral, dem sich das WEF verpflichtet fühlt“, verlautete aus Kreisen des Forums. Mehrfach mit Epstein gegessen Nach den vom US-Justizministerium veröffentlichten Akten hatte Brende in den Jahren 2018 und 2019 an mehreren Abendessen mit Epstein teilgenommen. Außerdem tauschte er sich mit dem Finanzinvestor einige Male via E-Mail und SMS aus. Brende bezeichnete Epstein als „brillanten Gastgeber“ und bedankte sich für das „interessante Abendessen“ in dessen New Yorker Wohnung. Gemäß dem veröffentlichten Schriftverkehr diskutierten Brende und Epstein auch darüber, ob das Weltwirtschaftsforum ein Ersatz für die UNO sein könnte. Dazu schrieb Brende: „Genau – wir brauchen eine neue globale Architektur. Das WEF ist einzigartig positioniert.“ Epstein wiederum schickte Brende das Foto einer Frau, bei der er sich angeblich um Sara Netanyahu handelte, die Ehefrau des israelischen Ministerpräsidenten. Epstein bezeichnete sie als „Miss Piggy“ und schrieb, er werde an Brende denken, wenn er sie sehe. Daraufhin antwortete Brende: „Besser, in Erinnerung zu bleiben, als vergessen zu werden.“ In einer ersten Reaktion auf die Veröffentlichungen hatte Brende gegenüber dem WEF-Stiftungsrat erklärt, dass er von Epsteins krimineller Vergangenheit damals nichts gewusst habe. Nach Bekanntwerden der Anklage gegen Epstein im Juli 2019 habe er, Brende, seine Vorgesetzten beim WEF umgehend über seine Kontakte zu dem amerikanischen Geschäftsmann informiert. Sein damaliger Vorgesetzter war der WEF-Gründer Klaus Schwab. Doch dieser bestritt sogleich, jemals über Brendes Kontakte zu Epstein in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Gegenüber dem WEF-Stiftungsrat hatte Brende überdies erklärt, dass er sich nie mit Epstein eingelassen hätte, wenn er von dessen kriminellen Handlungen gewusst hätte. Zugleich drückte er sein Bedauern darüber aus, Epsteins Vergangenheit nicht gründlicher untersucht zu haben. Epstein sei ein Monster gewesen. Der WEF-Stiftungsrat beauftragte daraufhin einen externen Rechtsberater damit, den Fall zu untersuchen. Diese Überprüfung sei nun abgeschlossen, teilten Hoffmann und Fink mit. Und: „Die Ergebnisse zeigen, dass es keine weiteren Bedenken gibt, die über die bereits offengelegten hinausgehen.“ Zum Interimsvorsitzenden des Forums wurde Alois Zwinggi ernannt. Der frühere Holcim-Manager arbeitet seit 15 Jahren für das WEF. Der Stiftungsrat werde nun den Prozess zur Suche nach einem dauerhaften Nachfolger vorantreiben.
