Der Reggae, wie wir ihn kennen, kam natürlich aus Jamaika, und wenigstens in den Siebzigerjahren gab es zwei genuine Interpreten, die weit in den internationalen Popmarkt vordrangen, weiter jedenfalls, als die Anschlussfähigkeit dieser besonderen ethnischen Spielart es ursprünglich hätte zulassen können. Es waren Bob Marley und, nach dessen Tod 1981 quasi in alleiniger Vertretung, James Chambers, der sich Jimmy Cliff nannte. Er war schon eine ganz große Nummer, als er 1972 den Spielfilm „The Harder They Come“ nicht nur mit dem Soundtrack belieferte, sondern auch die Hauptrolle übernahm, einen jungen Mann vom Land, der in die Hauptstadt Kingston geht, um Sänger zu werden, aber bald merkt, dass er sich mit Drogenhandel etwas dazuverdienen muss. Schließlich wird er von der Polizei erschossen. Dieses Schicksal blieb Jimmy Cliff erspart. Aber die Art und Weise, wie seine Filmfigur auf die schiefe Bahn gerät und schließlich den entscheidenden Fehler macht, sagt etwas aus über die Aneignungsmuster in der Unterhaltungsindustrie, denen er selbst, als Künstler eigenen Rechts, ausgesetzt war, die er aber auch zu nutzen verstand. Im Film kommt er übers Radio auf den Rock’n’Roll-Geschmack und greift erst zur Waffe, nachdem er den Italo-Western „Django“ gesehen hat und sich im Showdown einer ganz bestimmten Szene erinnert. Damit wurde Cliff beinahe genauso zu einer Identifikationsfigur wie mit seiner Musik, zu der ihm Chris Blackwell, Gründer der britischen Island Records, auf denen dann auch Bob Marley veröffentlichte, entscheidende Impulse gab. Der holte ihn, ähnlich wie wenig später Chas Chandler den Gitarristen Jimi Hendrix, nach London, wo Cliff, der sich, fast noch minderjährig, mit Titeln wie „Miss Jamaica“, „King of Kings“ oder „One Eyed Jacks“ schon gewaltige heimatliche Reputation ersungen hatte, dann ganz groß herauskam. Einer der großen Popkünstler des Jahrzehnts Seine zweite Island-Aufnahme markierte 1969 den eigentlichen Durchbruch der karibischen Spielart, die Cliff mit klagendem, manchmal fast dünnem Falsett zu dezent insistierender Rhythmik vortrug, und enthielt mit „Many Rivers to Cross“ und vor allem der Pazifismus-Hymne „Vietnam“ seine wohl größten Hits: „Mrs. Brown, your son is dead ... and it came from Viet-nam, Viet-nam“ – das hatte es noch nicht gegeben: ein denkbar bitterer, anklagender Text, zu dem es sich trotzdem tanzen ließ. Die folgenden Platten, für die er sogar einen Abstecher ins rustikale Studio von Muscle Shoals, Alabama, machte, waren genauso unwiderstehlich und enthielten makellose Titel wie „Going Back West“, „Sitting in Limbo“ und das nachmals vielgecoverte „You Can Get it If You Really Want“, die mit ihrer behutsamen Instrumentierung auch Rock-Hörer ansprachen und Cliffs Status als eines der großen Popkünstler des Jahrzehnts festigten. Indes war ihm, außer durch Marley, aus allen Lagern Konkurrenz erwachsen: Paul Simon und Johnny Nash sprangen auf den Zug auf, später kamen The Police und machten Reggae vollends zu einer weißen Sache. Aber Jimmy Cliff ließ nicht locker, auch wenn sein Ausstoß irgendwann doch nachließ, nicht aber in der Qualität. An diesem Montag ist er im Alter von 81 Jahren in Kingston gestorben.
