FAZ 09.05.2026
18:10 Uhr

gefährliche Entwicklungen: Amerika droht mit Abzug, Russland mit Krieg


Donald Trump will Friedrich Merz bestrafen – deshalb wird ein Raketenbataillon zur Abschreckung Russlands wohl nie in Deutschland eintreffen. Für Wladimir Putin eröffnen sich Gelegenheiten.

gefährliche Entwicklungen: Amerika droht mit Abzug, Russland mit Krieg

Zwei Entwicklungen verdichten sich zur Bedrohung für Deutschland. Erstens stationiert Russland seit Jahren Iskander-Raketen und andere weitreichende Waffen im Gebiet Kaliningrad und an der polnisch-belarussischen Grenze. Je nach Typ und Beladung können sie bis Berlin oder noch weiter fliegen, und Wladimir Putins Herolde drohen regelmäßig, dass das wirklich geschehen könnte, wenn Deutschland oder andere Länder der Ukraine weiter beistehen. Russland führt in Kiew, Charkiw und Odessa seit vier Jahren vor, wie so ein Angriff aussehen könnte. Schwärme von Drohnen und Raketen greifen dort schlafende Menschen an und zerstören Infrastruktur. Iran tut dasselbe jetzt am Golf. Zweitens hat Donald Trump sich gerade über ein paar zutreffende Worte des Bundeskanzlers geärgert und will jetzt mindestens 5000 amerikanische Soldaten aus Deutschland abziehen, vielleicht aber noch viel mehr. Außerdem soll ein amerikanisches Raketenbataillon wohl nicht mehr kommen, das Joe Biden für dieses Jahr zugesagt hatte, um Russlands Iskanders unter anderem durch amerikanische Tomahawk-Marschflugkörper im Zaum zu halten. Klarheit gibt es darüber zwar noch nicht, aber weil Amerika in Iran gerade alles verfeuert, was die Depots hergeben, erwartet die Bundesregierung nicht mehr, dass Trump sich an das Versprechen hält. Die F.A.S. hat mit vier pensionierten Generälen aus vier Ländern über diese Entwicklungen gesprochen. Mit Air Marshal Greg Bagwell aus Großbritannien, mit Generalleutnant Ben Hodges aus den USA, mit Generalmajor Mick Ryan aus Australien und mit Generalleutnant Jürgen-Joachim von Sandrart aus Deutschland. Alle halten es für möglich, dass Russland bald die NATO angreifen könnte, und zwar vorzugsweise im Baltikum. Sie nennen drei Motive. Bagwell, heute Analytiker beim Royal United Services Institute, nennt das erste: „Putin ist zu Hause in Schwierigkeiten. Der Krieg in der Ukraine stagniert, die Wirtschaft steht unter Druck. Wenn er erkennt, dass er in eine Sackgasse läuft, könnte er versucht sein, etwas Spektakuläres zu tun.“ Ryan, der heute für den amerikanischen Thinktank CSIS schreibt, fasst das in die Worte: „Putin weiß, dass er kein geschlagenes Heer heimbringen darf, also muss er etwas mit ihm tun. Ein Angriff auf das Baltikum wäre verlockend.“ Die größte Gefahr: Die kommenden fünf Jahre Das zweite Ziel wäre die Zermürbung der NATO. Hodges, bis 2017 kommandierender General der amerikanischen Landstreitkräfte in Europa, glaubt, Putin könnte kalkulieren, dass ein erfolgreicher Angriff aufs Baltikum die Allianz „zerbrechen“ werde – weil dann klar wäre, dass das Bündnis im Notfall sein Beistandsversprechen nicht hält. „Russland könnte einen begrenzten Angriff gegen Lettland starten und dann sehen, was die NATO tut. Wenn die Antwort schwach wäre, hätte es sein Ziel erreicht.“ Das dritte Motiv: Russland könnte angreifen, weil der Augenblick günstig ist. Amerikas Treue wackelt. Viele europäische Demokratien geben zwar neuerdings viel Geld fürs Militär aus, aber bis aus Geld ausgerüstete Soldaten werden, können Jahre vergehen. Bagwell spricht deshalb von einem „Fenster der Gelegenheit von vielleicht fünf Jahren“ für Putin, und von Sandrart glaubt, Russland sei durch den Aufwuchs seiner Streitkräfte „schon heute“ zu einem regionalen Konflikt bereit – und zwar parallel zum Krieg in der Ukraine. Die größte Gefahr herrsche deshalb nicht „ab“ 2029, wie die Bundesregierung glaubt, sondern „bis“ 2029. Russland wisse, dass Europa gerade schlecht vorbereitet sei. „Also warum sollte es warten, bis wir fertig sind?“ In so einem Krieg dürfte auch Deutschland zum Ziel werden. Durch Deutschland führen die wichtigsten Nachschubrouten der NATO. Wenn Amerikaner und andere Partner den Balten helfen wollten, müssten sie deutsche Häfen, Straßen und Schienen nutzen. Russland würde versuchen, diese Linien zu kappen, und Bagwell erwartet, dass es dann auch Ziele „in Polen oder in Deutschland“ angreifen würde. Ein Nebeneffekt wäre, dass die Bevölkerung dort vielleicht in „Panik“ geriete und man Putin seine Beute im Baltikum überlassen würde. Hodges zufolge könnte den europäischen Verbündeten dann bevorstehen, was die Ukraine und die Golfstaaten schon heute erleben. „Riga, Klaipeda, Danzig und Bremerhaven könnten unter Feuer geraten.“ Allerdings: Alle vier Generäle glauben auch, dass der drohende Krieg verhindert werden kann. Von Sandrart sagt, Russland werde von einem Angriff absehen, „wenn wir als NATO klarmachen, dass wir uns siegreich wehren können, wollen und werden“. Ryan folgert: „Weil die NATO stark ist, ist Krieg zwar nicht ausgeschlossen, aber auch nicht wahrscheinlich.“ Der „sweet spot“ ist Deutschland Aber ist die NATO noch stark? Hodges sagt, Trumps Abzugsankündigungen seien vor allem deshalb so schädlich, „weil sie den Eindruck erwecken, dass Amerika nicht mehr zur Verteidigung Europas entschlossen ist“. Das unterminiere die Abschreckung. Wiederum hat Amerika in Europa Interessen, die nicht davon abhängen, wer gerade Präsident ist. Das zeigt sich gerade heute: Weil die meisten amerikanischen Flugzeuge zwischenlanden müssen, wenn sie Richtung Iran fliegen, sind sie auf Stützpunkte in Europa angewiesen. „Man kann nicht so einfach von der amerikanischen Ostküste in den Nahen Osten fliegen“, sagt Ryan. „Man muss auftanken, und der ,sweet spot‘ dafür ist Deutschland.“ Deutschland sei deshalb für Amerika „der wichtigste Knoten im globalen Netz“. Bagwell folgert: „Trump spielt mit dem Feuer, wenn er die NATO kleinmacht.“ Könnte Trump Amerikas Stützpunkte aber nicht in willigere Länder legen, zum Beispiel nach Polen? Das wäre schwer, und auch hier liegt der Grund in der Geographie: Der Westen Deutschlands liegt genau in der richtigen Entfernung vom möglichen Gegner Russland. Polen wäre zu nah für eine große Nachschub-Drehscheibe, weil russische Raketen oder Drohnen dort mit äußerst kurzer Vorwarnzeit einschlagen könnten. Die besonders gefährliche Rakete Iskander- M zum Beispiel hat voll beladen vermutlich nur 500 Kilometer Reichweite. Warschau wäre damit in akuter Gefahr, Berlin vielleicht auch, aber der Westen Deutschlands wäre eben schon sicherer. Standorte in weiter entfernten NATO-Ländern wären dagegen zu weit weg von Osteuropa, um im Kriegsfall als Nachschubbasis dienen zu können. Die USA zahlen für Ramstein weder Pacht noch Steuern Deshalb liegt im Westen Deutschlands auch der Stützpunkt Ramstein. Hodges nennt ihn „die wahrscheinlich wichtigste amerikanische Einrichtung in Europa“, denn er ist mehr als nur ein großer Flughafen. Ramstein ist Zentrum einer Gruppe von Einrichtungen, zu der auch das größte amerikanische Militärhospital außerhalb der USA und das Allied Air Command der NATO gehören. Die Verkehrsanbindung über Autobahnen und Schienen, der Wasserweg über den Rhein zur Nordsee und zum Atlantik sind über Generationen ausgebaut worden. Wenn Trump sich von Deutschland abwenden wollte, bräuchte er Jahrzehnte und Milliarden von Dollar, um eine solche Struktur anderswo wieder herzustellen. Außerdem gibt Amerika für den Betrieb von Ramstein und seinen etwa 40 anderen großen Armeeeinrichtungen in Deutschland zwar viel Geld aus, aber dafür zahlt es in Deutschland weder Steuern noch Pacht oder Miete. Nach einer Berechnung der RAND Corporation aus dem Jahr 2013 sparen die USA so knapp eine Milliarde Euro jährlich. Der Amerikaner Hodges kommt jedenfalls zu dem Schluss, dass die Abzugsentscheidung des Präsidenten Amerika mehr schaden würde als Deutschland. „Präsident Trump tut es, um den Kanzler zu bestrafen, aber in Wahrheit beschädigt er Amerika.“ Aber er beschädigt trotzdem auch die Abschreckung in Europa. Russische Geschosse können Deutschland erreichen, also sind Waffen wie die Tomahawks nötig, um Russland Respekt einzuflößen. Sonst, sagt Hodges, „können sie Bremerhaven oder Berlin als Geisel nehmen“. Bagwell glaubt, dass ein russischer Angriff ohne solche Waffen nur schwer gestoppt werden könnte. Tomahawks und ähnlich „long range fires“ dienen dazu, feindliche Logistik- und Kommandozentren zu zerstören und Russland „von der Front abzuschneiden“. Wenn das nicht schon „in der ersten Phase“ durch Schläge ins Hinterland gelinge, ende man wie in der Ukraine bei einem Abnutzungskrieg. Das aber, sagt Bagwell, „wäre der Krieg, den Russland zu gewinnen hofft, weil es wohl glaubt, dass das Publikum in Europa nicht bereit ist, einen langen Krieg zu ertragen“. Es gehe darum, nicht „in die Art von Krieg hineingezogen zu werden, die Russland will“. Alles braucht Zeit, aber die hat die NATO nicht Was tun? „Deutschland und andere hätten schon etwas tun sollen, um zu kontern, was Russland in Kaliningrad aufstellt“, sagt Hodges. Und die Bundesregierung sagt auch, dass sie etwas tue. Sie will den deutschen Marschflugkörper Taurus modernisieren und den Taurus Neo als Nachfolger vorantreiben. Sie will Tomahawks kaufen, wenn die Amerikaner sie nicht selbst aufstellen, sie will zusammen mit der Ukraine neue, billigere Möglichkeiten erproben, und sie will das europäische Langstreckenprogramm ELSA vorantreiben. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte am Montag zwar, das sei „auf einem sehr, sehr guten Weg“. Allerdings sagte er auch, das werde „natürlich etwas Zeit brauchen“. Zeit aber ist das, was die NATO nicht hat, und deshalb gibt es Vorschläge. Die „Information Warfare Initiative“, eine Gruppe von Experten aus Deutschland, Amerika und anderen Ländern, hat deshalb einen Plan vorgelegt, wie schon bis zum Frühjahr 2027 durch extrem beschleunigte europäische Zusammenarbeit vier Bataillone mit 1200 Geschossen aufgestellt werden könnten. Der Plan entwirft eine forcierte Kooperation zwischen Deutschland und mehreren anderen europäischen NATO-Ländern auf der Basis des Taurus, der bis 2030 15 bis 19 Milliarden Euro kosten soll. Allerdings hätte das einige sehr anspruchsvolle Voraussetzungen. Zum Beispiel müssten bürokratische Hürden dadurch überwunden werden, dass der Bundestag den „Spannungsfall“ nach Artikel 80a des Grundgesetzes ausruft. Sicherheitspolitiker wie Roderich Kiesewetter von der CDU haben das zwar auch schon gefordert, aber dafür wäre eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag nötig, und die ist nicht in Sicht – auch wenn Axel Ludwig Jacob, einer der Autoren des Taurus-Vorschlags, glaubt, dass eskalierende russische Provokationen in den nächsten Monaten hinreichend „öffentlichen Druck“ schaffen könnten, um genug Abgeordnete hinter dem Projekt zu versammeln. So oder so muss schnell etwas geschehen, da sind sich die vier Generäle einig, mit denen die F.A.S. sprach. Von Sandrart weist auf die globale Lage hin. Wenn Russland tatsächlich angreifen sollte, werde möglicherweise China zugleich nach Taiwan greifen. „Wir werden die Gleichzeitigkeit und Gleichrangigkeit mehrerer Konflikt- und Krisenherde haben – absichtlich herbeigeführt, um unsere Kräfte aufzuspalten.“ Dann werde es „fast automatisch so kommen, dass die Amerikaner sich um den Pazifik kümmern müssen und die Europäer um Europa“. In Europa werde man deshalb mit „weniger Amerika“ zurechtkommen und „komplementäre Fähigkeiten“ aufbauen müssen, um am Ende in „globaler Lastenteilung“ gemeinsame westliche Interessen vertreten zu können. So eine Zusammenarbeit könnte Amerika zeigen, dass Europa als Partner zu wertvoll ist, um vor den Kopf gestoßen zu werden. Sie würde zwar viel Geld kosten, aber Air Marshal Bagwell meint: „Wenn ihr glaubt, dass es teuer ist, einen Krieg durch Abschreckung zu verhindern, versucht mal, einen zu führen.“