Alexander Zverev war bereit. Bereit für den nächsten Aufschlag seines Gegners, bereit für den nächsten Return, bereit für das nächste Spiel in diesem Finale. Da plötzlich verstand er, dass es kein nächstes Spiel mehr geben würde. Zverev hatte sich verzählt, das Match hatte er schon gewonnen. Er riss die Arme nach oben, er lachte, er jubelte. Als erster Deutscher seit Boris Becker im Jahr 1989 hat Zverev die US Open gewonnen. 6:4, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 bezwang der 29-Jährige aus Hamburg am Sonntag den Amerikaner Ben Shelton. Er gewann damit den zweiten Grand-Slam-Titel seiner Karriere, nachdem er in Paris Anfang Juni zum ersten Mal triumphiert hatte. Nach vielen vergeblichen Anläufen, nach vier Finalniederlagen, hatte er dort den Bann gebrochen. Nun ist er dort angekommen, wo er schon lange ankommen wollte. „Wir sind 30 Jahre ohne Grand-Slam-Titel geblieben und nun haben wir zwei in einem Jahr gewonnen“, sagte Zverev in seiner Siegeransprache auf dem Platz. „Gott hat gesehen, wie hart wir gearbeitet haben, wie wir gelitten haben, durch wie viel Schmerz wir gegangen sind. Ich glaube, 2026 ist das Ergebnis von all dem, was wir investiert haben.“ Auf den Tag genau vor sechs Jahren hatte Zverev in seinem damals ersten Grand-Slam-Finale nach 2:0-Satzführung noch gegen Dominic Thiem verloren. Es war eine der schmerzhaftesten Niederlagen seiner Karriere, eine, die lange nachwirkte. Zverevs Lehre nach diesem Tag war lang und von Rückschlägen geprägt. Doch das US-Open-Finale 2026, womöglich mehr noch als das French-Open-Finale drei Monate zuvor war nun sein Meisterstück. Zverev, der Turnierspieler Was der Unterschied ist, wenn jemand sein erstes Grand-Slam-Endspiel spielt oder sein sechstes, hatte man an diesem Nachmittag in New York bereits im ersten Satz gesehen. Shelton war bei seiner Premiere noch nicht richtig angekommen, da hatte Zverev gleich im ersten Spiel des Tages die erste Chance auf ein Break. Prompt unterlief Shelton ein Doppelfehler. Den Vorsprung verteidigte Zverev souverän, hatte dann beim Stand von 5:3 den nächsten Breakball. Es folgte Sheltons nächster Doppelfehler. Der Satz war entschieden. Der Titel von Paris gebe ihm eine „große Ruhe“ hatte Zverev vor dem Finale gesagt. Und diese Ruhe konnte man sehen. Bis zur Mitte des zweiten Satzes war Zverev seinem Gegner in allen Belangen überlegen. Er hatte die bessere Quote beim ersten Aufschlag, spielte die besseren Returns, spielte klüger am Netz, gewann die wenigen langen Rallyes, ebenso wie viele der kurzen. Bis Mitte des dritten Satzes hatte Zverev keinen einzigen Breakball zugelassen. Es ist die Kunst der ganz Großen, das beste Tennis in den wichtigsten Momenten zu spielen. So ist es keineswegs Zufall, dass nahezu alle Topspieler herausragende Bilanzen in Tiebreaks haben. Zverev schaffte es bei diesen US Open aber auch, sein bestes Tennis im wichtigsten Match zu spielen. Wie die Turniermannschaft, die die deutsche Fußball-Nationalelf einst war, steigerte sich Zverev, der Turnierspieler, in New York von Match zu Match. Nachdem er sich in den ersten beiden Runden jeweils über fünf Sätze hatte quälen müssen, spielte er anschließend von Runde zu Runde besser, verlor danach keinen Satz mehr. Im Endspiel dann war Zverev auf dem Höhepunkt. Ab Mitte des zweiten Satzes wurde es dennoch zunehmend schwieriger für Zverev. Das lag vor allem daran, dass sich Shelton selbst auf ein höheres Energielevel beförderte. Jedem Gewinnschlag brüllte er hinterher, heizte das Publikum an, nutzte seinen Heimvorteil. Shelton wehrte einen Breakball ab, blieb auch in kritischen Phasen nervenstark. Er verdiente sich damit den Tiebreak. Und lag dann 0:5 zurück, weil Zverev wieder groß aufspielte. Der Gewinn des zweiten Durchgangs war für den Deutschen danach nur noch Formsache. Es spricht einiges für Shelton Shelton verschwand danach in der Kabine, wechselte die Schuhe – und die Taktik. Er spielte mehr Serve-and-Volley, versuchte insgesamt mutiger zu sein, auch beim Return. Beim Stand von 3:2 hatte er erstmals eine Chance, ein Aufschlagsspiel Zverevs zu gewinnen. Drei donnernde Aufschläge später war die Chance zwar dahin. Doch es war nun etwas ins Rutschen gekommen. Mit dem ersten Break des Tages sicherte sich Shelton wenig später den Satz. Tennis ist oft ein Spiel der Höhen und Tiefen. Und es ist eine große Kunst, sich von den Ausschlägen in beide Richtungen nicht allzu sehr aus dem Konzept bringen zu lassen. In Zverevs Fall sah die Reaktion auf den kleinen Dämpfer am Ende des dritten Satzes an diesem Sonntag in New York so aus: Direkt im ersten Spiel des nächsten schaffte er ein Break. Danach lief dieses Spiel wieder in eine Richtung. Und war beendet, noch ehe Zverev selbst dies verstanden hatte. Es gab am Ende dieses Finales etliche Statistiken, die für Shelton sprachen. Der Amerikaner schlug mehr Asse, mehr Winner, also Schläge die zum direkten Punktgewinn führen, er hatte die bessere Quote beim ersten Aufschlag und gewann mehr Punkte als Zverev mit dem zweiten. Dass ein solches Match dennoch derart deutlich an den Deutschen gehen konnte, zeigt einmal mehr, wie wenig es im Tennis darum geht, jeden Ballwechsel zu gewinnen und wie sehr darum, die wirklich wichtigen. Zverev beherrscht diese Kunst inzwischen wie nur ganz wenige andere. Es ist die Kunst der Grand-Slam-Sieger.
