FAZ 09.05.2026
12:32 Uhr

architektur in Russland: Wenn Denkmäler wie eine Bedrohung erscheinen


Russische Aktivisten engagieren sich für das sowjetische Bauerbe. Doch seit der Invasion in die Ukraine hat sich der Blick auf diese Bauten verändert.

architektur in Russland: Wenn Denkmäler wie eine Bedrohung erscheinen

Seit etwa zehn Jahren ist die Begeisterung für das architektonische Erbe der Sowjetunion, insbesondere die Avantgarde, aber auch für den stalinistischen Neoklassizismus, ja sogar für die sowjetische Nachkriegsmode in der intellektuellen russischen Jugend ein Modetrend. Aufstrebende Künstler, Designer, Forscher haben in den utopischen sowjetischen Projekten einen romantischen Traum von der Zukunft erblickt und die Rettung der verfallenden Gebäude zu ihrer Mission gemacht. Initiativen zur Erhaltung von Denkmälern der sowjetischen Avantgarde zogen renommierte internationale Experten in russische Städte und vermittelten Aktivisten das Gefühl, einem globalen Kulturraum anzugehören. Seit Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine haben freilich viele von ihnen das Land verlassen. Doch sowohl für sie wie auch für die Daheimgebliebenen haben sich der Kontext und die Bedingungen der Diskussion über sowjetische Architektur grundlegend verändert. Die Moskauer Metro sei ein eindrucksvolles sowjetisches Architekturdenkmal, sagt Alexandra Selivanova, einstmals Kuratorin und Leiterin des Zentrums für Avantgarde in Moskau und eine der bekanntesten jüngeren Forscherinnen über die sowjetische Architektur. Doch seit 2022 sehe sie diese Architektur mit anderen Augen, so Selivanova, und zwar nicht mehr als Forscherin. Die monumentalen Räume hätten sie mit Angst, Entsetzen, Abscheu und Ekel erfüllt. „Für mich war das ein Schock“, sagt sie. Selivanova verließ Russland, und das Zentrum für Avantgarde, das vor allem von jungen, unabhängigen Forschern getragen wurde, stellte seine Arbeit ein. Erinnerung an enthusiastische Arbeit unter schwierigen Bedingungen Heute setzt Selivanova ihre Forschungen zu den sowjetischen Avantgarde-Experimenten der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts an der Bauhaus-Universität in Weimar fort. Sie habe sich immer für die Popularisierung der sowjetischen Avantgarde und ihrer progressiven Ideen eingesetzt, betont die Forscherin. Doch es habe ihr stets missfallen, wie diese Architektur zu ästhetischen Attrappen gemacht worden sei, die von den Machthabern instrumentalisiert würden. Für russische Intellektuelle, die nach dem Ende der Sowjetunion geboren wurden, bot die Beschäftigung mit dem architektonischen Erbe die Möglichkeit, die Geschichte ihres Landes unter dem Gesichtspunkt seines Innovationspotentials zu betrachten. Diese Architektur eröffnete eine inspirierende Vergangenheit mit hochbegabten Architekten, mutigen Entwürfen und enthusiastischer Arbeit unter schwierigen Bedingungen. Die Projekte der sowjetischen Avantgarde faszinierten durch Kühnheit, Grandezza, Originalität. Von Repressionen, Gulag und einer Atmosphäre von Angst meinte man nichts zu spüren. Man konnte sich begeistern, ohne sich imperialistisch zu fühlen. Selivanova wurde 2019 Architekturberaterin für die jüngste Verfilmung von Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ durch den russisch-amerikanischen Regisseur Michael Lockshin, die voriges Jahr in die deutschen Kinos kam. Damals habe ihr das Bestreben des Regisseurs, den totalitären Geist Moskaus in Architekturformen herauszuarbeiten, missfallen, sagt sie, ihr sei das übertrieben erschienen. Doch als sie den fertigen Film sah, habe sie darin ihre eigenen Empfindungen gegenüber der Moskauer Metro seit 2022 sehr genau dargestellt gefunden, bekennt Selivanova. In der Vergangenheit waren zivilgesellschaftliche Initiativen zum Erhalt sowjetischer Architekturdenkmäler russischen Behörden oft gleichgültig. Manche lokale Beamte reagierten gereizt auf die Bemühungen von Aktivisten, den Abriss historischer Gebäude zu verhindern. Doch mit der Zeit lernte der Staat, die Avantgarde-Ästhetik als nationale Marke zu nutzen, die die dunklen und tragischen Seiten der sowjetischen Geschichte überdeckte. Reisen zu konstruktivistischen Industriebauten Im Herbst 2022 eröffnete die Bank VTB, eine der größten staatlichen Banken in Russland, im Zentrum Moskaus das trendige Kulturzentrum „Sotow“ im Gebäude einer früheren sowjetischen Brotfabrik, das von dem aus Petersburg stammenden deutschen Architekten Sergej Tschoban umgebaut wurde. Mit Ausstellungsräumen, einem Konferenzsaal und einem Kino positioniert sich „Sotow“ als wichtigste Kulturinstitution für den sowjetischen Konstruktivismus, der mit hochkarätigen Ausstellungen, Buchveröffentlichungen und Vorträgen popularisiert wird. Das Kulturerbe sei in Russland kein marginales Thema mehr, sagt der Erforscher des Architekturerbes der russischen Regionen, Alexey Izosimov, der das russischsprachige Portal vlesah.com betreibt und im englischen Cambridge arbeitet. In den vergangenen Jahren sei viel Geld in diese Sphäre geflossen, so Izosimov. Große Staatsbetriebe und Bauunternehmen geben einen kleinen Prozentsatz ihrer Einnahmen für die Schaffung von Kulturzentren und die Erhaltung eines von Hunderten verfallender historischer Gebäude aus. Heute passen solche Initiativen hervorragend in die russische Innenpolitik und zu patriotischen Parolen. Angesichts des dramatischen Rückgangs internationaler Kontakte und des Anstiegs des Inlandstourismus bringt das Vorteile. Viele Russen hätten viel Geld, sagt Izosimov. Nach Europa reisten sie aber nicht mehr. Dafür könnten sie jetzt irgendwo im Ural konstruktivistische Industriebauten bewundern. Einige Aktivisten haben sich an die neuen Realien angepasst und gelernt, mit staatlichen Fonds und der Privatwirtschaft zusammenzuarbeiten. Andere finden es inakzeptabel, mit dem Staat zu kooperieren, wieder andere wollen gar nicht mehr über das Erbe der Sowjetepoche sprechen. Jedenfalls nicht mehr so wie früher. Eine Künstlerin und Aktivistin, die weiterhin in Russland arbeitet, sagt, sie finde es schrecklich und beängstigend, dass das industrielle Erbe als Touristenattraktion genutzt werde. Denn es erfordere eine kritische Auseinandersetzung. Doch jetzt veranstalteten die einstigen Organisatoren der Ural-Biennale für zeitgenössische Kunst in der Region Jekaterinburg Kulturreisen durch die sowjetischen Industriestädte und Fabriken des Urals. Die Aktivisten sind vorsichtiger geworden Bis vor Kurzem faszinierten die sowjetischen Industriebauten Fotografen und Künstler durch ihre melancholische Aura, die Kunstausstellungen und Kataloge schmückte. Doch der heutige Kontext erwecke eher militaristische Assoziationen, so die Künstlerin, die ungenannt bleiben möchte. Sie erinnere sich, wie noch vor der Pandemie im Jahr 2019 mehrere internationale Künstler ihre Teilnahme an der Ural-Industrie-Biennale absagten, nachdem sie erfahren hatten, dass sie auf dem Gelände einer Fabrik stattfinden würde, in der Zielfernrohre für militärische Zwecke hergestellt werden. Das habe sie damals sehr beeindruckt, sagt die Künstlerin. Sie habe gedacht, dass es toll sei, sich solche Absagen leisten zu können. Jetzt verstehe sie, dass genau darin Professionalität liege. Bei den meisten heutigen Ausstellungen und Führungen zur Popularisierung des sowjetischen Architekturerbes handelt es sich um eher kleine lokale Projekte. Viele passen gut in den aktuellen politischen Kontext: Grandiose architektonische Entwürfe und die ehrgeizigen Bauprojekte der Dreißigerjahre passen bestens zum Narrativ der russischen Regierung über die großartige sowjetische Vergangenheit. Zugleich haben die meisten Projekte zur sowjetischen Architektur ihren einstigen Schwung und an Reichweite verloren. Die Aktivisten seien viel vorsichtiger geworden, berichtet Izosimov. Jede starke, mutige emotionale Äußerung könne heute bestraft werden. Wobei es keine Rolle spiele, welches Thema berührt werde. Niemand habe ein klares Verständnis davon, was heute erlaubt sei und was nicht. Selivanova bekennt, sie habe noch immer Sympathie und Respekt für die Bemühungen von Aktivisten in Russland, sich mit sowjetischer Architektur auseinanderzusetzen – weil sie sie so bewahren könnten. Doch solche Protestaktionen gegen den Abriss von Architekturdenkmälern, wie sie noch vor etwa fünf bis sieben Jahren in etlichen Städten Russlands vorkamen, gibt es praktisch nicht mehr. Denn jeder Ausdruck sozialer Unzufriedenheit ist ein Alarmsignal für die lokalen Behörden, die versuchen, jeden Dissens im Keim zu ersticken. Die einstigen städtischen Protestbewegungen, die im Kampf um die Erhaltung des kulturellen Erbes noch unlängst lokale Gemeinschaften zusammenbrachten, sind praktisch erloschen. Seit Beginn des vollumfänglichen Krieges in der Ukraine fragen sich russische Intellektuelle immer öfter, ob der romantisierende Blick auf die Architektur der Sowjetzeit mit zum Absturz der russischen Gesellschaft in ein diktatorisches System beigetragen hat. Und wenn ja, ob die Intellektuellen dann nicht dafür mit verantwortlich sind. Auf jeden Fall kann die jeweilige Gegenwart die Wahrnehmung des geschichtlichen Erbes radikal verändern. Solange man in dem Bewusstsein lebe, dass diese Vergangenheit endgültig vorbei ist, könne man sich für sie begeistern, sich in sie vertiefen, räsoniert die Forscherin Selivanova. Doch wenn die Geschichte plötzlich wieder lebendig zu werden scheine, wirken diese Denkmäler vor allem wie eine Bedrohung.