FAZ 01.02.2026
17:00 Uhr

Zum Tode von Rita Süßmuth: Im Einsatz für Frauen scheute sie auch den Streit mit Kohl nicht


Rita Süssmuth schlug eine Schneise für Frauen in der deutschen Politik. Bis zuletzt setzte sie sich für gesellschaftliche Verbesserungen ein.

Zum Tode von Rita Süßmuth: Im Einsatz für Frauen scheute sie auch den Streit mit Kohl nicht
Blick auf den Justizpalast in München. Dort ist der Sitz des bayerischen Staatsministeriums der Justiz. (Foto: Stephan Rumpf/picture alliance / SZ Photo)

Ende Juni 2024 sprach Rita Süssmuth öffentlich über das Sterben. Nicht allgemein, sondern sehr konkret. Es gehe ihr „nicht gut“, teilte die damals 87 Jahre alte, an Brustkrebs erkrankte CDU-Politikerin über die „Bild“-Zeitung mit. Sie denke positiv und lasse sich nicht unterkriegen, sagte die gläubige Katholikin. „Ich sitze nicht herum und warte auf den Tod.“ Doch wisse sie nicht, was „der liebe Gott“ mit ihr vorhabe. „Klar ist: Ich will noch nicht sterben.“ Sie wolle weiter dazu beitragen, dass es der Gesellschaft besser gehe. „Dafür gebe ich alles.“ Während ihres langen, über Jahrzehnte von der Politik geprägten Lebens hätte Süssmuth sicherlich immer für sich in Anspruch genommen, für gesellschaftliche Verbesserungen einzutreten. Engagement war ihr nicht abzusprechen. Reibereien mit Parteifreunden, die andere Positionen als sie vertraten, scheute sie nicht. Als Angela Merkel im Jahr 2000 als erste Frau den CDU-Vorsitz eroberte und fünf Jahre später das Kanzleramt, hatte Süssmuth schon Jahrzehnte hinter sich, in denen sie versuchte, sowohl in der männlich geprägten Christlich Demokratischen Union eine Schneise für die Frauen zu schlagen als auch in der Gesellschaft. Manchen Parteifreunden ging sie damit auf die Nerven. Aber das hat sie nicht gehindert, weiterzumachen. Bis ins hohe und höchste Alter. Da rieb sie sich noch am längst verstorbenen Kanzler Helmut Kohl. „In seiner Gedankenwelt blieben Feministinnen fremde Frauenwesen.“ Für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie Rita Süssmuth wurde 1937 in Wuppertal geboren. Ihr Bildungshunger war früh erkennbar. Nach dem Abitur am Neusprachlichen Gymnasium in Rheine im Jahr 1956 studierte sie Romanistik und Geschichte in Münster, Tübingen und Paris, legte das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab und schloss ein Postgraduiertenstudium in Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie ab. Es folgte die Promotion zum Dr. phil. Sie lehrte an der Pädagogischen Hochschule Ruhr, wurde Professorin an der Ruhr-Universität Bochum und erhielt einen Lehrstuhl für International Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Dortmund. Bald wandte sich Süssmuth der Politik zu. Zunächst mittelbar, etwa durch die Mitarbeit im wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen des Familienministeriums. 1981 trat sie der CDU bei, 1983 übernahm sie den Vorsitz im Fachausschuss Familienpolitik in der Partei. Das war die Zeit, als CDU-Generalsekretär Heiner Geißler auf Süssmuth aufmerksam wurde. Neben dem Parteiamt war er Familienminister. Er sorgte dafür, dass die Frauenpolitik eine größere Bedeutung in der CDU bekam. 1985, mitten in der Legislaturperiode, wechselte Kohl seinen Familienminister aus, und Süssmuth übernahm überraschend das Amt. Ein Jahr später wurde dem Ressort die Frauenpolitik zugeschlagen. Süssmuth setzte Akzente. Sie, die berufstätige Mutter, kämpfte schon lange vor ihrer späteren Nachfolgerin Ursula von der Leyen für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das geschah zu einer Zeit, in der das noch weniger selbstverständlich war als zu Merkels und von der Leyens Zeiten. Süssmuth wandte sich zudem gegen Versuche, den kassenärztlichen Schutz bei Abtreibungen aufzuheben. Familienpolitik wollte sie nicht auf Verheiratete begrenzt sehen. Von Kohl weggelobt Zu erheblichem Streit in der Union kam es, als die Ministerin, die inzwischen auch zur Vorsitzenden der CDU-Frauenvereinigung gewählt worden war, forderte, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen. 1988 beendete Kanzler Kohl in der laufenden Legislaturperiode Süssmuths Amtszeit als Familienministerin. Stattdessen wurde sie mit großer Mehrheit zur Präsidentin des Bundestags gewählt. Weggelobt, könnte man sagen, von einem der kleineren Bundesministerien an die Spitze der Volksvertretung. Das Verhältnis zu Kohl wurde immer schlechter, vor allem weil Süssmuth – wie Geißler – zu jenem Kreis von CDU-Politikern gehörte, die Kohl 1989 stürzen wollten. Der Putschversuch misslang. Als Merkel Anfang der Neunzigerjahre schon Frauenministerin war und als größte Herausforderung die Reform des Abtreibungsrechts zu bewerkstelligen hatte, mischte sich auch Süssmuth ein. Sie forderte, die letzte Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch müsse bei der Frau liegen, und zeigte Sympathie für eine von SPD und FDP geforderte Fristenlösung mit Beratungspflicht. Trotz vieler Kontroversen blieb sie bis zum Ende der Kanzlerschaft Kohls 1998 Bundestagspräsidentin. Als die rot-grüne Bundesregierung unter dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder die Macht übernommen hatte, engagierte sich Süssmuth in der Migrationspolitik und übernahm den Vorsitz des neu eingerichteten „Sachverständigenrats Zuwanderung und Integration“. Als Merkels erster Anlauf auf die Kanzlerkandidatur 2002 am Widerstand aus den eigenen Reihen scheiterte, zeigte sich Süssmuth enttäuscht. „Wir müssen leider feststellen, dass wir Frauen bis heute kein wirklicher Machtfaktor sind“, sagte sie. Drei Jahre später wurde Merkel zur ersten Kanzlerin gewählt. Süssmuth war da schon seit drei Jahren nicht mehr Mitglied des Bundestags. Politisch wach und engagiert blieb sie jedoch bis an ihr Lebensende. Ein halbes Jahr nachdem sie öffentlich über ihren Tod gesprochen hatte, saß Rita Süssmuth an der Seite von Angela Merkel. Die beiden waren gekommen, um von der Zuschauertribüne des Bundestags aus zuzuschauen, wie Friedrich Merz zum Bundeskanzler gewählt wird. Das war eine schöne, mindestens eine faire Geste. Süssmuth gehörte in der CDU nicht gerade zum Merz-Lager. Am Wochenende ist Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren gestorben.