Die Chancen standen nie schlecht, Martin Parr in seiner Stiftung anzutreffen, untergebracht in einer ehemaligen Industrieanlage in Bristol – mit einer Bibliothek und einem Raum für Ausstellungen, mit Platz für sein Archiv und einem klimatisierten Lager für seine enorme Sammlung vor allem britischer Dokumentarfotografie, mit einer gemütlichen Sitzecke und einer Küche samt einem Tisch, an dem mühelos ein Dutzend Personen sitzen können. Jede freie Minute verbringe er hier, sagte er damals, vor drei Jahren: um Bilder zu beurteilen, Abzüge zu sortieren und sicherzustellen, dass er sein Lebenswerk geordnet hinterlasse. Vorsichtshalber habe er der Stiftung deshalb auch seine Immobilien überschrieben. „Am Geld“, sagte er, „soll es nicht scheitern.“ Dann lachte er, wie er so oft lachte. Plötzlich, laut und abgehackt. Fünf Mal Ha hintereinander, als lese er es vor, dann war Schluss, ebenso plötzlich, wie er mit dem Lachen begonnen hatte. Im Laufe eines Gesprächs gewöhnte man sich daran. Ernst hingegen wurde er bei der Frage, ob er sich in die Phalanx der großen britischen Satiriker einreihe. „Wieso?“ fragte er zurück, als sei ihm der Gedanke noch nie in den Sinn gekommen. Was er festhalte sei das Leben der Menschen in deren Freizeit. Überall auf der Welt. Am liebsten dort, wo viele beisammen seien. Bei Festen. Vor Sehenswürdigkeiten. Oder am Strand. So wie er es sagte, hätte man meinen können, er verstehe sich als Ethnologe. Dass sich die Menschen in der Sonne die Haut verbrennen und rot leuchten wie Krebse, nun. Dass Kinder sich die Gesichter mit Softeis in leuchtendbunten Farben verschmieren, tja. Dass Teenager Mayonnaise pfundweise über Pommes schütten, dass es nur so tropft, noch ein: nun. All das habe er ja nicht erfunden. Aber er hat es gesehen. Und festgehalten. In brüllend-bunten Fotografien. Das Individuum interessiert ihn dabei nicht. Ihm gehe es um die größtmögliche Zahl. Was nicht nur sein Menschenbild beschreibt, sondern sein gesamtes Wesen. Als er mit Gerry Badger eine wegweisende Geschichte des Fotobuchs herausbrachte, brauchten sie dazu drei kiloschwere Folianten. Sein eigenes Werk hat er in etlichen Dutzend Bildbänden verlegt. Und seine Wanderausstellungen erfüllten die Sehnsucht nach dem Superlativ zuletzt durch schiere Masse: bis zu vierhundert Bilder hingen dort an den Wänden, dass es ein Strahlen und Leuchten war, in dem Eidottergelb, Froschgrün und Ketchup-Rot gegeneinander wetteiferten. Je geschmackloser die Welt, desto genauer schaute Martin Parr hin. Dass er mit einem Tagesblitz, extremen Weitwinkelobjektiven und schrägen Perspektiven mancher Unerträglichkeit seine eigene Ästhetik überstülpte, machte die Motive nicht erträglicher. Leicht konnte einem der Anblick im Halse stecken bleiben. Was Martin Parr gut fand, gefiel nicht jedem. Manches sind Schrulligkeiten, und vor allem in seiner Heimat, in der die gelebte Britishness Garant ist für befremdliche Eigenarten und ausgelebte Exzentrik, musste Parr nie lange suchen, um auf Schwachstellen und Geschmacksentgleisungen zu stoßen. Das brachte ihm den Ruf des Zynikers ein. Den Vorschlag, ihn in den späten Achtzigerjahren zu Magnum zu holen, lehnten deshalb viele Mitglieder der Agentur rigoros ab. Als Henri Cartier-Bresson sich angesichts seiner Aufnahmen entsetzt abwandte, konterte Parr mit dezentem Understatement: „Don’t blame the messager.“ Später freilich wurde er bei Magnum sogar Präsident – auch wenn es ihn für seine Arbeit, wie er sagte, eher in einen Supermarkt zog als in einen Krieg. Parrs Kritik an den unerträglichen Zuständen der Welt, den Beispielen für Ungleichheit und Ungerechtigkeit, Egoismus und Isolation sowie fragwürdigen Auswirkungen der Globalisierung, ist schrill formuliert und beruft sich auf die Annahme, wonach die Satire alles dürfe. Dabei ist es am wenigsten all der Müll und Plunder oder auch der protzende Reichtum, dem er beim Pferderennen in Ascot oder auf Luxusmessen in Dubai begegnet ist, über den man staunt und der zugleich die Bilder oft schwer erträglich macht – es sind vielmehr die Menschen, die den Eindruck vollkommener Zufriedenheit vermitteln und nicht eine Sekunde lang zu glauben scheinen, es stimme mit ihrer Situation etwas nicht. Selbst wenn am Meer eine Frau ihr Sonnenplätzchen ausgerechnet unter der Kette einer monströsen Planierraupe gefunden hat. Oder Urlauber ihre Beine im Wasser baumeln lassen, in dem ganze Fuhren von Unrat treiben. Und so wird all der Spott, der diese Bilder zu bestimmen scheint, am Ende von einem Moment von Traurigkeit überlagert, geradeso wie bei fast jeder Clowneske. Jetzt ist Martin Parr in der Nacht zum Sonntag im Alter von 73 Jahren gestorben.
