Zu den Redewendungen, die Donald Trump auch in Davos großzügig verwendete, um sich seiner unglaublichen Erfolge zu rühmen, gehört die Formel „like no one has ever seen before“. Nicht jedes Mal, wenn er das sagt, stimmt es auch. Für ihn selbst gilt die behauptete Einzigartigkeit aber zweifellos. Einen amerikanischen Präsidenten wie ihn hat die Welt wirklich noch nie gesehen. Vermutlich nur wenige haben sich vorstellen können, dass die USA jemals ein solches Staatsoberhaupt haben könnten. Trump prahlt auch damit, dafür gesorgt zu haben, dass Amerika wieder Respekt in aller Welt genieße, natürlich den größten aller Zeiten. Es gibt sicher Leute, die das dem extrem geltungssüchtigen Präsidenten so erzählen. Auch das peinliche Lob, mit dem europäische Politiker ihn überschütteten in der Hoffnung, damit bei ihm auch Gehör für ihre eigentlichen Argumente zu finden, dürfte ihn in dem Glauben bestärkt haben, enorm respektiert zu werden. Respekt? Nein, Fassungslosigkeit und Entsetzen In Wirklichkeit breiten sich auf dem internationalen Parkett jedoch Fassungslosigkeit und Entsetzen über einen Mann aus, der auch in Davos Reden hielt, die zum Fremdschämen waren. Doch obwohl Trump sich auch schon in seiner ersten Amtszeit nicht verstellt hatte, schickten die Amerikaner ihn noch einmal und sogar mit noch mehr Stimmen ins Weiße Haus. Dieses Mandat und der Glaube, dass Gott ihn bei dem Attentat beschützt habe, haben ihn zweifellos darin bestärkt, seiner Lust am möglichst unbeschränkten Herrschen freien Lauf zu lassen. Die Opposition hindert ihn daran kaum, sie wirkt immer noch wie gelähmt. Seine Kritiker und Gegner verfolgt Trump mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Seit einem Jahr mischt er aber nicht nur sein eigenes Land, sondern die gesamte westliche Welt auf, dass der Hören und Sehen vergeht. Im internationalen Geschäft zwischen souveränen Staaten gibt es erst recht keinen, von dem er, der Präsident des mächtigsten Landes des Planeten, sich in die Schranken weisen ließe. Wagt es doch einer, ihm kritisch und unbotmäßig zu kommen, dann bekommt auch der den Zorn des Narzissten im Weißen Haus zu spüren. Dann hagelt es Beleidigungen, Verächtlichmachung oder unverhohlene Drohungen. Und natürlich Strafzölle, Trumps Lieblingsmittel zur Erpressung der Ungehorsamen, egal was der Zoll dann die Amerikaner im Supermarkt kosten würde. Wenn Trump die Zollpeitsche dann auch wirklich schwingt: Wie jetzt im Streit um Grönland zieht er oft die Zolldrohung zurück, wenn auch die Gegenseite mit Gegenmaßnahmen droht. In Amerika wird er daher als „Taco-Man“ verspottet. Taco, das ist ein Akronym aus „Trump always chickens out“, was frei übersetzt bedeutet: Trump zieht immer den Schwanz ein. Amerika, das bin ich Das entspricht freilich in keiner Weise seinem güldenen Selbstbild. Trump hält sich für unwiderstehlich, unaufhaltsam und für nahezu allmächtig. Diese Macht setzt er aber nur für das ein, was aus seiner persönlichen Sicht gut für Amerika ist. Also für sein Ego, seinen Ruhm und seinen Reichtum. Denn für ihn gilt: Amerika, das bin ich. Trumps Amerika ist nicht mehr das Land, das die Transatlantiker in Europa so schätzten, wenn nicht gar liebten. Das war ein Amerika, das sich eng mit den Europäern verbunden fühlte. Bis Trump an die Macht kam, sah sich das politische Amerika mit Europa in einer Interessen- und Wertegemeinschaft. In der gab es immer wieder auch Meinungsunterschiede, Interessengegensätze und handfeste Konflikte, schon immer auch über die Lastenteilung in der NATO. Aber auf beiden Seiten des Atlantiks war man überzeugt, dass Kooperation besser sei als Konfrontation. Für die Trumpisten ist die Interaktion der Staaten jedoch ein Nullsummenspiel, aus dem nie zwei Gewinner hervorgehen können, sondern immer nur einer. Und der muss natürlich USA heißen beziehungsweise Trump. Die Bande zu Europa hat Trump wie mit einer Kettensäge zertrennt – so wie er alles zerreißt und zerfetzt, ob Vereinbarungen oder Organisationen, die seiner Meinung nach schuld daran sind, dass Amerika sich habe ausnutzen und ausnehmen lassen, als sei es nicht auch schon vor ihm eine Supermacht gewesen, sondern ein willen- und wehrloser Kleinstaat in der Südsee. Europa hasst er ganz besonders Ganz besonders hasst Trump wegen dieser angeblichen Ausbeutung Europa. Die EU, so behauptet er, sei eigens gegründet worden, um die USA „abzuzocken“. Ansonsten ist Europa für Trump ein Kontinent der sich kulturell aufgebenden Verlierer, deren Schicksal ihm weitgehend egal ist. Auch rein strategisch betrachtet hat es für ihn nur noch nachrangige Bedeutung. Amerika war früher an Europa interessiert, um die Gegenküste des Atlantiks, den Amerika als seinen Ozean betrachtet, nicht an Moskau zu verlieren. Trump aber meinte, Putin könne mit Europa machen, was der wolle, wenn Europa nicht endlich „die Rechnung“ für den amerikanischen Schutz bezahle. Man könnte hinter Trumps Griff nach Grönland, so man seinen Aktionen unbedingt ein rationales Motiv zuschreiben will, das über die Begehrlichkeiten eines Kindkaisers hinausreicht, einen weiteren Beleg für den Rückzug Amerikas von der Gegenküste erkennen. Wer Grönland und auch Island besitzt, das Trump immer wieder mit Grönland verwechselt (vielleicht auch, weil das sein nächstes Projekt ist), hat zwei unsinkbare Flugzeugträger im Atlantik. Und kann das aufsässige und undankbare Europa, das Trump ohnehin nicht wiedererkennen will, Putin überlassen. Er hält sich auch in der Außenpolitik nicht an die alten Regeln Im Kalten Krieg hatte Amerika Moskau davon abhalten wollen und können, die rote Linie in Europa zu überschreiten. Nun aber führt Russland seit vier Jahren in Europa einen Eroberungskrieg, der unter dem Motto stehen könnte „Make Russia great again“. Doch statt den russischen Imperialismus durch eine kompromisslose Unterstützung der Ukrainer aufzuhalten, gesteht Trump Putin das Recht zu, das er schließlich auch für Amerika in Anspruch nimmt: das Recht auf eine Einflusszone, in der nur der Wille der jeweiligen Großmacht zählt. Trumps Griff nach Grönland entspringt keinem anderen Geist als Putins Traum von Großrussland. So wie Trump im Inland nicht mehr die Beschränkungen der „checks and balances“ akzeptiert, sieht er sich auch in der Außenpolitik nicht mehr an die internationalen Regeln gebunden, für die Amerika in der Vergangenheit kämpfte. Auch seine Vorgänger hielten sich nicht immer an die von Amerika propagierten Prinzipien; anders als von Trump behauptet hatten die nationalen Interessen der USA stets grundsätzlich Vorrang. Trump aber hat vollständig mit dem Primat des Völkerrechts und dem Selbstverständnis Amerikas gebrochen, Hüter einer Weltordnung zu sein, in der die Regeln des demokratischen Westens gelten. Trumps grotesker „Friedensrat“ dient nicht zur Wiederherstellung einer regelbasierten Ordnung. Das „Board of Peace“ ist ein weiterer Racheakt an den Vereinten Nationen (von denen er sich schon beleidigt fühlt, wenn eine Rolltreppe nicht rollt) und ein Tempel für die Selbstbeweihräucherung Trumps, der sich wohl tatsächlich für den begabtesten Friedensstifter aller Zeiten hält. Hoffen auf einen Jedi-Ritter nach Darth Vance? Trumps Persönlichkeit und seine Überzeugungen werden sich nicht mehr ändern. Drohung, Einschüchterung und Erpressung werden seine bevorzugten Werkzeuge bleiben, in der Innen- wie in der Außenpolitik. Darauf, dass nach diesem Imperator und seinem Darth Vance ein demokratischer Jedi-Ritter und mit ihm die helle Seite der Macht ins Weiße Haus zurückkehren, sollten die Europäer nicht wetten, dann könnten sie auch gleich russisches Roulette spielen. Trump ist zwar das sichtbarste Symptom für die Metamorphose Amerikas, aber nicht deren Ursache. Die antiliberalen, nationalistischen und isolationistischen Strömungen hatten sich schon lange vor Trumps Auftauchen in der Politik unter der Oberfläche aufgestaut wie das flüssige Gestein in einer Magmakammer. Trump ist „nur“ der feuerspeiende Berg, aus dem die MAGA-Lava in einem nicht enden wollenden Ausbruch herausquillt. Solche Strömungen gibt es auch in Europa, nur sind hier die Vulkane noch kleiner als der Mount Doom in Washington. Die Ideologen unter den Trumpisten loben und fördern ihre Gesinnungsgenossen in der Alten Welt der politischen Verwandtschaft halber und weil sie erwarten, dass die Rechtspopulisten gehorsame Vasallen wären. Es gibt auch schon Regierungen, die sich Trump an den Hals werfen – Orbán macht das gleichzeitig auch noch bei Putin –, weil sie nicht glauben (wollen), dass die Europäer sich gegen Trumps Amerika und gegen Russland behaupten können, schon gar nicht, wenn die beiden gemeinsame Sache machen. Dieser Defätismus hat Ursachen. Zu lange, da hat Trump recht, verließen die Europäer sich darauf, dass Amerika sie vor Moskaus Drang schützt, seinen Herrschaftsbereich nach Westen auszudehnen. Zu sehr haben sich die Europäer, und hier insbesondere Deutschland, nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und technologisch von Mächten abhängig gemacht, die nicht zögern, diese Abhängigkeiten zu nutzen, um politischen Druck auszuüben. Das ist die zweite Zeitenwende Zu diesem Kreis zählt nun auch Trumps Amerika, weswegen es berechtigt ist, von der zweiten Zeitenwende zu sprechen. Zu wenig haben sich die in der EU versammelten Europäer bisher darum bemüht, aus ihrer Vereinigung eine Macht zu machen, die Trump, Putin und Xi Paroli bieten könnte. Alle drei kann man nur mit Stärke beeindrucken, nicht mit Zerstrittenheit, Selbstlähmung und feministischer Außenpolitik. Doch Europa hat es immer noch in der Hand, ob es einer von vielen Bällen im „great game“ zwischen Amerika, China und Russland sein will oder ein Mitspieler, den man nicht ignorieren oder gar erpressen kann. Nur dann kann Europa auch ein Anwalt der regelbasierten Ordnung sein und ein Partner für alle in der Welt, die sich nicht der Herrschaft der jeweils nächsten Großmacht unterwerfen wollen. Der kanadische Premierminister Mark Carney wie auch Bundeskanzler Friedrich Merz haben in ihren viel beachteten Reden – was für ein Kontrast zu Trump! – zur Zusammenarbeit der Länder und Regionen aufgerufen, die nicht auf der „Speisekarte“ der drei rivalisierenden Großmächte landen wollen. Das Wollen allein aber genügt nicht, man muss auch etwas dafür tun. Der EU fehlt es dafür oft an der nötigen Einigkeit. Sie darf sich, wenn sie ein ernst zu nehmender Faktor in der neuen Weltunordnung sein will, nicht länger von Blockierern und Quertreibern aufhalten lassen, die das Heil im nationalen Alleingang sehen. Der führt in Wahrheit nicht zu größerer Souveränität, sondern in die Unterwerfung. Kerneuropa darf nicht länger nur ein Gedankenspiel bleiben Europas Antwort auf die Spaltung des Westens darf nicht auch noch die Lähmung Europas sein, sondern muss „Vereinigen wir uns!“ lauten. Weil das nicht alle wollen, darf die Idee von einem Kerneuropa nicht länger nur ein Gedankenspiel bleiben. Deutschland und Frankreich müssen dieses Projekt anführen, wenn es dafür nicht schon zu spät ist. In jedem Fall müsste die EU auch zu einer echten Verteidigungsgemeinschaft werden, auch wenn da die allerdicksten Bretter auf die Bohrer warten, da die Verantwortung für die nationale Sicherheit eine Kernaufgabe des Nationalstaats ist. Europa wird auch viel Geld erwirtschaften müssen, um zu einer – auch nuklear ausreichend gerüsteten – Militärmacht werden zu können, die Russland verlässlich abschreckt. Noch ist Europa abhängig von der Beistandszusage Amerikas, doch wenn Trump diese weiter derart in Zweifel zieht, wird Putin nicht mehr lange an sie glauben, falls er das überhaupt noch tut. It's the migration, stupid! Die EU muss das Wohlstandsversprechen des Integrationsprojekts aber auch halten, um der Ausbreitung nationalistischer Ideen den Boden zu entziehen, die schließlich nicht nur in Amerika Anhänger haben. Trump hat in seinen Wahlkämpfen die Erkenntnis „It’s the economy, stupid!“ konsequenter berücksichtigt als die Demokraten, die den Spruch bekannt gemacht hatten. Selbst gemerkt hat er „It’s also the migration“, eine Einsicht, gegen die sich in Deutschland viele Politiker lange wehrten. Die Probleme, die eine ungesteuerte Einwanderung verursacht, treiben die Wähler in ganz Europa so um wie in Amerika. Auch auf diesem Feld kennt Trump aber nicht Maß und Mitte, wie es das Vorgehen seiner ICE-Greifertruppe belegt. Diese und andere Exzesse des Trumpismus offenbaren, wie weit Amerika und Europa sich schon voneinander entfernt haben. Doch nach wie vor steht Amerika Europa politisch und kulturell viel näher als Russland oder China. Die Europäer sollten so lange wie möglich den engen Schulterschluss mit Amerika suchen, das immer noch ihr natürlichster Verbündeter ist. Die Erhaltung der NATO ist im Interesse Europas, ganz besonders Deutschlands, und damit jede Anstrengung wert. Doch nicht nur im Verhältnis zu Russland, sondern auch in den Beziehungen zu Amerika muss inzwischen die Devise gelten: Auf das Beste hoffen, auf das Schlimmste vorbereiten.
