FAZ 11.01.2026
13:53 Uhr

Zum Tod des Rennfahrers: Hans Herrmanns Glück und sein Blick fürs Machbare


Durchhalten auf hohem Niveau, das gelang Hans Herrmann außergewöhnlich gut. Vor allem bei Langstreckenrennen bewies der Stuttgarter viel Gespür und hatte gelegentlich auch Glück. Nun ist er im Alter von 97 Jahren gestorben.

Zum Tod des Rennfahrers: Hans Herrmanns Glück und sein Blick fürs Machbare
Bei eisigen Temperaturen gingen  in Minneapolis am Samstag Zehntausende auf die Straße. (Foto: Octavio Jones/AFP)

„Hans im Glück.“ So beschrieb er sich, Hans Herrmann, der Rennfahrer. Ein Blick auf seine Statistiken lässt ein bisschen daran zweifeln: 18 Formel-1-Rennen unter anderem mit Mercedes, zehn Punkte, eine schnellste Rennrunde. Herrmann zählte – mit Blick auf die Resultate – nicht zu den Größten der deutschen Formel-1-Geschichte. Aber der 1929 in Stuttgart geborene, zum Konditor ausgebildete Schwabe buk nie kleine Brötchen. Was auch daran lag, dass er das Café seiner Mutter nicht übernahm, sondern sich dem Motorsport verschrieb. Der war längst nicht so strukturiert wie heute. Talentierte Fahrer wie Herrmann mussten überall ins Lenkrad greifen, um über die Runden kommen zu können. Er lernte zwar den Star der Formel 1, Juan Manuel Fangio, bei der kurzen Rückkehr von Mercedes ins Grand-Prix-Geschäft als Teamkollegen kennen, auch den verehrten Stirling Moss. Seine Heimat auf vier Rädern aber wurde Porsche, sein Revier der Sportwagenwettbewerb, etwa mit den Langstreckenrennen, von der Mille Miglia bis zu den legendären „24 Stunden“ von Le Mans: Durchhalten auf hohem Niveau. Dieses Bild charakterisiert Hermanns Karriere. Dabei mag ihn auch das Gespür ins Ziel geführt haben, mal für einen Tick vom Gas zu gehen, wo andere das Pedal ins Bodenblech traten. Sein Glück hing vom Blick für das Machbare ab. Und wenn dazu eine sich schließende Bahnschranke gehörte, die er und sein Beifahrer bei der Mille Miglia 1954 auf dem Weg zum Triumph unterfuhren – geduckt im flachen Porsche 550 Spyder. Der Schnellzug kam keinen Moment zu früh. Hans im Glück. Ein Bild steht exemplarisch für dieses Fortune: 1959, auf der AVUS (Berlin), fällt die Bremse des B.R.M. aus. Herrmanns Rennwagen überschlägt sich mehrmals, der Pilot wird herausgeschleudert, rutscht hinter dem Wrack her, steht aber schon auf, als es gerade zum Liegen gekommen ist. Die Streckenposten jubeln. Sie sahen, welcher Generation Rennfahrer Herrmann angehörte: jener, die morgens nicht wusste, ob sie das Hotelzimmer abends wiedersehen würde. Und so prägten nicht nur die großen Erfolge – der erste Gesamtsieg von Porsche 1970 in Le Mans in Herrmanns letztem Profi-Rennen mit 41 Jahren – diese Karriere. Sie überlebt zu haben, ist eine gewaltige Leistung, die nur zu einem kleinen Teil vom Glück abhing. Am vergangenen Freitag ist Herrmann im Alter von 97 Jahren gestorben.