FAZ 07.02.2026
09:18 Uhr

abfahrt trotz Verletzung: Lindsey Vonns fragwürdige Botschaft


Teilprothese im rechten Knie, ein frischer Riss des vorderen Kreuzbandes im linken: Die 41 Jahre alte Lindsey Vonn will trotzdem beim Abfahrtsrennen der Winterspiele starten. Koste es, was es wolle.

abfahrt trotz Verletzung: Lindsey Vonns fragwürdige Botschaft
Der einzige deutsche Starter Simon Jocher beim Abfahrtstraining auf der Stelvio am Donnerstag. (Foto: Christian Petersen/Getty Images)

Sie ist die größte Attraktion im Zirkus. Und sie ist sich dessen bewusst. Auch deshalb will Lindsey Vonn unbedingt bei den Winterspielen starten – koste es, was es wolle. Eine Teilprothese nach Totalschaden im rechten Knie, ein frischer Kreuzbandriss im linken. Es gäbe genügend Gründe für die Amerikanerin, an diesem Sonntag (11.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) während des Abfahrtslaufs die Füße hochzulegen. Doch die 41-Jährige sucht die Manege und das Rampenlicht. Nicht, weil sie der Welt beweisen möchte, dass sie noch immer die Schnellste auf zwei Skiern ist, sondern sich selbst. Eine Goldmedaille ist eine Goldmedaille. Doch manche funkeln noch heller, noch strahlender als andere. Olympiasiege im Curling, in der Nordischen Kombination oder im Skeleton sind das Ergebnis von Leistungen, die ihren Gewinnern extreme Glücksgefühle verleihen mögen. Der Olympiasieg im Abfahrtslauf wirkt dagegen wie ein Ritterschlag, der über die Szene hinaus Beachtung erfährt. Er ist die Krönung in der Königinnen-Disziplin. Das mag Lindsey Vonns unbedingten Willen erklären, es in Cortina d’Ampezzo noch einmal zu versuchen, obwohl sie Glanz und Gloria schon erlebt hat. Seit 2010 in Vancouver trägt sie diesen Ehrentitel auf Lebenszeit. „Speed-Queen“ lautet zudem ihr wie ein Adelstitel klingender Kosename, den sie sich im Laufe ihrer zwei Dekaden währenden Karriere „erfuhr“. Warum also noch einmal, warum auf Risiko setzen? Lindsey Vonns riskante Wette Lindsey Vonn ist nicht nur ein begnadetes „Zirkuspferd“, sondern auch eine Stehauffrau. Schon ihr Entschluss, mit einer Endoprothese im Knie ihre zunächst beendete Karriere wieder aufleben zu lassen, brachte ihr herbe Kritik ein. Sie steckte die Kommentare weg und konterte an die Adresse ihrer ungefragten Ratgeber: „Seid ihr alle Ärzte geworden?“ Vonn nahm die selbst gestellte Herausforderung an, trainierte äußerst hart, erreichte ein Fitnesslevel, das nicht nur für die Ü-40-Kategorie ihresgleichen sucht, und fuhr in diesem Winter so „schnelle“ Linien wie keine Zweite. Die Wertung im Abfahrts-Weltcup führt sie an. Der Olympiasieg 2026, so schien es, werde nur über sie führen. Doch auch die begabteste Artistin kann vom Trapez fallen. In Crans-Montana landete Lindsey Vonn nach einem Sturz in einem Auffangnetz. Die erlittene Verletzung, der Riss des vorderen Kreuzbandes im linken Knie, zwingt Normalsterbliche zu einer monatelangen Wettkampfpause. Doch Vonn will sich den üblichen Folgen der Diagnose nicht beugen und an den olympischen Rennen teilnehmen. Sie geht damit eine heikle Wette ein, bei der nicht weniger als ihre Beweglichkeit auf dem Spiel steht. Nicht nur ein weiterer Sturz könnte ihrem Knie extrem schaden. Schon die Schläge während einer Abfahrt sind hart genug, die Verletzung so zu erweitern, dass eine Arthrose folgen könnte. Ein Start wird nur unter dem Einfluss von Schmerzmitteln möglich sein. Dabei lässt sie offenbar außer Acht, dass dank ihrer herausgehobenen Stellung Tausende Kinder und Jugendliche auf sie schauen und ihre Botschaft aufsaugen: dass der Wert des Erfolges alles andere aufwiegt. Bei allem Respekt vor Vonns Willensstärke und ihrem Recht, zu tun, was sie tun will, möchte man ihr zurufen: Auch dabeisein ist nicht alles!