FAZ 01.12.2025
17:45 Uhr

klub in der krise: Die Trainerdämmerung hat in Mainz begonnen


Trainer Bo Henriksen steht in Mainz vor dem Aus. Der Niedergang der 05er hat viele Gründe. Nicht alle haben mit ihm zu tun.

klub in der krise: Die Trainerdämmerung hat in Mainz begonnen

Nach Freiburg waren sie gefahren „mit dem Anspruch, den Turnaround zu schaffen“, wie Niko Bungert hinterher mit Leichenbittermiene ausführte. Zu sehen war davon nichts. Stattdessen eine plan-, hilf- und ideenlose Mannschaft, zweikampfschwach und bar jeglicher Durchschlagskraft, die angesichts eines Torschussverhältnisses von 1:24 mit der 0:4-Niederlage noch gut bedient war. Und mit der setzte offenbar ein Umdenken der sportlichen Führung in der Trainerfrage ein. „Das werden wir in Ruhe diskutieren und nicht im Fernsehen bekannt geben“, antwortete der Sportdirektor des FSV Mainz 05 im DAZN-Interview auf die Frage, ob Bo Henriksen noch der richtige Trainer sei. So viel Zurückhaltung hatten die Rheinhessen bei diesem Thema bis dahin nicht an den Tag gelegt, sondern nie einen Zweifel daran gelassen, die Niederungen der Bundesliga gemeinsam mit dem Dänen zu verlassen. Noch in der Mitgliederversammlung am Montag voriger Woche hatte der Vorsitzende Stefan Hofmann beteuert, der Vorstand stehe hinter dem Team und dessen Verantwortlichen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er freilich nicht ahnen, wie trostlos der Conference-League-Auftritt in Craiova (0:1) und jetzt die Partie beim SC Freiburg verlaufen würden. Wie sich die 05er im Breisgau vorführen ließen, war mitleiderregend. Ihnen dabei zuzuschauen, hatte etwas von Unfallgaffern auf der Autobahn. Unter diesen Eindrücken änderte sich der Ton. Was Bungert sagte, klang nach Trainerdämmerung. An gutem Gefühl mangelte es Bo Henriksen in den vergangenen Wochen nicht, zumindest trug er es als Mantra vor sich her. Es speiste sich aus Trainingseinheiten, aus der Stimmung innerhalb der Mannschaft, aus einzelnen Lichtblicken in den Spielen, zuletzt aus der in der Tat bemerkenswerten zweiten Halbzeit gegen die TSG Hoffenheim, die sich jedoch nicht beliebig oft wiederholen lässt. „Momentan sind wir nicht gut genug“ Ließen sich allein mit gutem Gefühl Spiele gewinnen, gehörten die Mainzer nach zwölf Spieltagen zur Spitzengruppe der Bundesliga – tatsächlich befinden sie sich inzwischen auf dem „völlig verdienten letzten Tabellenplatz“, wie Sport­direktor Bungert einräumte. Ob Henriksen noch die Hebel findet, um der ver­unsicherten Truppe den Glauben an sich selbst zu vermitteln? Die Zweifel wachsen. Alles zu hinterfragen, gehört in solchen Fällen zum Standardvokabular der handelnden Personen; Niko Bungert kündigte es am Sonntagabend an, „an allen Ecken und Enden“. Dabei werden Sportvorstand Christian Heidel und er auf Probleme stoßen, für die niemand etwas kann: Benedict Hollerbachs fünfwöchiger Verletzungsausfall zu Saisonbeginn, An­thony Cacis Zwangspause seit dem fünften Spieltag. Die Doppelbelastung von Bundesliga und Conference League, die kaum noch reguläre Trainingswochen zulässt. Die schon vier Roten und eine Gelb-rote Karte. Und: „Die meisten Spieler sind meilenweit von der Form der vorigen Saison entfernt“, sagt Stefan Bell. „Momentan sind wir nicht gut genug, um auf Bundesliganiveau mitzuhalten“ – das ist so wahr wie erschreckend. Deshalb dienen die Sperren von Dominik Kohr und Nadiem Amiri für das Debakel in Freiburg genauso wenig als Alibi wie die Rote Karte gegen Paul Nebel beim Stand von 0:2. Die Stützen der zurückliegenden Runde nämlich standen in den vergangenen Wochen oft genug neben sich. Hätte Amiri nicht ab und an ein Standardtor erzielt, wäre sein Mitwirken womöglich verborgen geblieben. Wenn Heidel und Bungert bei der Ursachenforschung nicht auf halber Strecke Halt machen, müssen sie sich zudem mit ihrer Transferpolitik auseinander­setzen, die keinen geringen Anteil am Niedergang hat. Insbesondere der Verzicht auf die Verpflichtung eines ge­standenen Mittelstürmers als Ersatz für 18-Tore-Mann Jonathan Burkardt hat sich als fataler Fehler erwiesen. Nachwuchskraft Nelson Weiper hatte zwar eine herausragende U-21-Europameisterschaft gespielt – aber eben unter Gleichaltrigen. In der Bundesliga wirkt er mit der Auf­gabe überfordert. In Freiburg gehörte er nicht mal mehr dem Kader an. Ab­ge­sehen vom Japaner Kaishu Sano und dem für eine Saison ausgeliehenen Moritz Jenz kamen die Neuverpflichtungen dervergangenen eineinhalb Jahre allen­falls auf ein paar gute Ansätze. Teilweise handelt es sich um Perspektivspieler, die in der U23 kicken, teils waren oder sind sie mit dem Bundesligafußball, wie Mainz 05 ihn spielen will und muss, überfordert. Stünde ein Nachfolger bereit? Bo Henriksen, der die 05er im Frühjahr 2024 vor dem scheinbar sicheren Abstieg gerettet und anschließend ins europäische Geschäft geführt hat, kam vorige Saison damit klar, als sein Personal überwiegend am oberen Limit kickte. Jetzt fehlen ihm die Optionen, erst recht an­gesichts der zahlreichen englischen Wochen. Ob er die Chance erhält, am Freitagabend gegen Borussia Mönchengladbach noch einmal auf der Bank zu sitzen, ist fraglich, aber nicht ausgeschlossen. Denkbar ist, dass der Verein an ihm festhält, weil auch einem neuen Mann vor Weihnachten kein anderes Personal zur Verfügung stünde. Und auf die Schnelle einen Nachfolger zu präsentieren, wäre ohnehin wohl nur möglich, falls Heidel und Bungert diesen bereits für den Fall der Fälle kontaktiert hätten. Denkbar ist allerdings auch, dass der Klub sich von Henriksen trennt und beispielsweise U-23-Coach Benjamin Hoffmann interimsmäßig mit der Aufgabe betraut, um in aller Ruhe an einer dauerhaften Lösung zu arbeiten. Die Hoffnung wäre dann, dass der unverbrauchte Mann mit einer neuen Ansprache vor allem mentale Blockaden löst und dadurch doch noch den einen oder anderen Punkt aufs Konto schafft, um die Ausgangslage für die Monate nach der Jahreswende nicht (mal wieder) aussichtslos erscheinen zu lassen. Abwehrchef Stefan Bell mochte in Freiburg keine Trainerdiskussion führen. „In erster Linie sind wir auf dem Feld verantwortlich“, sagte der 34-Jährige. Der Plan, den Henriksen der Mannschaft mitgegeben hatte, war gut, „aber wir haben ihn nicht umgesetzt. Wir haben das Trainerteam im Regen stehen lassen“.