Anlässlich des Holocaust-Gedenktags hielten Sie im Bayerischen Landtag eine bewegende Rede über Ihre Familie. Kennengelernt haben sich Ihre Eltern in Argentinien, aufgewachsen sind Sie in Deutschland. Wie lebt man damit? Ich hatte das Glück, in einer geborgenen Familie groß zu werden. Sicher, als Kind habe ich meinen Vater gefragt, woher die Nummer auf dem Arm kommt, und dann sprach er über seine Zeit im Konzentrationslager. Das war kein Tabu. Aber die ganze Dimension habe ich erst sehr viel später begriffen und intellektuell erfasst. Bis meine Schwester und ich in die Schule kamen, waren wir viel unterwegs, mein Vater arbeitete fürs Theater, da ging man dahin, wo es Arbeit gab. Wir sind mit dem Kinderwagen auf dem Dach unseres VW Käfers durch Deutschland gefahren. Später habe ich mich mit der Geschichte meiner Familie auseinandergesetzt, Faschismus-Theorien studiert und gelernt, was Antisemitismus ist. Ich habe mit meinem Großvater mütterlicherseits gestritten, so wie meine Mutter ihr Leben lang mit ihm gestritten hat. Traumatisiert bin ich deshalb nicht. Meine Eltern haben unsere kleine Familie sehr beschützt. Hat Sie die Schizophrenie Ihrer Herkunft, gleichzeitig Täter- und Opferkind zu sein, nicht innerlich zerrissen? Ich sehe mich nicht als Opfer. Auch mein Vater sah sich nicht als Opfer. Natürlich bin ich da emotional, denn ich bin Teil der jüdischen Schicksalsgemeinschaft. Das hat mich tief geprägt, aber neben den historischen und auch wundersamen Ereignissen in der Geschichte meiner Eltern geht es mir heute vor allem darum, dazu beizutragen, dass sich so etwas nie mehr ereignet. Deshalb habe ich im Bayerischen Landtag gesprochen. In Ihrer Rede benennen Sie den Antisemitismus unserer Tage . . . . . . der mir große Sorgen bereitet. Der Antisemitismus von rechts, von links, der antiisraelische Antisemitismus. Und dann gibt es die Gleichgültigen. Vielen ist das in Deutschland heute leider egal. Sie wollen sich nicht positionieren. Sie finden, dass sie in der Schule schon genug über die Schoa hören mussten. Gleichgültigkeit aber ist der Feind der Toleranz. Sie sind oft in Amerika und haben eine Wohnung in Los Angeles. Wie erleben Sie das Zusammenleben der Kulturen und Religionen dort? Dass jüdische Schulen und Synagogen hierzulande wie Hochsicherheitstrakte abgeschirmt sind, müsste uns täglich bestürzen. In Amerika ist das etwas anders, wobei sich auch dort einiges ändert. In Los Angeles habe ich das Gefühl, weit weg von all diesen Dingen zu sein. Dort lebt man in einer liberalen Blase, und viele Juden arbeiten im Filmgeschäft, sodass ich mich beschützt fühle. Doch der Schein trügt. Inzwischen gibt es auch dort Sicherheitsbedenken, und die großen Synagogen heuern Security-Firmen an. Amerika hat gerade eine ganze Menge Probleme, über die man sich Sorgen machen muss. Doch Kalifornien, dieser liberale Staat, ist noch immer eine Insel der Glückseligen. Als viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt und Motor für Innovation ist er eine Bastion des hellen Amerikas. Deshalb bin ich gern in Los Angeles. Die Proteste gegen Trump wie jüngst von der Schauspielerin Natalie Portman beim Sundance Film Festival werden lauter. Wie schätzen Sie das ein? Hat das Gewicht? Die Situation ist ernst, keine Frage. Vieles, was unter Trump passiert, ist falsch und schrecklich. Ich glaube aber an die Selbstheilungskräfte der Amerikaner. Das Land hat eine so stolze Tradition, und die amerikanische Demokratie ist so viel robuster, als wir uns das hier vorstellen. Wenn ich sehe, mit welcher Intelligenz und welchem strategischen Geschick sich die Gegner von Donald Trump gerade formieren, dann beeindruckt mich das. Ich glaube nicht, dass wir Amerika abschreiben sollten. Das kann man ohnehin nicht. Amerika ist das mächtigste Land der Welt. Aber fest steht auch, dass wir Europäer unabhängiger werden müssen. Sie haben nach dem Tod von Bernd Eichinger als Vorstandsvorsitzender zehn Jahre lang die Constantin Film gemanagt. 2024 haben Sie den Tanker verlassen, aber nicht die Branche. Inzwischen sind Sie in einer Art Ein-Mann-Speedboot unterwegs. Ich tue mich schwer mit Bootvergleichen, obwohl ich selbst Seefahrer bin. Aber ja, es stimmt, ich habe mich vor zwei Jahren wieder darauf besonnen, Filme zu produzieren. Im Moment bin ich mit anderthalb Dutzend Projekten befasst. Das sind Stoffe, die mir gefallen und die ich für richtig und wichtig halte. Ich wollte mich bewusst aus dem Management einer so großen Firma zurückziehen. Die Ergebnisse in meiner Zeit als Vorstandsvorsitzender waren gut, und ich habe das Geschäft meinem Nachfolger Oliver Berben in gutem Zustand übergeben. Aber unsere Branche erlebt gerade viele Höhen und Tiefen. Wie die Unternehmen damit umgehen, wird sich zeigen. Was sind das für Probleme? Ich nenne diese schwerfälligen Firmen schmelzende Eiswürfel. Sie sind für den heutigen Markt zu groß geworden. Das kam durch die Zeit während und nach der Pandemie, in der unglaublich viele Produktionen in den Markt gepresst wurden, vor allem von den Streamern. Sie haben so viele Stoffe in Auftrag gegeben, bis es zu den sogenannten „Streaming Wars“ kam. Jeder hat versucht mitzuhalten, und die Firmen haben sich deshalb immer weiter aufgebläht. Jetzt müssen alle wieder zurückrudern, weil der Markt dafür nicht mehr existiert. Die Streamer haben ihre Aufträge massiv reduziert, ebenso die öffentlich-rechtlichen und privaten Sender in Deutschland. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Produktionsgesellschaften. Ein weiteres Problem hat das Management von Kreativität. Wie schafft man es, das Feld für Inspiration zu bereiten, für moonshots, wie die Amerikaner das nennen, für Mondschüsse. Das beschäftigt mich gerade und ist gar nicht nur auf den Film bezogen: Wieso hat ein Mensch plötzlich eine Idee, und was bedarf es, damit sie sich durchsetzt und zum Erfolg wird? Davon lebt unsere Branche ja ganz wesentlich, denn nur diese moonshots halten die großen Produktionsfirmen am Leben. Und wie lassen sich diese singulären Ideen beflügeln? In der Forschung hat man festgestellt, dass bei Jazzmusikern, wenn sie improvisieren, die für Kreativität zuständigen Teile des Gehirns geradezu explodieren. Gleichzeitig werden aber auch die Bereiche für analytisches Denken mehr oder weniger ausgeblendet. Das ist interessant. Davon können wir lernen. Inwiefern? „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ war zum Beispiel ein Film, gegen den alles sprach. Das Buch war erst mal kein Bestseller, die Geschichte spielte teilweise in Grönland, noch nie wurde dort ein Film gedreht. Und Schnee geht eigentlich gar nicht im Film. Damit will ich nur sagen, dass es so viele Filme gibt, die aus dem Nichts kamen, gegen die alles sprach, und nur, weil jemand sein kritisches Denken ausgeschaltet hat, wurden sie verwirklicht. Dasselbe gilt für den ersten „Fack ju Göthe“-Film. Damals sprach alles dagegen. Trotzdem haben wir uns gegen die Zweifel durchgesetzt. Und es wurde ein Riesenerfolg. Was sprach dagegen? Der Regisseur war unbekannt und hatte zuvor nur einen Film gemacht. Die Schauspieler waren keine Stars. Es handelte sich nicht um die Adaption eines vorbestehenden Werkes, sondern um einen Originalstoff. Das Genre Migrationskomödie war damals auch noch nicht durchgesetzt. Das war eine heikle politische Inkorrektheit. Dieser schmunzelnde Blick auf Goethe, das deutsche Bildungsbürgertum, Erziehung und Schule, das war ein Wagnis. Warum hat es trotzdem funktioniert? Dahinter stand Bora Dagtekin, ein grandioser Autor, der das machen wollte. Ich bin nicht selbst kreativ, aber ein Manager von Kreativität. Das habe ich mein ganzes Leben lang gemacht. Mit ihm bin ich ein Dutzend Ideen durchgegangen. Und dann haben wir diesen Stoff ausgewählt. Von solchen Filmen lebt die Branche, die erheblich mehr als fünf Millionen Zuschauer ins Kino locken. Derzeit ist die Situation jedoch leider die, dass der Mut und die Kreativität bei uns versiegen, auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Können Sie Beispiele nennen? In Italien hat etwa der Film „Buon Camino“ zehn Millionen Zuschauer ins Kino gebracht. Mit seinem Regiedebüt „Un p’tit truc en plus“ gelang dem Comedian Artus der größte französische Kinohit seit Corona mit dreizehn Millionen Zuschauern. Auch der „Graf von Monte Christo“ wurde von vielen Millionen Zuschauern im europäischen Ausland gesehen. Filme dieser Art fehlen bei uns in Deutschland im Augenblick. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das in Frankreich, Italien, Spanien und Skandinavien funktioniert und bei uns nicht. Dafür gibt es keinen Grund. Außer? Dass wir uns zu sehr auf die Verwaltung des Bestehenden verlassen. Da geht es dem deutschen Film nicht viel anders als der hiesigen Automobilindustrie oder Chemiebranche. Uns fehlt der Mut, Außergewöhnliches zu wagen. Wir klammern uns an den Mainstream. Wir überraschen das Publikum nicht. Ich halte das für ein großes Problem. Viele, die jetzt in den großen Firmen Verantwortung tragen, jammern, dass heute alles so schwierig geworden sei. Schwierig aber war es immer. Im Kino zu experimentieren, ist auch deshalb so schwer, weil es immer gleich um sehr viel Geld geht. Deshalb braucht es Mut, Neues auszuprobieren. Und die Kinobranche hat auch keine andere Wahl. Die Künstliche Intelligenz steht schließlich schon als nächste Herausforderung vor der Tür. Das wird unsere Branche noch massiv verändern. Und KI kann ganz sicher keine moonshots. Deshalb müssen wir das hinbekommen. Denn KI kompiliert aus allem Bestehenden Mittelmäßiges, ein Potpourri der größten Wahrscheinlichkeiten. Wir müssen deshalb genau andersherum denken, wir brauchen die Ausnahme der Wahrscheinlichkeit. Dazu braucht es ein Portfolio. Das ist wie eine Lotterie. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Die Filmbranche als Wettbüro? Dazu gibt es ganze Theorien. Die amerikanischen Studios nennen das Monte-Carlo-Simulation. Das kommt aus dem Glücksspiel, ist aber hochwissenschaftlich. Um Ausreißer generieren zu können, braucht man eine gewisse Anzahl von Chips auf dem Spielbrett. Wenn man nur einen Chip hat und damit auf die Null setzt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man damit baden geht. Wenn man aber zehn Chips oder eben zehn Spielfilmprojekte hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel höher, dass eine Idee zündet. Dazu braucht es aber den Mut des Hochrisikospielers. Wenn ich mir jedoch unsere Branche so anschaue, dann sehe ich eine eher bewahrende und ängstliche Art, mit Stoffen umzugehen. Man will vor allem eins: keine Fehler machen. Sicher, es ist leicht, darüber theoretisch zu reden, und schwer, das umzusetzen. Aber das treibt mich um, dass ich so wenig Risikobereitschaft sehe, so wenige außergewöhnliche Ideen im deutschen Film. Gerade weil es aktuell im deutschen Kino ganz gut läuft, müssen wir uns jetzt auf die nächsten Jahre mutiger aufstellen. Wer macht es besser? In Hollywood werden trotz der viel beschworenen Krise noch sehr viele außergewöhnliche Filme gemacht. Sicher, das ist eine riesige Industrie, nicht zu vergleichen mit uns, aber da entstehen auch an den Rändern immer wieder Werke, die überraschen, wie zum Beispiel im vorigen Jahr, als es gleich mehrere Filme gab, die nach jeder vernünftigen Rechnung niemals hätten gedreht werden dürfen. Allein so ein Film wie „Marty Supreme“ . . . . . . über einen Tischtennisspieler im New York der Fünfzigerjahre . . . . . . einen Hochstapler, eine negative Hauptfigur, praktisch keine relevante Frauenfigur, keine wirkliche Handlung und eine Sportart, die niemanden wirklich interessiert – und dann so ein Meisterwerk. Es gibt noch andere Beispiele, „Sinners“ oder „One Battle After Another“. Das sind großartige Filme, alles keine Franchise-Titel, keine Remakes, und trotzdem irrsinnig erfolgreich, kommerziell wie künstlerisch. Natürlich hat man die Besten der Besten dafür gewonnen, aber Stars wie Timothée Chalamet bekommt man ja auch nur mit einem Stoff, von dem er sich herausgefordert fühlt. Wie sind Sie zum Kino gekommen? Ich war jung, filmbegeistert, bin nach Cannes gefahren und geriet zufällig in die Weltpremiere von „E.T.“. Das war eine Offenbarung, das Kino tobte, die Leute weinten, Berühmtheiten wie Jack Lemmon fielen vor Steven Spielberg auf die Knie. Ich war neunzehn und dachte: Meine Güte, wenn Filme in der Lage sind, Menschen derart zu begeistern, dann will ich das auch machen. Was können wir von den Amerikanern lernen? Sachen auszuprobieren. Und wenn sie nicht funktionieren, dann funktionieren sie halt mal nicht. Wir haben keine vernünftige Fehlerkultur. Wenn man hier mal daneben langt, ist man der Verlierer. In Amerika ist das anders. Dort hat man damit bewiesen, dass etwas nicht funktioniert, und meist bekommt man eine zweite Chance. Ich finde die Verteufelung von Misserfolgen hierzulande furchtbar. Gleichzeitig muss man aufpassen, dass man nicht zögerlich wird. Flops muss man wegstecken können. Ist die Zeit des großen Kinos womöglich vorbei? Das glaube ich nicht. Das Kino-Erlebnis ist zu einzigartig, gerade im Gegensatz zu den digitalen Sehgewohnheiten. Die öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten stehen unter enormem Druck, weil Menschen unter fünfzig heute kaum noch fernsehen. Und die Streaminganbieter konkurrieren mit ganz anderen Dingen, die Menschen zu Hause machen. Natürlich schauen alle auf ihren zweiten Bildschirm. Deshalb sind Autoren von Fernsehserien heute dazu angehalten, sich möglichst oft zu wiederholen, damit auch unkonzentrierte Zuschauer kapieren, worum es geht. Das macht es oft so ermüdend fade. Und im Kino? Hat man die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuschauer, die sich auf das konzentrieren, was in diesen zwei Stunden auf der Leinwand passiert. Das ist eine ganz andere Art des Anschauens im dunklen Kinosaal. Zumal die Leute heute meist gezielt ins Kino gehen. Sie wissen, was sie sehen wollen. Und sie wollen sich überraschen lassen. Das ist schon immer das Geheimnis des Kinos gewesen. Dieser Wow-Effekt existiert, seit im Kino das erste Mal ein Zug über das Publikum scheinbar hinwegfuhr und die Leute vor Schreck in Ohnmacht fielen. Das ist Kino, damals wie heute. Natürlich gibt es Action und visuelle Effekte, aber ein Film wie „Sinners“ schafft es auch, uns inhaltlich zu überwältigen. Weil er es wagt, die Welt anders zu erzählen.
